«Die bekannten Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs», betont Franz Ziegler, Leiter der Fachstelle Kinderschutz. Er referierte im Betagtenheim Blumenfeld Zuchwil über die Kindesmisshandlung.

Dies anlässlich einer öffentlichen Informationsveranstaltung des Vereins Tagesfamilien Kanton Solothurn (VTSO). Im Publikum sassen vor allem Tageseltern und Eltern, die ihr Kind bereits betreuen lassen oder betreuen lassen wollen.

Misshandlung wegen Ungehorsam

Die Definition von Kindesmisshandlung: die bewusste Schädigung eines Kindes innerhalb der Familie oder einer Institution. Sie führt zu Verletzungen, Entwicklungshemmungen oder gar zum Tod.

Dazu gehören Vernachlässigung sowie sexuelle, physische und psychische Gewalt. Gemäss der Stiftung Kinderschutz Schweiz wurden 2006 wegen Verletzung der sexuellen Integrität 3548 Personen angezeigt. Die Dunkelziffer und die anderen Formen der Kindsmisshandlung lassen diese Zahl noch weiter steigen.

Nach dem Wortlaut des Gesetzes sei «bereits» ein «Chlapf» strafbar. «Die Grenze der elterlichen Strenge ist dann überschritten, wenn die physische Integrität des Kindes verletzt wird», erläutert Ziegler.

Mit einem Beispiel löste er Fassungslosigkeit unter den Anwesenden aus: Zwei Umfragen aus den Jahren 1992 und 2005 zeigten, dass jeweils mehr Knaben als Mädchen körperlich misshandelt werden.

Unter den Opfern befinden sich zahlreiche Kinder im Alter zwischen null und zweieinhalb Jahren. Deren Erziehungsberechtigte gaben als häufigsten Grund an, dass das Kind ungehorsam gewesen sei.

Direkt darauf folgten: «Das Kind hat genervt» und «ich war gehetzt». In einem zweiten Teil des Referats stellte Ziegler den Kinderschutz vor. Stelle man eine Veränderung am Verhalten eines Kindes fest, müsse man vorsichtig sein: «Das Kind kann aus vielen Gründen sein Verhalten ändern», erklärt der Heilpädagoge und Psychologe, der sich bereits seit rund dreissig Jahren mit Kindesmisshandlung auseinandersetzt.

«Langsamer und überlegt handeln ist oft schneller, als überstürzt vorzugehen.» Wolle man helfen, so habe man verschiedene Möglichkeiten: Man könne den behördlichen Weg wählen, demnach mit der Polizei oder der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) Kontakt aufnehmen, oder mit anderen Personen sprechen, wie Eltern, Lehrern oder dem Kind selbst.

Entzug der elterlichen Obhut

In Solothurn gibt es drei KESB-Behörden. Die Fachstelle Kinderschutz besteht im Kanton noch bis Ende 2015. «Man kann bei den Behörden zunächst eine Beratung einholen, indem man die Informationen anonymisiert.

Solange man keine Namen nennt, müssen die verschiedenen Ämter nicht eingreifen», so Ziegler. Ist das Wohl des Kindes «eindeutig» gefährdet, werden Massnahmen ergriffen, ein Begriff, der nicht leicht zu definieren ist.

Ausserdem sei es oft sehr schwer, wenn nicht sogar unmöglich, Kindesmisshandlung ohne Zeugenaussagen nachzuweisen, sogar bei körperlicher Gewalt, denn die meisten Verletzungen könnten anders geschehen sein.

Liege ein Fall vor, würde versucht, das Kind so lange wie möglich in der Familie zu behalten. Erst wenn die Massnahmen nicht helfen, wird das Kind der elterlichen Obhut entzogen, als letztes Mittel entziehe man den Eltern das Sorgerecht.

Vor dem Referat stellten Esther Haldemann, Geschäftsleitung VTSO, und Annemieke Moonen, Vermittlerin beim VTSO, den Verein vor, welcher für Eltern Tagesfamilien sucht, findet und Tagesfamilien unterstützt.