Solothurn et les Welsches

Die Analyse der Serie: Ein Blick über den Röstigraben lohnt sich immer

Der Blick auf und über den Röstigraben tut gut. Und zwar immer wieder von Neuem.

Der Blick auf und über den Röstigraben tut gut. Und zwar immer wieder von Neuem.

Am Anfang der zwölfteiligen Serie «Solothurn et les Welsches» stand eine simple Frage: Wie ist es möglich, dass die Präsidenten zweier Nachbargemeinden über 20 Jahre nie miteinander reden? Zugegeben, der Fall war etwas komplizierter.

Wie haben Sie es mit Französisch? Im Alltag? In der Freizeit? Im Beruf? Klar, am Jurasüdfuss dominiert Deutsch. Dennoch spricht zwischen Grenchen und Olten laut Bundesamt für Statistik rund ein Drittel der Einwohner regelmässig Französisch (für bis zu fünf Prozent ist es sogar die Muttersprache). Erst hinter dem Berg, im Jura, ist Welsch dominierend. Grund genug, von Zeit zu Zeit auf und über die Sprachgrenze zu blicken.

Am Anfang der zwölfteiligen Serie «Solothurn et les Welsches» stand eine simple Frage: Wie ist es möglich, dass die Präsidenten zweier Nachbargemeinden über 20 Jahre nie miteinander reden? Zugegeben, der Fall war etwas komplizierter. Ein Berg sowie eine Kantons- und Sprachgrenze trennten die zwei Stadtpräsidenten.

Politische Not und persönliche Sensibilität

Doch existiert zwischen Grenchen und Moutier seit 100 Jahren eine konkurrenzlos attraktive Zuglinie. Mit 9 Minuten gilt der Grenchenbergtunnel gar als beste Verbindung in den Jura. Das schätzen nicht nur täglich tausende jurassische Pendler oder deutschsprachige Ausflügler – was weniger stark ausgeprägt auch für den Weissensteintunnel gilt.

Spannend bei beiden «Rösti-Tunnels»: Sie erleben eine politische Reanimation. Für die Sanierung und damit den Erhalt des Weissensteintunnels (speziell nach der Eröffnung der auch im Berner Jura beliebten neuen Gondelbahn) kämpfen Jurassier und Solothurner nun gemeinsam.

Und beim Grenchenbergtunnel wollen auch Stapi François Scheidegger – halber Romands – und der Maire de Moutier, Maxime Zuber, nach über zwei Jahrzehnten Funkstille den Austausch wiederbeleben.

Politische Not und persönliche Sensibilität helfen also Sprachgrenzen überwinden. Womit die zwei löblichen Beispiele beweisen, dass nicht jede staatliche Aufgabe – in diesem Fall der Zusammenhalt des Landes respektive der Föderalismus – ein Integrationsbüro oder eine Fachstelle brauchen. Als Berner Journalist, dessen Kanton in der Sprachenfrage fast schon pedantisch auf Ausgleich bedacht ist, fragt sich aber, ob bei der Solothurner Verwaltung – und damit auch in der Politik – nicht ein bisschen mehr drin läge.

Die Brückenfunktion zwischen Deutsch- und Westschweiz ist zwar in der Verfassung verankert; als Kanton an der Sprachgrenze ein Muss. Doch ist deren Umsetzung wie so vieles im Solothurnischen ausgelagert.

So spannt die Stiftung Schloss Waldegg für den Kanton die Fäden über den Röstigraben. Dazu hat sie eine bilingue Homepage, auf www.so.ch steht dafür kein Satz Französisch (by the way: Natürlich stünde Solothurn auch ein englisches Grusswort gut an. – Für viele Kantone und grössere Gemeinden längst State oft the Art zur Begrüssung neuer Firmen und Einwohner).

Französisch vorleben, nicht vorschreiben

«Wir sind eben alle ein bisschen welsch», kommentierte der Chefredaktor die Idee zu «Solothurn et les Welsches». Und wie viele, die in der Folge zu Wort kamen, sagte er das nicht nur zur Entschuldigung. Sondern wollte damit vor allem sagen, das gelte dann nicht nur für die oft zitierte französische Vergangenheit der Stadt Solothurn, sondern für den oberen und unteren Kantonsteil sowie erst recht fürs Schwarzbubenland.

Sprich: Man lebt die Sprachgrenze. Welsche Fragen auf dem Wochenmäret? Werden selbstverständlich französisch beantwortet. Kommen französischsprachige Gäste, gibt es auch auf dem Matzendörfer Stierenberg eine welsche Karte. Und unterwegs zum Land ennet der Grenze parliert der Schwarzbuben-Bauer fliessend Französisch und sogar Elsässisch.

Das zeigt: «Solothurns Röstigraben» misst zwar nur 50 Kilometer (etwa 13 Prozent der Kantonsgrenze), ist aber äusserst vielseitig. Am deutlichsten sind die Unterschiede zum Kanton Jura, nicht zuletzt aufgrund der Geografie.

Verzahnt und fliessend ist die Sprachgrenze zum Jura Bernois. An der Grenze zu Frankreich reagieren die Schwarzbuben dagegen überrascht, wenn sie nur schon darauf angesprochen werden. Zu alltäglich sind private und geschäftliche Verbindungen (ist Frankreich doch drittwichtigster Absatzmarkt der Solothurnischen Industrie und täglich pendeln 30 000 französische Grenzgänger in die Nordwestschweiz).

Wenn schon beschäftigen in Solothurns nördlichen Exklaven die Auswirkungen der Landesgrenze; politische Ränkespiele zwischen Bern, Berlin und Paris (respektive Brüssel) wie drohende Folgen nach dem Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative.

Fast vergessen: Grenchen war einst Frühfranzösisch-Pionier

Ob Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft: Ein Blick über die Grenze schärft stets den Blick aufs Alltägliche. Das beweisen nicht zuletzt Rückmeldungen auf die zu Ende gehende Serie: Ein Mitarbeiter für Beziehungen in die Westschweiz schlägt seinem Chef intensivere Kooperationen vor. Ein Abonnent kritisiert via Leserbrief, dass die Redaktion es wagt, ein Interview französisch abzudrucken.

Was wiederum ein Mitglied des Cercle Romand Soleure aus staatspolitischer Sicht besonders lobt: «Les réactions que cette initiative ont provoquées sont dignes d’intérêt et montrent que l’espoir de ceux qui veulent contribuer à la cohésion nationale par le soin primaire de nos propres langues n’ont aucunement perdu le combat.»*

Hoffnungsvoll stimmen dabei insbesondere erste Erfahrungen von Solothurner Schülern mit Frühfranzösisch ab der 3. Klasse (immerhin startete 1967 Grenchen als erste Gemeinde der Schweiz mit dem damaligen Frühfranzösisch ab der 5. Klasse). Und dass verschiedene Schulen und Gemeinden auf unterschiedlichste Weise ihre Schüler wieder ins Welsche schicken.

In dem Sinn – so banal die Erkenntnis auch ist: Der Blick auf und über den Röstigraben tut gut. Und zwar immer wieder von Neuem.

* Übersetzung: «Die Reaktionen auf die Serie zeugen vom Interesse, dass jene, die sich für den nationalen Zusammenhalt einsetzen, den Kampf für die erste Fremdsprache als eine Landessprache noch nicht verloren haben.»

Die Artikel der Serie  Alle rennen auf den Berg – und doch ist er eine Grenze (9. 7.) «Ich merke leider erst jetzt, wie wichtig Deutsch ist» (16. 7.) Sprachgrenze zeigt sich auch im Tourismus (23. 7.) «Die Erfahrungen helfen uns sicher» (31. 7.) «Solothurn ist der frankophilste Kanton» (7. 8.) «Sie sprechen Französisch, wir Deutsch» (15. 8.) «Nur die Politik bleibt draussen » (24. 8.) «Je ne suis pas un antialémanique, pas du tout» (28. 8.) Brückenbauer über den Röstigraben (7. 9.) Beliebt wie nie – und es werden bald noch mehr Passagiere (16. 9) «Schweizer Familien legen noch Wert auf Deutsch» (25. 9.) «Unter dem Strich sind wir auch im Elsass konkurrenzfähig» (6. 10.)

Solothurn et les Welsches

Die Artikel der Serie Alle rennen auf den Berg – und doch ist er eine Grenze (9. 7.) «Ich merke leider erst jetzt, wie wichtig Deutsch ist» (16. 7.) Sprachgrenze zeigt sich auch im Tourismus (23. 7.) «Die Erfahrungen helfen uns sicher» (31. 7.) «Solothurn ist der frankophilste Kanton» (7. 8.) «Sie sprechen Französisch, wir Deutsch» (15. 8.) «Nur die Politik bleibt draussen » (24. 8.) «Je ne suis pas un antialémanique, pas du tout» (28. 8.) Brückenbauer über den Röstigraben (7. 9.) Beliebt wie nie – und es werden bald noch mehr Passagiere (16. 9) «Schweizer Familien legen noch Wert auf Deutsch» (25. 9.) «Unter dem Strich sind wir auch im Elsass konkurrenzfähig» (6. 10.)

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