Corona-Epidemie

Desinfektionsmittel-Hersteller Borer Chemie: «Wir sind am Anschlag»

Der Hauptsitz der Borer Chemie AG in Zuchwil. Hier werden seit letztem Sommer auch wieder Handdesinfektionsmittel hergestellt.

Der Hauptsitz der Borer Chemie AG in Zuchwil. Hier werden seit letztem Sommer auch wieder Handdesinfektionsmittel hergestellt.

Die Reinigungs- und Desinfektionsmittel der Borer Chemie AG mit Sitz in Zuchwil sind gefragt wie nie. Alle legen Vorräte an. Auffällig spät dran sind die Spitäler.

Wie eine Welle bricht die Corona-Epidemie derzeit über die Schweiz – und noch immer haben nicht alle realisiert, was dieses Virus für eine Gefahr darstellt. Vor zwei Wochen wurden die einsamen Warner von vielen belächelt. Noch gibt es auf den Intensivstationen freie Betten. Aber mit jedem Tag geraten die Spitäler näher an ihre Kapazitätsgrenzen. «Die Situation im Spitalsektor ist so schnell viel dramatischer geworden, dass sich Kunden erst jetzt beginnen zu bevorraten», sagt Markus Borer. Er ist Geschäftsführer und Mehrheitsaktionär der Borer Chemie AG. Spezialisiert auf die Herstellung von Reinigungs- und Desinfektionsmitteln.

Die Borer Chemie AG mit Sitz in Zuchwil ist nicht irgendein Unternehmen. Im Bereich Aufbereitung von OP-Instrumenten ist sie in der Schweiz bestens etabliert, beliefert zahlreiche Spitäler. Das Problem: Wenn Borer nicht mehr liefern kann, können die Spitäler irgendwann ihre OP-Instrumente nicht mehr aufbereiten. Es wäre eine Katastrophe.

Spitäler scheinen von der Krise besonders überrascht

Was auffällt: Die Spitäler scheinen von der Krise in besonderem Masse überrascht. Laut dem Pandemieplan der Schweiz vom vergangenen Jahr sind grundsätzlich Spitäler sowie die Alters- und Pflegeheime dafür verantwortlich, einen Schutzmasken-Vorrat zu halten, der für viereinhalb Monate reicht. Schon nach wenigen Tagen kam es aber bei etlichen Spitälern zu Knappheiten. Auch im Bereich Desinfektionsmittel scheinen die Spitäler sorgloser als viele Unternehmen.

Während Firmen aus dem Industrie- und Pharmasektor schon im Januar anfingen, ihre Lager für Reinigungs- und Desinfektionsmittel aufzustocken, reagierten die Spitäler erst vor kurzem. Borer sagt: «Viele unserer Kunden, die früher Vorräte anlegten, waren sensibilisiert, weil sie selber in Asien produzieren und von den Geschehnissen in China und Umgebung direkt betroffen waren.» Die Spitäler dagegen haben den Ernst der Lage erst spät realisiert.

Man kann von Glück sprechen, dass sich Borer derzeit noch nicht mit Lieferengpässen konfrontiert sieht. «Wir stehen im engen Austausch mit unseren Lieferanten. Bis jetzt gibt es nur bei den Kleingebinden für Handdesinfektionsmittel Engpässe», sagt der Patron. Diese könne man derzeit deshalb nur noch 5-Liter-Kanister liefern. Während Borer bei den Reinigungsmitteln für OP-Instrumente zu den Marktleadern in der Schweiz zählt, hat man das Geschäft mit Handdesinfektionsmitteln lange ruhen lassen. Auch weil die Konkurrenz aus Deutschland billiger produzierte. Doch im Sommer 2019 entschied man sich, das Geschäft wieder zu forcieren. Das bedarf normalerweise ordentlicher Investitionen. Weil es Wirkungsnachweise braucht, eine mikrobiologische Begutachtung. Zudem wird grossen Wert gelegt auf die Rückfettung der Haut.

Der Alkoholpreis hat sich verdoppelt und steigt weiter

In der momentanen Notsituation ist alles ein bisschen anders. «Es ist auffällig, dass sich völlig unbekannte Hersteller im sonst stark regulierten Umfeld tummeln», beklagt Borer. Einerseits hat er dafür derzeit Verständnis, da es um die Eindämmung des Virus geht. Andererseits fühle er sich auch «ein bisschen vor den Kopf gestossen, weil man es sich als professioneller Hersteller gewohnt ist, die hohen regulatorischen Anforderungen zu erfüllen». So drängen branchenfremde Unternehmen auf den Markt. Zum Beispiel ein Schweizer Motorenölhersteller. Innert weniger Tage brachte dieser ein eigenes Handdesinfektionsmittel auf den Markt. Normalerweise dauert es sechs bis zwölf Monate, ein solches Produkt zur Marktreife zu bringen.

Die Nachfrage nach Handdesinfektionsmitteln ist so rasant gestiegen, dass neue Mitbewerber angelockt wurden. Das hat dazu geführt, dass ich der Preis für Alkohol in den letzten Wochen mehr als verdoppelt hat. Und er wird weitersteigen. Denn die Corona-Krise ist noch längst nicht ausgestanden. Davon profitiert auch das Solothurner Unternehmen. «Wir haben bis Ende Februar gleich viel Umsatz gemacht wie im gesamten letzten Jahr», sagt Markus Borer. Unterdessen habe man schon 50 Prozent mehr umgesetzt als 2019. «Wir sind am Anschlag. Obwohl wir den Schichtbetrieb ausgeweitet haben, müssen wir vielen Kunden absagen.»

Konkret heisst das, dass man zusätzlich drei Leute temporär für die Produktion eingestellt hat. Und weil die Termine für den Aussendienst fast alle gestrichen wurden, hätten sich auch intern Leute bereit erklärt, vorübergehend in die Produktion zu wechseln. Aber Borer weiss, dass der Boom schnell vorbei sein kann. «Wir haben jetzt einen Hype, die meisten Kunden bevorraten sich. Aber ich bin überzeugt, dass schon bald erste Firmen schliessen müssen. Wir werden das schon im zweiten Quartal zu spüren bekommen», sagt der Patron.

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