Entlassung aus Militärdienst
«Detachement Achtung»: Ein letztes Mal Dienst am Vaterland

Der letzte Tag Militärdienst wird im Kanton Solothurn mit viel Pathos gefeiert. Mit dabei: Unser Autor, der seine Militärsachen abgab und nun augenzwinkernd an seine Zeit im Militär zurückdenkt.

Philipp Felber
Merken
Drucken
Teilen
Militärabgabefeier
27 Bilder
 Der Autor mit den Überbleibseln seiner militärischen Karriere.
 Zehn Jahre nach der Gewehrabgabe gibt Philipp Felber seine Waffe zurück.
 Das blaue Dienstbüchlein wird an die ehemaligen Dienstleistenden abgegeben.
 Putzzeug, Magazin und, wer will der Rucksack, gehen hingegen zurück in den Besitz der Armee.
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten
 Militärabgabefeier 2017 in der Stadthalle in Olten

Militärabgabefeier

Bruno Kissling

«Detachement Achtung». Die Füsse knallen aneinander, die Hände schnellen an die Hosennaht, der Kopf kippt leicht nach hinten. Die zweitletzte Achtungstellung in meinem Leben. Rund um mich herum warten weitere Angehörige der Armee, wie das Schweizer Militär so unschön zu sagen pflegt.

20 Minuten, Pathos pur, zwei Fahnenmärsche und eine Nationalhymne später sind wir alle ehemalige Angehörige der Armee. Wir haben unseren Dienst geleistet. Fertig Vaterland retten, wenns drauf ankommt. Fertig mit der Beteuerung, man werde im Ernstfall innert 24 Stunden nach Havanna an eine Caipirinha-Bar flüchten.

Der Blick schweift über die Hinterköpfe vor mir. Da ein schütterer Haaransatz, dort ergrauen die ersten Schläfen. Wir werden alt. Und wers nicht glauben will, wird von Regierungsrätin Brigit Wyss darauf hingewiesen. Viel Kompetenz gehe durch unsere Entlassung verloren, sagt Wyss. Ich bin mir da nicht so sicher. Zumindest, was die eigene militärische Kompetenz angeht.

Die eingegangene Hose

Weil ich also mit 30 Jahren zu alt bin und meine Tage im Militärdienst geleistet habe, durfte auch ich meine Staubfänger zurückgeben. Damals 2008, als ich nach 300 Tagen aus meinem sogenannten Durchdienerdienst entlassen wurde, hat mir die Schweizer Armee einen kleinen Rest an Ausrüstung überlassen. Gerade genug, um damit im Notfall tenuegerecht einrücken zu können.

Da dies glücklicherweise nicht nötig war, blieb die Ausrüstung fast zehn Jahre unangetastet im Schrank. Und einige Stücke sind offenbar eingegangen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum die Hose nur unter Anwendung von Gewalt zuging. Glücklicherweise habe ich meine Ausgangsuniform bereits 2008 zurückgegeben, und weil der Tarnanzug nicht das richtige Outfit für einen solchen Anlass ist, konnte ich in Jeans einrücken. Wie am ersten Militärtag: Der Kreis schliesst sich. Und wenn man die anderen in ihren zu grossen oder vielfach zu kleinen Ausgangsuniformen so anschaut: Zum Glück musste ich mich nicht in die Uniform zwängen.

Eine Stunde vor der zweitletzten Achtungstellung erwartet man mich in der Oltner Stadthalle bereits. Denn die Armee will genau wissen, was ich als Journalist während der Abgabe mit ihren Soldaten rede. Mir solls recht sein, offenbar wurde mein Gesuch, einen Fotografen mitzubringen, von weit oben in der militärischen Hierarchie bewilligt.

Da will man niemanden verärgern. «Nicht ganz vom Bundesrat, aber von weit oben kommt die Bewilligung», sagt Jan Lanz, der beim Kanton Solothurn für die Entlassung zuständig ist. Hoffentlich nur ein Witz.

Oder sollte ich mal die militärischen Leistungsdaten einfordern, um zu sehen, ob die Armee mich als Sicherheitsrisiko eingeschätzt hat? Wenn ich mir vorstelle, wie ich vor meinem Zugführer zitterte und ihm beichtete, dass ich Pistolenpatronen in meinen Taschen gefunden habe: Dann war ich wohl keines. Gut: Einmal musste handschriftlich eine Seite lang erklärt werden, warum ich es in Achtungstellung gewagt habe, mich zu rühren, mein Taschentuch hervorzuholen und mich zu schnäuzen. Aber das sollte unter Kavaliersdelikt gehen.

Staatsakt Gewehrübergabe

Als uns vor 10 Jahren ein Gewehr in die Hand gedrückt wurde, war das ein spezieller Moment. Die Gewehrabgabe ähnelte einem Staatsakt. Schweizer Fahne inklusive. Zehn Jahre später gebe ich mein Gewehr zurück. Ohne Glamour, ohne Schweizer Fahne, und in diesem Moment auch ohne Pathos. Weg ists, eingepackt in eine grosse Holzkiste.

Schnell und schmerzlos gehts auch bei der Abgabe des restlichen Materials. Ich besitze ja eigentlich auch nichts mehr. Eine sehr enge Tarnanzughose, ein Oberteil und eine Jacke, die sich knapp schliessen lassen, ein grünes Beret (passend), den sogenannten Grabstein – eine Halskette mit persönlichen Daten drauf – , zwei Gasmasken und noch ein bisschen Kleinkram.

Dazu ein einziges Namensschild mit meinem Namen drauf, den Rest habe ich gegen lustig klingende Namen und Namensschilder von Kameraden eingetauscht. Ein korrektes Gradabzeichen fand sich nicht mehr. Im Ernstfall hätte ich mit dem Gradabzeichen eines Wachtmeisters einrücken müssen. «He nu so de». Also weg damit. Dasselbe mit den Hosen. Jacke: ab in die Kiste, Gasmasken ebenso. Was zum Schluss übrig blieb: der Grabstein. Und den wollten sie partout nicht annehmen. Als Erinnerung soll er doch zu Hause aufgehängt werden.

Doch Erinnerung an was? Erinnerung an 95 Prozent nette Menschen, die man im Militär kennenlernen durfte? Erinnerung an eine Begebenheit, die mir zeigte, dass man mich mit militärischem Drill wunderbar abrichten kann? Erinnerungen an schnarchende Kameraden? An das Wort «Kameraden» an sich, das wohl nach dem Militär niemand so wirklich braucht?

Oder gar Erinnerungen daran, gegen 100 Stunden mit dem gleichen Menschen vor einer Botschaft eines fremden Landes zu stehen? Inklusive einem Haufen schlechter Witze. Und der Tatsache, dass die amerikanischen GI’s auch ohne Waffen mehr Eindruck machten als wir in durchgeschwitzten Shirts und den schweren Schutzwesten? Oder an all die Stunden, in denen man sich damit abfinden musste, wenig Sinnvolles zu tun? Wohl an alles.

Irgendwie scheinen sich die Erinnerungen von allen Dienstleistenden zu ähneln. Jeder kennt einen, der während der Armeezeit seine Unschuld in einem Puff verlor. Oder einen, der steif und fest behauptete, gezwungen worden zu sein, eine Laufbahn als Unteroffiziers einzuschlagen. Und es doch eigentlich sehr gerne freiwillig machte. Oder die immer gleichen Geschichten von versteckten Drogen und zu viel Alkohol im Ausgang. Oder Erzählungen von Heldentaten, wie man sich vor der Arbeit gedrückt hat. Oder, oder, oder. Und trotzdem erzählt sie jeder wieder gerne.

Betten machen ist nicht leicht

Nun ists soweit: «Detachement Achtung». Die letzte Achtungstellung. Die Hymne wird gespielt. Da ist es nun wieder, das obligatorische Pathos. Ein letztes Mal werden wir mit der Vorstellung konfrontiert, dass wir Dienst für ein Land absolviert haben. Dann ists vorbei.

Wehmut kommt nicht auf. Wenn, dann so etwas wie Erleichterung. Erleichterung darüber, die abstrakte Frage, wie man sich im Kriegsfall verhalten würde, nicht mehr beantworten zu müssen. Der Grabstein landete übrigens trotzdem im Abfall, die Erinnerungen bleiben ja auch so.

Was bleibt sonst von meinem Wehrdienst übrig? Eine bestandene Lastwagenprüfung. Und die Bestätigung, dass ich schlicht nicht in der Lage bin, ein Bett zu machen. Auch nicht, wenn es 300 Tage geübt werden muss.

Wehrpflicht

Mit 30 ist bereits Schluss

Wer seinen Militärdienst geleistet hat, wird bereits mit 30 aus der Armee entlassen. Zumindest Soldaten, Gefreite, Obergefreite, Unteroffiziere. Alle anderen Grade werden noch länger eingeteilt. Hauptleute etwa werden erst mit 42 Jahren entlassen.

Bis 50 sind Stabsoffiziere und höhere Stabsoffiziere im Einsatz für die Armee. Dieses Regime gilt laut dem Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), seit die Armee XXI eingeführt wurde, also seit dem Jahr 2004.

In diesem Jahr werden an insgesamt fünf Anlässen im Kanton Solothurn 560 Angehörige der Armee entlassen. Neben der Entlassung in Olten, welche am letzten Dienstag stattfand, werden weitere in Breitenbach, Zuchwil, Balsthal und Grenchen abgehalten.

Seit 2003 wurden über 400'000 Wehrmänner und Wehrfrauen aus dem Militärdienst entlassen. Im Jahr 2016 waren es knapp über 22'000. In diesem Jahr entlässt die Schweizer Armee rund 19'500 Armeeangehörige, wie das VBS mitteilte.

Der Anteil derjenigen, die ihre Armeewaffe, sei es Gewehr oder Pistole, in den Privatbesitz übernehmen, ist in den letzten zehn Jahren gesunken. Im letzten Jahr gingen noch 11 Prozent aller Ordonnanzwaffen in den Privatbesitz über. 2009 waren es 30 Prozent. 2016 wurden laut den Zahlen des VBS 1500 Sturmgewehre und rund 1000 Pistolen von Privaten übernommen.

Seit 2004 gingen damit rund 100'000 Ordonnanzwaffen aus den Beständen der Armee in Privatbesitz über. Die Abgabe unterliegt klaren Vorschriften. So muss, wer etwa sein Gewehr behalten will, innerhalb der letzten drei Jahre vor dem Entlassungsjahr zwei Mal das obligatorische Schiessprogramm sowie zwei Mal das Feldschiessen absolviert haben und einen Waffenerwerbsschein besitzen. (phf)