Apotheken
Diagnosen per Webcam - Wie Apotheker zu Ärzten werden

Pilotprojekt «netCare» heisst ein neues Angebot, bei dem ein Arzt per Video zugeschaltet wird. Im Kanton Solothurn testen zurzeit fünf Apotheken dieses Angebot.

Jasmin Heri
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Seit sechs Wochen hat die Patientin – nennen wir sie Frau Müller – chronische Rückenschmerzen. Doch ihr Hausarzt weilt in den Ferien. Eine Freundin schlägt ihr vor, zum Apotheker zu gehen – «weil sie dort auch sofort behandelt wird.» Obwohl Frau Müller nie zuvor davon gehört hat, macht sie sich auf den Weg zur nächsten «netCare»-Apotheke. Dort nimmt man sich ihrer an und klärt mit einem Flussdiagramm das weitere Vorgehen ab. Aufgrund ihrer chronischen Beschwerden empfiehlt es sich, einen Arzt beizuziehen. Über Video verbinden sich Apotheker und Patientin mit einem Arzt der Medgate in Basel. Dieser stellt eine Ferndiagnose und sendet gleich ein Rezept an die Apotheke.

«netCare» ist ein zweijähriges Pilotprojekt, das der Unfall- und Krankenversicherer Helsana in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Apothekerverband Pharmasuisse und dem Schweizer Zentrum für Telemedizin Medgate ins Leben gerufen hat. Zur Entlastung des Gesundheitssystems. Im Kanton Solothurn testen derzeit fünf Apotheken das neue Versorgungsmodell.

Die Kasse zahlt nicht immer

Doch nicht alle Krankenkassen übernehmen die Kosten: Neben der Helsana decken lediglich die Schweizer Krankenkassen Avanex, Progrès und sansan die Vollkosten.Bei Sanitas und CSS sieht es komplizierter aus: Mit Zusatzversicherung deckt die Sanitas sämtliche Ausgaben; ohne werden nur die 48 Franken für die ärztliche Videokonsultation rückerstattet. Die CSS vergütet die Dienstleistungen nur, wenn ein Arzt hinzugezogen wird, ansonsten trägt der Patient die Kosten. Die Krankenkassen Agilia, Kolping, KPT, Krankenkasse Flaachtal, ÖKK, SLKK, Sodalis und Sympany übernehmen die Ausgaben im Falle einer ärztlichen Videokonsultation. Bei allen weiteren Krankenkassen fallen die Gebühren allesamt zulasten der Patientinnen und Patienten.(JHs)

Erstabklärung durch Apotheker

Als Hauptbestandteil des «netCare»-Projekts, das schweizweit im April 2012 gestartet ist, übernehmen die Apotheker und Apothekerinnen die Rolle des Hausarztes als Erstabklärer. «Mit dieser Idee wirken wir einerseits dem Hausärztemangel und den überlasteten Notfallzentren entgegen, andererseits wollen wir das medizinische Know-how der Apotheker besser für unsere Kunden nutzen.» Damit begründet Claudia Wyss, Medienverantwortliche der Helsana, das Engagement der Krankenversicherung. Parallel dazu läuft eine wissenschaftliche Studie, die bereits im April 2013 das Potenzial des neuen Versorgungsmodells zeigen soll.

200 Apotheken machen schweizweit mit, davon fünf im Kanton Solothurn: die Stadtapotheke in Grenchen, die Schwarzbuebe-Apotheke in Breitenbach, die Apotheke zum Kreuz in Olten, die Hirsch-Apotheke in Solothurn und die Oensingen Apotheke. Alle tragen sie das grüne «netCare»-Zeichen an der Eingangstür. Früher suchte man bei einfachen Problemen die Apotheke auf und für alle komplexeren Fälle gab es den Hausarzt. Heute können Betroffene auch bei schwereren Beschwerden wie Bindehautentzündung, Rückenbeschwerden, Blasenentzündung, Sodbrennen oder Halsentzündung in der nächsten «netCare»-Apotheke Hilfe suchen und dort auf dem Bildschirm einen Arzt sprechen, ohne Voranmeldung und Wartezimmer.

«Kunden sind sehr zufrieden»

Zuversichtlich startete die Solothurner Hirsch-Apotheke im April 2012 in das Projekt. Gemäss Max Forster, Inhaber der Hirsch-Apotheke, sei es zu früh, um überzeugende Schlüsse zu ziehen, doch bisher seien alle Fälle erfolgreich verlaufen: «Obwohl das Projekt erst wenig und mit Respekt genutzt wird, ist es sehr innovativ.» Auch Vo Thong, Besitzer der Zum-Kreuz-Apotheke in Olten, zieht grundsätzlich eine positive Bilanz: «Die Kunden sind sehr zufrieden, oft dankbar, dass für sie eine schnelle, effiziente und medizinisch angemessene Lösung gefunden wird.» Leider seien die monatlichen Kosten für das Equipment sehr hoch und konnten bisher nicht gedeckt werden, doch der Nutzen für die Kundschaft überwiege die zusätzlichen Auslagen der Apotheke.

Die reine «netCare»-Beratung mithilfe des Flussdiagramms kostet ohne Arztkonsultation 15 Franken. Wenn der Kunde an einen Arzt der Medgate via Videokonferenz weiterverwiesen wird, belaufen sich die Gebühren auf 48 Franken plus 15 Franken für die Apothekerleistung. Die klassische Beratung durch den Apotheker, ohne Flussdiagramm, ist wie bisher kostenlos. «‹netCare› ermöglicht dem Kunden einen raschen und unkomplizierten Zugang zu einer medizinischen Abklärung», rechtfertigt Claudia Wyss die Gebühren – die von der Helsana zur Gänze übernommen werden (siehe Text links).

Kein wirklicher Hausarztersatz

Marco Schärer, Solothurner Kantonsapotheker, ist etwas unschlüssig, was er von «netCare» halten soll: «Es ist zu früh für abschliessende Worte.» Aber er gibt dem Projekt grundsätzlich grünes Licht: «Die Vorschriften sind ausnahmslos eingehalten und es sind bislang keine Beschwerden eingegangen.» Michael Fluri, Vorstandsmitglied der «HASO-Hausärzte Solothurn» und Hausarzt, steht dem Angebot skeptisch gegenüber: «Dieses Konzept ist nur in wenigen ausgewählten Fällen anwendbar und wird aufgrund der erforderlichen Mittel kaum Kosten einsparen können.» Auch könne der virtuelle Arzt auf dem Bildschirm nicht den persönlichen Umgang und die Erfahrung bieten wie der eigene Hausarzt.

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