Alkoholkampagne
«Die Anonymen Alkoholiker heissen nicht umsonst so»

In der Schweiz gibt es über 250000 Alkoholabhängige. Dennoch interessierte sich nur ein einziger Gast für einen Anlass der Psychiatrischen Dienste in Solothurn zum Thema.

Agnes Portman-Leupi
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Thomas Krebs, Simon Ruchti, Sanja Möll, Georg Steinemann, Natalie Kretschmer und Peter Marti (v.l.) warteten vergeblich auf einen Grossaufmarsch zum Fachreferat mit Diskussion.

Thomas Krebs, Simon Ruchti, Sanja Möll, Georg Steinemann, Natalie Kretschmer und Peter Marti (v.l.) warteten vergeblich auf einen Grossaufmarsch zum Fachreferat mit Diskussion.

APB

An der Bar stehen leckere, alkoholfreie Cocktails in Sektgläsern. Abnehmer finden sie jedoch nicht. Nur gerade eine Besucherin interessierte sich für das Referat mit Diskussion der Psychiatrischen Dienste der Solothurner Spitäler AG zum Thema «Ich trinke, weil ich traurig bin».

Rätselraten bei den Personen im Fachbereich Abhängigkeitserkrankungen (Oberarzt Georg Steinemann, leitender Oberarzt Thomas Krebs, Fachexperte Peter Marti und Pfleger Simon Ruckli) sowie bei Projektleiterin Natalie Kretschmer und Mitarbeiterin Sanja Möll vom Blauen Kreuz Solothurn. «Obwohl Alkohol die grösste Abhängigkeitserkrankung ist, braucht es Überwindung, an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen», ist Marti überzeugt.

Dialogwoche Alkohol

Während der nationalen Dialogwoche finden in der Region Solothurn diverse Aktionen statt: 23. Mai ab 16 Uhr in Solothurn (Amthausplatz): Standaktion mit Drinks des Casa Fidelio; 24. Mai 8-12.45 Uhr in Balsthal (Wochenmarkt): Standaktion mit Wettbewerb und Fahrsimulatoren; 24. Mai 13.30-21 Uhr in Solothurn (Altes Spital): Alkoholfreie Drinks shaken im Jugendtreff; 24. Mai 18.30 Uhr in Solothurn (Brauerei Öufi Bier): Führung und Braumeisterapéro; 25./26. Mai 12-20 Uhr in Grenchen (mia): Wettbewerb, Fahrsimulatoren und Drinks; 30. Mai 20 Uhr in Solothurn (Kulturm): Genuss-Degustation. (szr)

«Gerade bei Betroffenen ist der Widerstand sehr hoch, weil sie ihre Abhängigkeit nicht sehen, bagatellisieren oder verleugnen wollen», sagt Krebs. «Die Anonymen Alkoholiker heissen nicht umsonst so.» Alkoholprobleme seien immer noch eine zwielichtige Erscheinung, Depressionen oder Burnouts dagegen anerkannter. «Oft wird Alkoholsucht als Charakterschwäche abgetan», weiss Ruckli. Kretschmer hätte vor allem Mitbetroffene erwartet. Die einzige Besucherin, eine junge Frau, beurteilt das Internet als unpersönliche Informationsquelle vorteilhafter.

Warum trinke ich?

Steinemann, der das Eingangsreferat gehalten hätte, weist auf Statistiken hin. Danach sind in der Schweiz 250 000 bis 300 000 Personen alkoholabhängig. Im Alter nimmt der schädliche Konsum zu. Bereits 80 Prozent der Fünfzehnjährigen trinken regelmässig Alkohol. «Trinke ich, weil ich gefrustet bin, es die andern auch tun, ich mich einsam fühle oder weil es mich entspannt?», wirft Steinemann Fragen auf. «Trinken gehört oft zu einem gewissen Lebensstil, plötzlich ist man abhängig», verdeutlicht er. «Das subjektive Leiden fängt bei Alkohol erst später an, wenn man schon krank ist.»

Vom Genuss zum Leiden sei ein fliessender Übergang. Hinweise für eine Problematik seien chronische Bauchschmerzen, Müdigkeit oder depressive Verstimmungen. Depressive Menschen - jeder Fünfte erkrankt einmal an einer Depression - hätten ein doppelt so hohes Risiko, eine Alkoholproblematik zu entwickeln.

Was ist zu tun, wenn jemand eine solche Person kennt und ihr helfen möchte? «In guten Momenten die Person unter vier Augen ansprechen», rät Krebs. Kundtun, dass man merke, dass öfters ein Glas zu viel getrunken werde. Anbieten, gemeinsam irgendwo hinzugehen, wo Hilfe zu erwarten ist. Im Kanton gibt es eine Vielzahl Informations- und Hilfestellen, angefangen beim Hausarzt.

Thomas Krebs, Simon Ruchti, Sanja Möll, Georg Steinemann, Natalie Kretschmer und Peter Marti (v.l.) warteten vergeblich auf einen Grossaufmarsch zum Fachreferat mit Diskussion.

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