Alzheimer
«Diagnose Alzheimer war ein Schlag»: Er betreut seine kranke Frau seit 7 Jahren zu Hause

2011 bekam seine Frau Heidi die Diagnose Alzheimer. Seither betreut Peter Bertschi sie zu Hause. Heute ist er vor allem dankbar. «Dafür, dass wir leben und auch, dass Alzheimer in der Gesellschaft kein Tabuthema mehr ist.»

Lara Enggist
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Heidi und Peter Bertschi (beide 73) unternehmen trotz der Krankheit immer wieder gemeinsame Ausflüge.

Heidi und Peter Bertschi (beide 73) unternehmen trotz der Krankheit immer wieder gemeinsame Ausflüge.

Peter Bertschi

Peter Bertschi betreut seine Frau Heidi seit sieben Jahren zu Hause. Die Diagnose, die sie 2011 erhalten hat: Alzheimer. Am Anfang war noch kaum Betreuung nötig – heute rund um die Uhr. «Sie wurde vergesslich, Münzen zählen hat nicht mehr funktioniert, vertraute Strassen hat sie plötzlich nicht mehr erkannt», erinnert er sich. Schwierig sei gewesen, zwischen einer normalen und einer abnormalen Veränderung zu unterscheiden. Mit der Diagnose habe er gerechnet. «Ein Schlag war es dennoch».

Er habe alle Phasen durchgemacht: «Ich versuchte zu verstehen, war wütend, traurig, belastet». Dann habe er begonnen, mit der Familie und Freunden darüber zu reden. Heute sei er vor allem dankbar. «Dafür, dass wir leben und auch, dass Alzheimer in der Gesellschaft kein Tabuthema mehr ist.»

Seine Frau habe einen grossartigen Charakter. Sie gehe offen und herzlich auf Menschen zu. Ihren Charakter habe ihr die Krankheit bis heute nicht weggenommen, sagt er schwärmend. «Wenn ich ins Orchester gehe, geht sie gern zu anderen Menschen.» Ohne die eigenen Familie, Freunde und Bekannten wäre die Betreuung zu Hause Bertschi zufolge gar nicht möglich.

«Nur noch einmal Auto fahren»

«Sie nimmt ihre Krankheit wahr», sagt Bertschi. Er hätte Mühe damit gehabt, wenn er seiner Frau Dinge hätte verbieten müssen, die sie aufgrund der Krankheit einfach nicht mehr machen dürfe. Auto- oder Velofahren zum Beispiel. Glücklicherweise spüre sie meist selbst, dass gewisse Dinge nicht mehr möglich sind. Irgendwann sei das Paar mit dem VW-Bus über den Gotthard gefahren. Da habe sie gesagt: «Ich möchte nur noch einmal Autofahren». Dann sei sie ein letztes Mal Auto gefahren. «Sie war glücklich dabei.»

Aus der Vergangenheit wisse sie noch sehr viel und Empfindungen nehme sie nach wie vor wahr. Manchmal diskutiere sie mit Freunden, «in anderen Momenten habe ich das Gefühl, als wäre sie halb da und halb in einer göttlichen Ewigkeit».

Inzwischen gehe seine Frau zwei Halbtage in der Woche in die «wärmstens zu empfehlende» Tagesstätte Sonnegg in Olten. Den Haushalt und die Gartenpflege macht er selber. «Sie bügelt für ihr Leben gern», erzählt er. Das Ergebnis sei nicht perfekt und er helfe ihr immer dabei. Aber das sei egal. Sie habe Freude daran. «Wir gehen viel spazieren und wandern. Wir haben einen Tagesablauf. Ich glaube, das ist wichtig.»

Manchmal werde alles ein bisschen viel, sagt Bertschi nachdenklich. Aber das Leben sei für ihn und seine Frau lebenswert. Sie sei schon einige Male von zu Hause fortgelaufen. Aber ihr sei nie etwas passiert, immer sei ein Schutzengel da gewesen – eine Nachbarin oder ein Velofahrer – der seine Frau wieder nach Hause gebracht habe. Inzwischen hat sie ein GPS-Gerät am Handgelenk. «Man braucht auch Vertrauen, dass alles gut kommt.»

Von allen Seiten unterstützt

Unterstützung erhält das Paar nicht nur von Freunden und Verwandten. Bei Pro Senectute und der Organisation Alzheimer Solothurn könne jederzeit professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. «Finanzielle Unterstützung bekommen wir von der AHV und der Krankenkasse», sagt Bertschi. Für die Tagesstätte zahlt das Paar etwa 650 Franken im Monat, dieser Betrag ist mit der Hilflosenentschädigung der AHV praktisch gedeckt.

Ob es Dinge gibt, die er sich rückblickend falsch vorgestellt hat? Damals habe er gedacht, dass er seine Frau bald nicht mehr haben werde. Nun seien seit der Diagnose sieben Jahre vergangen und sie hätten beide ein gutes Leben. Wie das Ende sein werde, wisse er nicht. Er hat auch dunkle Momente. «Ich bin sehr aktiv und immer auf Achse», sagt er. Und einige Dinge könne man einfach nicht mehr unternehmen. «Aber dann schaue ich mein Heidi an und weiss, warum ich das mache.»

Am 21. September informiert die Viva Plus Gesundheitswoche Prävention mit der Organisation Alzheimer Solothurn an der Heso über das Thema Demenz. Ein Parcours soll zeigen, wie Menschen mit Demenz Alltagssituationen meistern.

Kanton entwickelt Demenzstrategie

Welche Angebote erhalten Demenzkranke im Kanton? Und genügen diese? Das klärt der Kanton derzeit ab, nachdem der Kantonsrat 2016 der Regierung den Auftrag gegeben hat, eine kantonale Demenzstrategie zu entwickeln. Erste Ergebnisse liegen nun vor: Es gibt einen Grundlagenbericht zur aktuellen Situation im Kanton und der Regierungsrat hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die eine Demenzstrategie entwickelt. Mitte September hat diese erstmals getagt.

Rund 4900 Menschen leben laut dem Bericht im Kanton Solothurn, die an Demenz erkrankt sind. Sie finden, so die Erhebung, eine «vielseitige Angebotspalette», und dies «auf qualitativ hohem Niveau». – «Der Bericht verdeutlicht aber auch, dass die gesellschaftliche Teilhabe Betroffener besser gefördert werden könnte und bei der Vernetzung der unterschiedlichen Betreuungs- und Unterstützungsangebote Optimierungsbedarf besteht», schreibt der Regierungsrat. So fehlen etwa die nötigen statistischen Daten für eine Versorgungsplanung.

Handlungsbedarf sieht der Bericht auch in der Sensibilisierung der Bevölkerung, etwa Mitarbeitende im öffentlichen Verkehr oder an Schaltern, sodass Demenzkranke aktiver am öffentlichen Leben teilhaben können. Diese Teilhabe weise heute Defizite auf. Vorstellbar ist etwa, dass Museen, Restaurants oder Geschäfte spezielle Angebote für Demente anbieten könnten.

Zudem stellt der Bericht fest, dass jedes Altersheim seine Standards selbst definiert. «Die betroffenen Menschen und deren Angehörige müssen deshalb mehrere Heime besichtigen, um die richtige Wahl für den Eintritt ins Heim treffen zu können. Eine bedarfsorientierte Heimplanung könnte hier entlasten. Ebenso würde eine zentral geführte Angebotsübersicht die Suche vereinfachen.» Zudem sei die Finanzierung teilstationärer und ambulanter Angebote zu überprüfen und allenfalls zu verbessern, auch bei pflegenden Angehörigen. Der Entwurf für die kantonale Demenzstrategie soll bis Ende April 2019 vorliegen. (lfh)