Verleihung
Deutscher Autor nimmt Solothurner Literaturpreis entgegen

Thomas Hettche durfte am Sonntag im Landhaus den Solothurner Literaturpreis 2015 entgegennehmen. Juror Hans Ulrich Probst würdigte den 51-jährigen deutschen Schriftsteller.

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Ivo Bracher, Präsident des Vereins Solothurner Literaturtage begrüsste die Gäste der Preisverleihung
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Übergabe des Solothurner Literaturpreises 2015 an Thomas Hettche
Stadtpräsident Kurt Fluri findet lobende Worte für den Preisträger Thomas Hettche
Hans Ulrich Probst bei seiner Laudatio für den Preisträger
Gebannt lauscht das Publikum den Laudatoren im Landhaus
Saxophonist und Klarinettist Adrian Mira (in Begleitung von Philipp Stampfli am Piano) spielte mit viel Gefühl
Der Preisträger des Solothurner Literaturpreises 2015 Thomas Hettche bei seiner Lesung
Der Preisträger des Solothurner Literaturpreises 2015 Thomas Hettche bei seiner Lesung
Der Preisträger des Solothurner Literaturpreises 2015 Thomas Hettche bei seiner Lesung

Ivo Bracher, Präsident des Vereins Solothurner Literaturtage begrüsste die Gäste der Preisverleihung

Thomas Ulrich und Tina Dauwalder

Mit kenntnisreichen Verweisen auf die antike griechische Kultur erörterte Preisträger Thomas Hettche am Sonntagabend im Solothurner Landhaus das von Ambivalenz geprägte Verhältnis zwischen dem Autor und seinem Publikum. Es sei das Schicksal der Kunst, den einsamen «Schilfgürtel» ihrer Entstehung zu verlassen, sobald sie Geltung erlangt hat. Die kritische Auseinandersetzung («jede Lektüre ist ein Zweikampf») aber sei nötig, «um die Wahrheit zu enthüllen».

Bevor der diesjährige Gewinner des Solothurner Literaturpreises an das Rednerpult trat, würdigte Juror Hans Ulrich Probst ausführlich das Schaffen des 51-jährigen deutschen Autors. «Thomas Hettche erhält den Solothurner Literaturpreis für sein beeindruckendes Werk, das, voller Feingefühl für Atmosphäre und Figurenzeichnung, thematische Tiefe mit erzählerischer Virtuosität verbindet.» Seit 25 Jahren zähle Hettche zu den markantesten Köpfen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Sein Oeuvre zeichnen Kontinuität in der literarischen Qualität und beständiger Wandel im erzählerischen Zugriff aus.

Hettche überzeuge besonders in seinem letzten Roman «Pfaueninsel» mit einer ausgewogenen Komposition und einer Vielzahl packender Szenen und berührender Figuren. «Pfaueninsel» stelle einen Höhepunkt in Hettches Schaffen dar, aber auch in der deutschsprachigen Literatur dieser Tage, so der Juror. «Die Zeit, ihr Wesen, unser Umgang mit ihr – das sind Leitmotive nicht nur in diesem Buch von Thomas Hettche. Zitat Hettche: «Wir sagen: Die Zeit vergeht. Dabei sind wir es, die verschwinden. Und sie?»

Das Herz berühren

Im hessischen Treis in der Nähe von Giessen aufgewachsen, hat Thomas Hettche in Frankfurt Germanistik und Philosophie studiert und mit einer Arbeit über Robert Musil abgeschlossen; später mit dem literarischen Venedig-Essay «Animationen» auch promoviert. Er hat grosse Teile seines Lebens in Frankfurt verbracht, aber auch in Stuttgart und Rom gelebt. Gegenwärtig ist Berlin sein Hauptdomizil. Daneben ist ihm ein Refugium im Wallis – erworben in der Folge des ihm verliehenen Spycher-Preises in Leuk – zum wichtigen Rückzugs- und Schreibort geworden. Seit seinem Studienabschluss 1991 wirkt Hettche als freier Schriftsteller und Publizist und er sagt selbst zur Literatur: «Ich denke heute mehr denn je, dass es in der Literatur genau darum geht: das Herz zu berühren.» Der Durchbruch gelang dem Preisträger mit dem Roman «Der Fall Arbogast» (2001), vom Verlag als Kriminalroman bezeichnet.

Hettche analysiert scharf, aber auch pessimistisch, wenn er über die Literaturszene heute spricht, denn er stellt einen «schleichenden Prozess der Auszehrung» fest. Probst zitiert den Preisträger, der sage: «Literaturwissenschaftliche Seminare würden zu Lehrstunden über Frage- und Diskussionstechniken werden, Traditionsbuchhandlungen zu Papeterien verkommen, und in den Rundfunksendern trifft man auf Redakteure, die das Buch, über das sie mit einem sprechen wollen, nicht mehr gelesen haben dürfen, damit sie die Hörer besser abholen können, wie man das nennt.» (frb, esf)