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Die Ära der Pfingstmärsche geht zu Ende

Brigit Wyss war am Pfingstmontag 2010 mit dabei, als 5000 Menschen im Aargau gegen den Bau neuer AKW protestierten. «Die Ära der Pfingstmärsche ist vorbei», meint die grüne Politikerin heute.

Elisabeth Seifert
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Brigit Wyss (Grüne, Solothurn) ist Kantons- und Gemeinderätin. Im Hintergrund das mit einer Photovoltaik-Anlage bestückte Dach der Regio Energie Solothurn.

Brigit Wyss (Grüne, Solothurn) ist Kantons- und Gemeinderätin. Im Hintergrund das mit einer Photovoltaik-Anlage bestückte Dach der Regio Energie Solothurn.

Hansueli Mülchi

Sie war vor vier Jahren, am Pfingstmontag 2010, ganz vorne mit dabei. Etwa 5000 Menschen demonstrierten mit einem Protestmarsch zum Atomkraftwerk Gösgen gegen den Bau neuer Atommeiler. Für Brigit Wyss, die sich seit dem Reaktorunfall in Tschernobyl Mitte der 80er-Jahre dem Kampf gegen die Atomenergie verschrieben hat, war die Teilnahme ein absolutes Muss.

Mobilisiert hatten für diesen «Menschenstrom gegen Atom» über 80 Organisationen, aus der Schweiz, aus Frankreich, Österreich und Deutschland. «Mit diesem Protestmarsch wird der Grundstein für den Ausstieg aus der Atomenergie gelegt», liess sich Wyss, die damals für die Grünen im Nationalrat sass, in der «Badischen Zeitung» zitieren.

Heute lächelt sie, wenn sie auf ihre damalige Aussage angesprochen wird. Wer nämlich hätte schon gedacht, dass der Bundesrat nur ein Jahr später, Ende Mai 2011, den Ausstieg aus der Atomenergie beschliesst. Nein, nein, über prophetische Gaben verfüge sie keine, wehrt sie entschieden ab. Zufrieden ist Brigit Wyss mit der Entwicklung aber allemal. Und auch ein wenig stolz. Obwohl sie die sich überstürzenden politischen Ereignisse nach der Katastrophe von Fukushima im März 2011 nicht selber mitbestimmen konnte.

Im Frühling 2010 jedenfalls war diese Trendwende nicht absehbar. Im Gegenteil. Ab dem Jahr 2007 reichten die Kantone Rahmenbewilligungsgesuche für den Bau neuer Atomkraftwerke ein, weil die «alten» langsam in die Jahre kamen, auch der Kanton Solothurn deponierte ein solches in Bundesbern. «Da ist uns schnell klar geworden, jetzt gilt es ernst», sagt die 54-jährige Politikerin, die sich als Co-Präsidentin in der Organisation «Nie wieder Atomkraftwerke» (NWA) engagiert. Zuvor war es ziemlich still geworden um die Anti-AKW-Bewegung. Nach Tschernobyl hatte das Stimmvolk 1990 einem Atom-Moratorium zugestimmt. «Wir gingen davon aus, dass in der Schweiz keine neuen AKWs mehr gebaut werden.» So wirklich wachgerüttelt wurden die Aktivistinnen und Aktivisten auch nicht, als das Stimmvolk rund zehn Jahre später eine Verlängerung des Moratoriums ablehnte. Mit dem Einreichen neuer Rahmenbewilligungsgesuche änderte sich das dann aber ziemlich rasch.

Um sich Gehör zu verschaffen, erinnerte sich die Bewegung an die traditionellen Pfingstmärsche. Einer der ersten und gleichzeitig der grösste Pfingstmarsch fand Ende Mai 1977 statt, noch ohne Brigit Wyss. Schauplatz war auch damals das Niederamt. Rund 10 000 Menschen wanderten zum Gelände des geplanten Kernkraftwerks Gösgen in der – vergeblichen – Hoffnung, den Bau zu stoppen.

Weshalb aber knüpfte die Anti-AKW-Bewegung eigentlich an christliche Feiertage an? «Keine Ahnung», antwortet Brigit Wyss spontan und schiebt als mögliche Erklärung nach: «Die Jahreszeit eignet sich gut für einen Protestmarsch und das verlängerte Wochenende bietet genügend Freiraum für eine Demo.» Einen quasi-religiösen Hintergrund «ihrer» Bewegung kann sie aber nicht erkennen.

Tatsache ist: Die Grünen sind zum einen aus der Friedensbewegung herausgewachsen, die ihre Botschaften an «Ostermärschen» unters Volk brachte. Einen weiteren Meilenstein bildete die Anti-AKW-Bewegung, die sich mit ihren «Pfingstmärschen» im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit verankerte. Brigit Wyss, die 1988 der Grünen Partei beigetreten ist, hat seit 2007 an mehreren Pfingstmärschen teilgenommen. Das Ziel war neben Gösgen auch die Atomkraftwerke Beznau und Mühleberg. In den letzten beiden Jahren aber ist es still geworden um diese für die Grünen identitätsstiftende Tradition.

Auch am Pfingstmontag 2014 wird es keinen Pfingstmarsch geben. Und Brigit Wyss ist überzeugt, dass es auch in den nächsten Jahren solche nicht mehr brauchen wird. «Die Ära der Pfingstmärsche ist vorbei, wir sind mit dem Entscheid des Bundesrats, aus der Atomenergie auszusteigen, in eine neue Phase eingetreten.» Eine Phase, die alles andere als einfach sein wird, das weiss auch die grüne Politikerin. «Ich bin aber überzeugt, dass in der Schweiz keine neuen Atomkraftwerke mehr gebaut werden.» Nach dem Kampf gegen Atomkraftwerke gehört ihr ganzes Engagement jetzt dem Einsatz für erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Ihre Kernbotschaft: «Die Schweiz ist in der Lage ihren Strombedarf zu 100 Prozent über erneuerbare Energien abzudecken, vielleicht schon bis 2025, sicher aber ab 2035.»

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