Dritte Belchenröhre
«Die Belchenröhre wird den grossen Druckkräften standhalten»

Laut Astra-Vizedirektor Jürg Röthlisberger wird der Neubau nicht eine zusätzliche Sanierungsfalle. Im Interview spricht er über die Höhe der Kosten und warum eine dritte Röhre für den Kanton notwendig ist.

Bojan Stula
Merken
Drucken
Teilen
Keine Konkurrenz für den Wisenberg-Bahntunnel: Die für 2022 vorgesehene dritte Belchenröhre.

Keine Konkurrenz für den Wisenberg-Bahntunnel: Die für 2022 vorgesehene dritte Belchenröhre.

Visualisierung ZVG

Jürg Röthlisberger, bei den beiden Belchenröhren hat man wegen des Jura-Gipskeupers ständigen Sanierungsbedarf. Wird nun mit der dritten Röhre ein zusätzliches Sanierungsfass ohne Boden aufgetan?
Jürg Röthlisberger: Deshalb klar nein, weil wir die neue Belchenröhre statisch so werden dimensionieren können, dass sie den grossen Druckkräften des quellfähigen Gebirges dauerhaft wird standhalten können. Vor allem das Tunnelgewölbe werden wir entsprechend dimensionieren, und das wird stellenweise über einen Meter stark dick sein. Damit wird der neue Tunnel den hauptsächlichen Schwachpunkt der beiden bestehenden Röhren nicht haben.
Oft verdoppeln sich bei solchen Grossprojekten die Baukosten. Was wird der Bund dagegen tun, damit am Ende die dritte Belchenröhre nicht eine Milliarde statt der nun propagierten 500 Millionen kostet?
In den vergangenen vier Jahren haben wir das Bauprojekt umfassenden Risiko- und Kostenuntersuchungen unterzogen und es entsprechend verbessert. Die nun von uns veranschlagten Baukosten von rund 500 Millionen Franken sind realistisch gerechnet, wobei all unsere Erfahrungen im Bau von Nationalstrassentunneln eingeflossen sind. Klar ist aber auch, dass der Tunnelbau im Opalinuston und Gipskeuper spezielle Anforderungen nicht nur an die Planer stellt, sondern auch an die Ausführenden. Hinsichtlich Projektorganisation, Produktionsprozessen sowie Qualitätssicherung und Kostenmanagement werden wir deshalb in der Realisierungsphase auf allen Ebenen besonders hohe Anforderungen stellen müssen und wollen.
Wie viel wird die Sanierung der beiden alten Röhren kosten?
Rund 300 Millionen Franken. Die genaue Ausgestaltung und der genaue Umfang der Sanierungsmassnahmen an den beiden bestehenden Röhren ist nun allerdings noch Gegenstand der anstehenden Detailuntersuchungen. Alle Sanierungsmassnahmen werden dem Prinzip von maximaler Wirkung bei minimalen Kosten zu genügen haben, wobei wir nicht nur die Investitions-, sondern vielmehr die Lebenszykluskosten betrachten.
Wann wird die neue dritte Röhre erstmals saniert werden müssen, sollte sie wie vorgesehen 2022 eröffnet werden?
Eine erste umfassende Gesamterneuerung wird erst mehrere Jahrzehnte nach Inbetriebnahme nötig sein. Hingegen wird auch die neue Tunnelröhre den üblichen betrieblichen und kleinen baulichen Unterhalt erfordern und erhalten wie alle anderen 227 heute in Betrieb stehenden National-strassentunnels auch.
Kritiker sind überzeugt: Eine Sanierung ohne dritte Röhre wäre die bessere Lösung.
Einer der hauptsächlichen Gründe, weshalb wir uns für den Bau der dritten Röhre entschieden haben, ist genau der, dass die beiden bestehenden Tunnels mit Nachtarbeit alleine nicht hätten verstärkt werden können. Dafür sind zwingend langzeitige Vollsperrungen nötig. Wollen wir also aus unseren beiden kostenintensiven Sorgenkindern am Belchen mindestens Unauffällige machen, müssen wir sie einer tief greifenden, umfassenden Behandlung unterziehen und aus dem Verkehr nehmen. Damit in dieser Zeit die Achse N 2 nicht völlig kollabiert, was enorme volkswirtschaftliche Folgen hätte, ist die Lösung mit einer dritten Röhre die mit Abstand nachhaltigste und diejenige mit dem besten Kosten-Nutzen-Verhältnis.
Wird die dritte Röhre nach Abschluss der Sanierung bei Stausituationen nun geöffnet werden oder nicht? Dazu waren in den Tagen nach dem Bauentscheid unterschiedliche Meinungen und Aussagen nachzulesen.
Glasklar nein. Etwas anderes würde dem vom Bundesrat auf Antrag der damals noch federführenden Kantone Baselland und Solothurn genehmigten generellen Projekt zuwider laufen. Der politische Wille ist demnach undiskutabel klar. Das Astra als verantwortliche Verwaltungsbehörde im Auftrag der politischen Ebene kann und wird deshalb den Belchen nicht als sechsspurig betrachten. Auch nicht temporär!
Aber wenn die eine Röhre wegen Unterhalt oder Unfall gesperrt ist, dann schon.
Ja, genau so ist das gemeint, also im Prinzip werden nie mehr als vier Spuren gleichzeitig in Betrieb sein.
Im Baselbiet befürchten nun viele, dass wegen der dritten Belchenröhre kein Geld für den viel wichtigeren dritten Jura-Bahndurchstich, also den Wisenbergtunnel, übrig bleibt. Was sagt das Astra dazu?
Wegen der heute unterschiedlichen Finanzierungsquellen besteht auf den ersten Blick keine direkte Konkurrenz zwischen den beiden erwähnten Projekten. Auf der sachlichen Ebene besteht zwischen einer dritten Strassentunnelröhre am Belchen und einem bahnseitigen Wisenbergtunnel ohnehin nicht der geringste Zusammenhang. Schon aus diesem Grund könnte es nie richtig sein, die beiden Projekte gegeneinander auszuspielen.
Ein Vorwurf im Zusammenhang mit Bauentscheid betrifft Sie selbst. Als Vorstandsmitglied von Swiss Tunnel hätten Sie sich naturgemäss für den Bau eines neuen Tunnels eingesetzt, und nicht für die Nachtarbeitsvariante.
Ich bin in der Tat Vorstandsmitglied der Fachgruppe für Untertagebau FGU des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins und gestalte dort die Tunnelnormen sehr gerne und mit viel Freude mit. Ich kann aber beruhigen. Die Verwaltung ist ebenso wenig ein Königreich, wie es die Schweiz ist. Entsprechend hätte keine verantwortliche Person genügend Kompetenzen, um ein derartiges Vorhaben im Alleingang und noch dazu nach persönlichen Präferenzen durchzuboxen. Zudem habe ich vor den Steuerzahlenden, den eigenen Werten und auch dem Bau der dritten Röhre zu viel Respekt, um solche gewichtigen Entscheide aufgrund niederer Motive vorzubereiten.