Premiere
Die drei Seelen der Frau: Die Frage nach der Identität

Am Tobs wird «Wir sind Hundert» von Jonas Hassen Khemiri gespielt. Die Schauspielerinnen stellen die Frage «Was wäre wenn?» auf eine neue Ebene.

Angelica Schorre
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Drei Frauen sind eine: (v.l.) die alte (Barbara Grimm), die junge (Tatjana Sebben), die mittlere (Atina Tabé).

Drei Frauen sind eine: (v.l.) die alte (Barbara Grimm), die junge (Tatjana Sebben), die mittlere (Atina Tabé).

Sabine Burger

Goethes Faust hat es da vergleichsweise gut: In seiner Brust wohnen «nur» zwei Seelen, von denen sich die eine von der anderen trennen will. Was aber, wenn es drei, vier oder 100 Seelen sind? Dann stellt sich die Frage nach Identität. Dass diese Sinnsuche nicht bierernst sein muss und eigentlich nur mit Humor auszuhalten ist, zeigt das Theaterstück «Wir sind Hundert» von Jonas Hassen Khemiri. Die Schweizer Erstaufführung ist von Franz-Xaver Mayr rasant und immer wieder überraschend inszeniert – das Premierenpublikum machte wohlwollend mit, zeigte seine Begeisterung auch im spontanen Szenenapplaus.

Eine Frau hat Geburtstag und will sich vom Dach stürzen. Diese Frau besteht aus drei Frauen: einer jungen (Tatjana Sebben), einer mittleren (Atina Tabé) und einer alten (Barbara Grimm).
Die junge Frau will die Welt verbessern, von aller Unterdrückung befreien und motzt gegen das Establishment – der Weg zum normalen, glücklichen Leben kann nur «elektrogeschockt» erfolgen. Dieses glückliche (Familien-)Leben in Geborgenheit wünscht sich die mittlere. Die alte Frau will bei aller Souveränität («Haustiere für alle!») ihre Ruhe haben. So macht sie nur widerwillig mit, als sie befinden, den Selbstmord zu verschieben und ihr Leben nochmals zu leben. Diesmal wollen sie es aber besser, richtig machen.

Was wäre wenn?

Erzählend tasten sie sich durchs Leben, doch jede sieht den jeweiligen Lebensabschnitt anders. Da hilft es nicht, wenn sie korrigierend eingreifen: «Spiel das doch mal so!» Die alte Frage «Was wäre wenn gewesen?» bleibt eine Müssige. Auch wenn sie sich Mühe geben und Erfolg haben, irgendwann schauen sie in den Spiegel und fragen sich, was das Ganze soll. Die Sinn- und Identitätssuche scheitert, es bleiben «nur noch Scherben übrig», sie müssen «nur sterben».

Die drei Schauspielerinnen spielen mitreissend, variantenreich und mit komödiantischem Können; sie packen auch den letzten Zuschauer mit ihrer ausdrucksstarken Mimik: Der angewiderte Blick von Tatjana Sebben, das zum Beispiel machohafte Auftreten von Barbara Grimm, der hausfraulich-liebreizende Gesichtsausdruck von Atina Tabé ... Hervorzuheben sind die Gesangseinlagen wie etwa das dreistimmig interpretierte Heimwehlied «Dort wo die Blumen blühn, dort wo die Täler grün» – Szenenapplaus.

Jonas Hassen Khemiri (1978) ist einer der bekanntesten Autoren Schwedens. «Wir sind Hundert» wurde 2009 uraufgeführt. Am Tobs wurde von ihm schon «Fünf mal Gott» gespielt.
Weitere Aufführungen: Di, 26.9., 19.30; Do, 28.9., 19.30; Mi, 11.10., 19.30; Fr, 13.10., 19.30; Sa, 4.11., 19.00; So, 5.11., 17.00. Bühnenbild, Kostüme: Michela Flück; Dramaturgie: Margrit Sengebusch. Tatjana Sebben gehört ab Winter 2017 zum festen Schauspielensemble.