Wenn ich als Regierungsrätin gewählt werde, ist es mir ein grosses Anliegen, für alle Solothurnerinnen und Solothurner Lebensqualität zu schaffen.» Sagt Marianne Meister, sie, die sich insbesondere in den letzten vier Jahren den Ruf einer stramm rechtsfreisinnig politisierenden Gewerbelobbyistin erarbeitet hat.

In ihren Voten im Kantonsrat lässt sie keine Gelegenheit aus, mehr Freiheit fürs Gewerbe zu fordern. Und immer auch wieder der Appell, dass jeder selbst für sich Verantwortung übernehmen muss. «Vielen Menschen in unserer Gesellschaft geht es nicht gut, wir müssen auch diese mitnehmen», sagt sie, jetzt. Nur Wahlkampfrhetorik, um Wählerinnen und Wähler über das freisinnige und rechtsbürgerliche Lager hinaus anzulocken?

Eine Spurensuche. Marianne Meister ist Gewerblerin durch und durch. Auch jetzt, mitten im Wahlkampf, schnürt sie sich hin und wieder die Schürze um und stellt sich hinter die Theke in ihrem Laden. Wir haben sie vor Ort besucht. «Ich bin zurzeit der Joker, wenn es irgendwo brennt», meint sie lachend und grüsst eine Kundin. Man kennt sich, hier in Messen. Das Geschäft liegt an der Hauptstrasse, mitten im Dorfzentrum. Hier gibt es alles, wie es sich für einen Dorfladen gehört.

Vom Waschmittel über das Gemüse und Obst bis zu den wolligen Handschuhen und den Papeterieartikeln. Früher hätte man von einem Tante-Emma-Gemischtwarenladen gesprochen, einem ziemlich stattlichen allerdings. Seit etlichen Jahren führen Marianne Meister und ihr Mann Ruedi das Geschäft als Partner von Discounter Denner. Die Zusammenarbeit mit einem Partner ist für die beiden eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens. «Wir sind und bleiben aber selbstständige Detaillisten», sagt sie stolz.

Gewerbler und Freisinnige seit Generationen

Wenn sie im Laden steht, dann kreiert sie am liebsten Käseplatten. «Wir haben über 100 verschiedene Käsearten.» Neben den Sorten, die in jeder Käsetheke hierzulande zu finden sind, gibts im Laden der Familie Meister so allerhand Spezialitäten aus den Käsereien der Region. Mit geübter Hand schneidet sie ein Stück Bucheggberger Schlosskäse ab. Regionale Produkte sind bei der Kundschaft besonders beliebt. Meisters beziehen von den Produzenten der Region zudem auch Kartoffeln oder Gemüse und Obst.

«Es braucht immer wieder innovative Ideen, um als Gewerbler eine Zukunft zu haben», weiss die Detailhändlerin, die ausgebildete Damenschneiderin und Handarbeitslehrerin ist. Gelungen ist das Ruedi und Marianne Meister gar nicht schlecht. Gut 20 Jahre wirken die beiden jetzt in Messen und haben 12 Angestellte, wenn auch zum Teil nur mit kleinsten Pensen. Plötzlich ertönt ein Klingelton – und Ehemann Ruedi verschwindet durch eine Tür hinüber in die Filiale der Spar- und Leihkasse Bucheggberg. Der studierte Agronom ist seit 1996 nicht nur Detailhändler, sondern auch noch Bank-Angestellter.

Ehefrau Marianne hat das Gewerbe im Blut, seit Generationen. Wir haben in der Zwischenzeit vom Geschäft hinüber ins Restaurant Löwen gewechselt, wo sie bei einer Tasse Tee ihre Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die eng mit Messen verbunden ist. Hier wurde sie 1962 geboren, eines von vier Kindern. In eine Familie hinein, die damals bereits in der dritten Generation ihr wirtschaftliches Glück als Händler versuchte. Ihre Vorfahren reisten einst im Pferdefuhrwerk und vollbepackt ins Emmental, um dort ihre Waren anzupreisen. Ebenfalls seit Generationen gibts den Laden am heutigen Standort in Messen.

Smartspider von Marianne Meister

Smartspider von Marianne Meister

Selbstverständlich war es trotzdem nicht, dass sie und ihr Mann die Familientradition weiterführen würden. Als 1996 aber dann der Vater das Geschäft verkaufen wollte, war für das Ehepaar Meister schnell mal klar «wir machen das». «Ein Leben als selbstständig Erwerbende war uns beiden vertraut.» Zudem bot die Übernahme des Geschäfts die Möglichkeit, als Familie mit mittlerweile drei Kindern gemeinsam erwerbstätig zu sein.

Während ihr Ehemann sich um den Lebensmittelladen im Erdgeschoss kümmerte, drückte sie dem Familienunternehmen mit der Einrichtung eines Modegeschäfts im ersten Stock ihren ganz persönlichen Stempel auf. 15 Jahre lang schaffte sie es, die Kundinnen nach Messen zu locken, mit allerhand zusätzlichen Dienstleistungen, von der Modeschau über den Foulardkurs bis zu Stilberatung.

Trotz aller unternehmerischer Kreativität («und sehr viel Arbeit») war dann aber Schluss, es ging einfach nicht mehr, die Kundinnen blieben aus und die Lieferanten stellten Forderungen, die sie nicht mehr erfüllen konnte. «Man kann eine Entwicklung nicht aufhalten und muss der Realität ins Auge schauen.» Rechtzeitig, wenn auch schweren Herzens, hat sie das Modegeschäft aufgegeben. Seither arbeitet sie unten im Laden mit und ist für die Lehrlingsbetreuung zuständig.

Neben dem Gewerbe gehört zur Familientradition auch das freisinnige politische Engagement. Eine ganze Reihe ihrer – männlichen – Vorfahren sorgte auf Gemeinde- und Kantonsebene für möglichst gewerbefreundliche Bedingungen. Verankert war dieses Engagement im typischen Solothurner Freisinn, der sich als Volkspartei versteht. «Der Staat soll dem Individuum und der Wirtschaft möglichst grosse Freiheiten gewähren und gleichzeitig aber auch all jene unterstützen, die weniger privilegiert sind», sagt Marianne Meister – und skizziert damit auch ihr eigenes politisches Credo.

Mit viel Kampfgeist bis zur Präsidentin des Gewerbeverbands

Sie selbst ist eher zufällig in die Politik hineingerutscht. Das war vor rund zwölf Jahren. Mitgerissen hatte sie damals die private Initiative eines Arztes im Dorf, der einen als Begegnungszone gestalteten Spielplatz einrichten wollte. «Gegen harten politischen Widerstand haben wir das damals durchgezogen.»

Damit hatte sie einen Fuss drin – und dann ging es rasch vorwärts. «Ich bin eine Macherin und eine Kämpfernatur», sagt sie von sich selbst. Auf die Wahl in den Gemeinderat (2005) folgte bald die Wahl ins Gemeindepräsidium (2007). Seit 2009 ist sie zudem Mitglied der freisinnigen Fraktion des Kantonsrats. Politisch so richtig Schub verlieh ihr die Wahl zur Präsidentin des Kantonal-Solothurnischen Gewerbeverbands im Jahr 2013. 

Das Lobbying für die Interessen des Gewerbes und der Wirtschaft im Allgemeinen prägt seither ihre politische Arbeit. «Ich will dem Gewerbe ein Gesicht und eine Stimme geben», sagt sie. In den letzten vier Jahren sei das ihre Aufgabe gewesen – «und alles, was ich anpacke, mache ich mit grosser Leidenschaft». Ihr Engagement für die Wirtschaft – und die Unterstützung derselben –  genügte dann aber nicht, um bei den nationalen Wahlen 2015 für die FDP den verloren gegangenen Sitz im «Stöckli» zurückzuholen. Im Gegenteil, sie landete bei den Ständeratswahlen abgeschlagen auf dem letzten Platz.

Sicher mit ein Grund, weshalb sie sich jetzt, wo sie den zweiten Sitz für die FDP in der Regierung sichern soll, vom Image als Wirtschaftsvertreterin etwas wegkommen will. «Als Regierungsrätin will ich alle Teile der Gesellschaft ins Boot holen», sagt sie. Zu einem guten Wirtschaftssystem gehören auch gute Sozialleistungen, betont Meister – und fügt bei: «Ich bin ein sozial gesinnter Mensch.» Zurzeit absolviert eine junge Frau aus der Elfenbeinküste eine Attestlehre im Geschäft der Familie Meister. Und ein besonderes Anliegen sind ihr möglichst gute Bedingungen für die Behinderteninstitutionen.

Eine erste Nagelprobe für ihr soziales Engagement als Regierungsrätin dürfte dann freilich die kantonale Umsetzung der USR III sein. Wie hält es die Wirtschaftsvertreterin mit der geplanten Tiefsteuerstrategie, die womöglich einschneidende Sparmassnahmen zur Folge haben wird? «Die Strategie der Regierung geht in die richtige Richtung. Wo dann allerdings der Gewinnsteuersatz zu liegen kommt, muss am runden Tisch ausgehandelt werden.»

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