Marianne Ammann hat noch immer nicht ganz überwunden, was sie im vergangenen Oktober erlebt hat. «Es gab da einen Zwischenfall mit der Ambulanz», sagt sie. «Es lässt mir einfach keine Ruhe.» Bemerkenswert gefasst erzählt sie von einem Besuch bei ihrem Onkel, sachlich und alles der Reihe nach. Lange genug hat sie überlegt, ob und wie sie die Geschichte erzählen soll. Doch man merkt ihrer Stimme an, wie aufgebracht sie heute noch ist.

Der Onkel, ein älterer und gesundheitlich angeschlagener Mann, lebte in Wynau – zusammen mit seiner Lebenspartnerin, deren Gesundheit ebenfalls in einem kritischen Zustand war. Inzwischen sind die beiden verstorben, «was aber mit dem Notruf nichts zu tun hatte», hält Ammann fest. «Als wir die beiden besuchen wollten und das Haus meines Onkels betraten, lag seine Lebenspartnerin am Boden», erinnert sich die Nichte. Der Onkel sei verwirrt gewesen, also habe sie der Frau Wasser gebracht, das Handy hervorgeholt und den Notruf gewählt.

Da sich das bernische Wynau an der Grenze zum Kanton Aargau befindet und die nächste Handy-Antenne wohl jenseits der Grenze stand, landete Ammann bei der Notrufzentrale in Aarau. Das sollte für gewöhnlich kein Problem darstellen, doch für die Hilfesuchende in Wynau wurde es zum Beginn eines traumatisierenden Erlebnisses, wie sie sagt.

Denn in der Aarauer Zentrale erklärte man ihr bloss, man könne keine Ambulanz in den Kanton Bern schicken, sie solle die zuständige Notrufzentrale kontaktieren. Weil sich Ammann sicher war, dass die Nummer 144, auf dem Handy gewählt, sie wieder in den falschen Kanton verschlagen würde, versuchte sie es auf dem Festnetz ihres Onkels. Das funktionierte jedoch nicht. Also rief die Nichte direkt ins Krankenhaus in Langenthal an – wo man ihr mitteilte, dass sie am Empfang gelandet sei und man von dort aus keine Ambulanz auslösen könne: Sie solle es über die Nummer 144 versuchen.

«Nach langem Suchen fand ich schliesslich ein weiteres Telefon im Schlafzimmer, das funktionierte», sagt Ammann. So konnte sie endlich die 144 wählen und landete am richtigen Ort, der Notrufzentrale Solothurn, die für den Oberaargau zuständig ist. «Mit dem ganzen Theater haben wir fast 20 Minuten verschwendet. Die Frau hätte in dieser Zeit sterben können.»

Verständlich, dass Marianne Ammann, wie sie sagt, «wirklich auf 180» war. Doch was bedeutet dieser Zwischenfall für andere Oberaargauer, die nahe der Grenze leben? Oder für die Bewohner des Kantons Solothurn mit seinem verworrenen Grenzverlauf?

Elmar Rollwage, Ressortleiter des Rettungsdienstes SRO (Spital Region Oberaargau), ist verwundert über den Fall. Gerade bei Handys könne es ja gerne mal vorkommen, dass ein Notruf im falschen Kanton lande, sagt er. «Diese Situation haben wir häufig, beispielsweise wenn jemand auf einem Berg steht.»

Dafür gebe es aber ein Protokoll. «Normalerweise ist es schweizweit so, dass der Anrufer an die zuständige Zentrale weitergeleitet wird», erklärt Rollwage. Nicht aber, bevor der Notruf aufgenommen wurde – für den Fall, dass der Anrufer aus der Leitung fliegt. In diesem Fall sei etwas wirklich schiefgelaufen, so der Ressortleiter. «Wir werden der Sache nachgehen. Es kann gut sein, dass jemand die Notruferin falsch informiert hat.» Im Spital Langenthal hingegen habe man richtig reagiert. «Die können uns nicht disponieren.» Dafür sei die Zentrale in Solothurn zuständig. Der Kanton Bern übrigens hat nicht die Kapazität, den Oberaargau zu bedienen – daher diese Aufteilung.

Grenzüberschreitend ist die Zusammenarbeit zwischen den Kantonen Solothurn und Bern nicht nur im Oberaargau (was ebenfalls der Exklave Steinhof zugutekommt), sondern auch rund um Grenchen. Der Rettungsdienst der Uhrenstadt rückt aus, wenn in Lengnau, Leuzigen, Arch, Romont oder Rüti bei Büren jemand Hilfe braucht, sagt Reinhard Grichting, Leiter Rettung Grenchen. Das laufe in der Regel tipptopp. Auch in anderen Berner Gemeinden fahre man gelegentlich Einsätze – immer dann, wenn die Bieler gerade nicht verfügbar sind.

Eine kleine Komplikation im Prozedere sei, dass die Anrufe aus den Berner Gemeinden, für die Grenchen zuständig ist, erst zur Zentrale in Biel gelangen, erklärt Grichting. Und ein etwas unsinniger weisser Fleck im Einsatzgebiet der Grenchner bleibt bestehen: Bei Notrufen in Oberwil rückt Biel aus, obwohl es praktisch von «Grenchner» Gemeinden umgeben ist – und die Bieler eine längere Anfahrtszeit haben.