Ivo Bracher
Dicke Post – für einmal nicht anonym

Wochenkommentar zu einem Solothurner Bürger, der sich nicht scheut, Klartext zu reden

Theodor Eckert
Theodor Eckert
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Ivo Bracher hat Klartext gesprochen.

Ivo Bracher hat Klartext gesprochen.

Hansjörg Sahli

In diesen Tagen haben wir auf der Redaktion ein riesiges Kreuz an die Decke gemalt. Es hat sich etwas zugetragen, das kaum mehr jemand für möglich gehalten hat: Ein Solothurner war doch tatsächlich Manns genug, negative Erfahrungen als Missstände zu deklarieren, mit seinem Namen hinzustehen und öffentlich Kritik zu üben. Das, liebe Leserin, lieber Leser, ist alles andere als selbstverständlich.

Mit schöner Regelmässigkeit werden nämlich brisante Geschichten an uns herangetragen, die es wert sind, nachrecherchiert und publiziert zu werden. Nicht immer kommt es jedoch zu einer Veröffentlichung, weil Vorwürfe nur dann angebracht sind, wenn sie mit wirklich entlarvenden und letztlich auch belegbaren Fakten untermauert werden können. In bestimmten Fällen ist es zudem zwingend notwendig, der medialen Anklage ein Gesicht zu verleihen: Ein Bürger, eine Bürgerin muss als Quelle ersichtlich sein. Doch spätestens bei diesem Punkt fallen Artikel oft wie ein Kartenhaus in sich zusammen. «Das bleibt aber unter uns, es ist absolut vertraulich» oder «um Himmels willen, ich will meinen Namen auf keinen Fall in der Zeitung sehen», so die Standardsätze, wenn es darum ginge, den Finger auf wunde Punkte zu drücken und damit eine breitere Diskussion anzustossen.

Kritisiert wurden nicht Bagatellen

Einen erfrischenden Kontrapunkt hat nun der Unternehmer und Investor Ivo Bracher gesetzt. In einem ausführlichen Interview hat er kein Blatt vor den Mund genommen und seine Beobachtungen sowie seine negativen Erfahrungen mit dem Solothurner Stadtbauamt geschildert, das in jüngerer Vergangenheit bereits mehrfach für Schlagzeilen gesorgt hat.

Bracher hat vor Wochenfrist Klartext gesprochen: Es ging ihm nicht um vernachlässigbare Bagatellen, sondern um echte Strategiefragen, die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft oder das marode Sportzentrum CIS. Nüchtern betrachtet hätten seine brisanten Aussagen einen Aufschrei in sämtlichen Parteien auslösen müssen. Es ist bei einem indignierten Flüstern geblieben, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand. Keine Regung auf freisinniger Seite, denn letztlich zielte die Kritik auch auf deren Leuchtturm. Keine Regung bei den Sozialdemokraten, denn die Hand, die einen füttert, beisst man nicht. Keine Regung bei der CVP, denn schliesslich ist man eine Wohlfühl- und keine Kampfpartei. Eine Regung einzig bei Roberto Conti von der SVP: Er hat im Gemeinderat umgehend eine Interpellation eingereicht, die nicht weniger als sieben Punkte mit etlichen Fragen umfasst. Darunter durchaus unangenehme Fragen.

Im Wissen, dass Immobilienfachmann Ivo Bracher durchaus auch eigene Interessen zu verteidigen weiss, sollten ihm Kritiker sein Bemühen um eine Gesamtsicht für gesellschaftliche Entwicklungen nicht leichtfertig absprechen. Seine ungeschminkten Aussagen kann man zumindest als Versuch werten, den politischen Diskurs in Gang zu setzen. Auf Hochtouren läuft die Geschichte zwar nicht, doch völlig unter den Tisch kehren, lässt sie sich ebenso wenig.

Eines macht das Beispiel Bracher deutlich: Das Debattieren mit offenem Visier liegt längst nicht allen. Mal sind es (wirtschaftliche) Abhängigkeiten, persönliche Rücksichtnahme, latente Argumentationsschwäche und mal ganz einfach die fehlende Streitlust, welche die überfälligen Auseinandersetzungen verhindern. Schwächen, die sowohl auf Gemeinde- als auch auf Kantonsebene zu oft zu beobachten sind. Selbst wenn man sich im Leben mehr als zweimal begegnet, kann dies kein Grund sein, unangenehmen Diskussionen auf der Sachebene aus dem Weg zu gehen. Klare Botschaften sind Lösungsfindungen noch nie hinderlich gewesen.

Nachahmer willkommen

Schwieriger wird es, wenn auf den Mann oder die Frau gespielt wird. Das muss zwar nicht sein. Kommt aber vor. Selbst im friedfertigen Kanton Solothurn? Nicht doch, das käme kaum jemandem in den Sinn. Wirklich niemandem? Ach, was wurden im Rahmen der jüngsten Regierungsratsnominationen nicht alles für Disqualifikationen herumgeboten. Über Wochen, einfach so, ungefragt. Was denken Sie, welche Reaktionen es jeweils auf die Frage gab, ob man das schreiben könne. Richtig: «Das bleibt aber unter uns, es ist absolut vertraulich» oder «um Himmels willen, ich will meinen Namen auf keinen Fall in der Zeitung sehen». In der Causa Solothurner Stadtbauamt hatten wir einen Namen in der Zeitung – Ivo Bracher setzte damit ein couragiertes Zeichen.

theodor.eckert@azmedien.ch