Jagd
«Der Wildbestand schwankt in langen Zyklen»

Der Aedermannsdörfer Bruno Born ist Präsident der Revierjagd Kanton Solothurn und der Derendinger Roland Büchler Präsident des Hegerings Bucheggberg. Im Interview äussern sich die beiden Jäger zur Jagdsaison 2011.

Fränzi Rütti-Saner
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Verbiss-Schäden an ungeschütztem Jungwuchs in Biberist. Bild: Roland Büchler

Verbiss-Schäden an ungeschütztem Jungwuchs in Biberist. Bild: Roland Büchler

Solothurner Zeitung

Bruno Born, am 15. Dezember ist Schluss mit der Treibjagd dieses Jahr. Sind Sie zufrieden?

Bruno Born: Wir hatten – im Thal jedenfalls – eine schlechte Rehjagd. Als Beispiel kann ich die Zahlen in unserem Revier nennen. Nachdem wir auf der Sommerbockjagd recht zufrieden waren, wollten wir gemäss Abschussplan auf der Herbstjagd noch 30 Rehe erlegen. Bisher konnten wir lediglich 12 zur Strecke bringen. Ich denke, dass diese Abschuss-Zahl höchstens teilweise mit dem immer wieder erwähnten Luchs in unserem Gebiet zu tun hat. Davon hat sich der Rehbestand eher wieder erholt, respektive haben sich die Rehe darauf eingestellt.

Wie war es bei Ihnen, Roland Büchler, im Hegering Bucheggberg?

Roland Büchler: Ich kann zurzeit noch nicht für alle acht Reviere sprechen, die den Hegering Bucheggberg bilden. Die Jagd verlief bisher normal. Im Übrigen nehmen wir Jägerinnen und Jäger es gelassen, ob das «Jagdziel» erreicht wird. Man kann und soll auf der Jagd nichts erzwingen. Wir gehorchen der Natur, nicht umgekehrt.

Was könnten die Gründe für die schlechte Rehjagd im Thal sein?

Born: Der späte Blattfall dieses Jahr ist ein Grund. Doch es gibt weitere Gründe, die sich in den vergangenen Jahren vermehrt bemerkbar gemacht haben. Unser Wald ist immer öfter und immer mehr belebt. Das Wild hat lernen müssen, damit umzugehen. Ich beobachte das ganz persönlich auf dem Hochsitz. Die Rehe sind viel scheuer, wir sagen «heimlicher» geworden und ziehen sich bei der geringsten Störung zurück. Das war früher nicht so.

Beim milden Klima dieses Jahres könnte man annehmen, dass mehr Wild vorhanden ist, stimmt das?

Büchler: Nein. Geht es um den Zeitraum eines Jahres, spricht man wohl eher von Wetter. Das Klima indessen ist längerfristig zu betrachten. Ähnlich verhält es sich mit dem Wildbestand. Dieser schwankt in längeren Zyklen, nicht kurzfristig, und ist von mannigfaltigen Einflussfaktoren abhängig. An oberster Stelle stehen das Äsungsangebot und ruhige Wildeinstände. In Revieren mit vielen Rückzugsgebieten für das Wild, wo es auch im Winter genug zu «fressen» gibt, bleibt der Wildbestand erfahrungsgemäss stabil. In strengen Wintern findet eine natürliche Selektion statt. Schwache Kitze zum Beispiel kommen nicht durch, kranke Tiere werden verenden. In der Natur herrscht das Gesetz: «Survival of the Fittest». Eigentlich brutal, aber nicht neu. Nur ist der Gesellschaft ein wenig das Verständnis hierfür abhanden gekommen. Durchkommen! Fressen und gefressen werden, das sind die Gesetze der Natur.

Man hörte in den vergangenen Jahren immer von «Wildschwein-Plagen». Wie stehts dieses Jahr damit?

Born: Meines Wissens hat es im Schwarzbubenland viele Wildschweine. Doch die Klagen halten sich in diesem Jahr in Grenzen. Grund ist dieses Jahr das grosse Angebot an Eich- und Buchnüssen in den Wäldern. Das führt dazu, dass die Wildschweine ihren Nahrungsbedarf in den Wäldern decken können und nicht – wie im letzten Jahr in Wangen b. Olten beispielsweise – ganze private Gärten, Schulanlagen oder Maisfelder umgraben.

Man hört auch vom Rotwild, dem Hirsch, der wieder in den Jura einwandern möchte. Wo ist hier die Problematik?

Born: Südlich der A1 stehen rund 25 Stück Rotwild. Die Autobahn steht dem jahrhundertealten Wildwechsel im Weg. Man beschloss dieses Jahr 3 Stück Rotwild abzuschiessen, was jedoch nicht gelang. Ich selber freue mich nicht unbedingt darüber, dass Rotwild wieder bei uns heimisch werden könnte, denn wenn diese Art sich hier wieder ansiedelt, zieht sie auch ihren Feind, den Wolf nach. Und ich bin überzeugt, dass Wolfsrudel in unserem dicht besiedelten Gebiet keinen Platz mehr haben. Das kann man in den Alpen anders sehen. Dennoch sollte bei der Sanierung der A1 auf sechs Spuren unbedingt eine Wildbrücke gebaut werden.

Wie sehen Sie diese Problematik, Herr Büchler. Wünschen Sie sich das Rotwild zurück?

Büchler: Ja, und deshalb ist Rotwild ist für die Jägerinnen und Jäger keine Problematik. Im Gegenteil. Eines der Ziele und ein gesetzlicher Auftrag der Jagd ist die Aufrechterhaltung und Pflege der Artenvielfalt. Wir freuen uns über die Einwanderung des Hirschs, des nach meiner Ansicht prächtigsten und majestätischsten Vertreters der Huftierarten. Jetzt fehlt uns noch der – allerdings etwas behäbige – Elch. Problematisch hingegen ist unsere parzellierte, mit Hindernissen durchschnittene Landschaft. Rotwild strebt zu den Jurawäldern, die ein idealer Lebensraum für Rotwild sind, nein, wären. Nur: Es ist die Autobahn A1 zu überqueren. Achtung: Rotwild kann solche Hindernisse überwinden, wie ein spektakulärer Unfall im Jahr 2010 zeigte. Stellen Sie sich vor: Sie fahren mit 120 km/h plötzlich auf ein sehr schweres Tier zu, das da steht und in Ihre Scheinwerfer äugt. Soll dem Rotwild der Weg in den Jura freigemacht werden, ist eine Wildbrücke über die A1 notwendig. Indessen: Des Staates Mühlen mahlen langsam, was sonst Vorteile hat. Hier aber handelt es sich um eine dringende Angelegenheit, weil Wild und Mensch in Gefahr sind. Ich behaupte, dass der «Stau» von Rotwild in den Wäldern der Region Hägendorf/Härkingen eine latente Todesgefahr für die Automobilisten auf der A1 darstellen. Das dürfen Sie sich gerne vom Amt für Wald, Jagd und Fischerei bestätigen lassen. Ich fordere die zuständigen Bundesbehörden auf, diese «Zeitbombe» ernst zu nehmen und zu handeln!

Wie steht es denn mit der Einwanderung von fremden Tierarten. Zum Beispiel dem Waschbären oder dem Marderhund. In Deutschland hat man ja wirklich Probleme damit.

Born: Bis heute sind wir nicht davon betroffen. Glücklicherweise.

Büchler: Mir sind keine Begegnungen von Jägerinnen und Jägern unseres Hegerings mit den genannten Tierarten bekannt. Aber ich weiss nicht alles.

Aber Füchse hat es doch zu viele?

Born: Ja. Und was zunehmend auftritt, ist die Fuchsräude. Eine wirklich schreckliche Krankheit. Es braucht aber den Fuchs in unseren Wäldern, doch wir müssen ihn «kurz» halten. Hier bewegen wir uns im Spannungsfeld mit der Landwirtschaft. Manche Bauern haben den Fuchs gerne als Mäuse-Vertilger, doch wenn er dann hinter ihre Hühner geht, hört die Zuneigung auf.

Wie hat sich denn die Jagd grundsätzlich in den vergangenen 10 Jahren aus Ihrer Sicht verändert? Spielt die Klimaveränderung eine Rolle?

Born: Es hat – ich spreche jetzt vom Thal, dem Gebiet, in dem ich jage – viel weniger Wild als noch vor zehn Jahren. Allerdings weiss ich, dass es südlich der Aare mehr Rehwild gibt als früher. Doch haben die Wälder dort andere Strukturen. Schon der Holzzuwachs ist anders als im Thal, dreifach höher.

Büchler: Die Klimaerwärmung ist nach wie vor eine Behauptung. Sie kann in der Natur nicht beobachtet werden. Kaum ist ein schneereicher, kalter Winter vorbei, kaum war ein Sommer kühl und verregnet, spricht kein Mensch mehr von Klimaerwärmung. Im nächsten Jahr ist dann das Gegenteil der Fall. Da bewegen wir uns im Millionstel-Sekunden-Bereich, gemessen am Alter unseres Planeten. Für mich ist die Klimaerwärmung kalter Kaffee und ein profitables Geschäft für die «Umweltschützer-Industrie». Eines ist sicher: Das Wild passt sich an Veränderungen an, wir Menschen übrigens auch. Notfalls überlebt das Wild den Menschen. Somit ist die Welt in Ordnung.

Wie hat sich denn «der Jäger» in dieser Zeit verändert?

Born: Man ist heute viel bewusster Jäger. Man bewegt sich bewusster in der Natur und setzt sich auch mit den Jagd-Gegnern auseinander. Ein anderer Aspekt ist der Anspruch ans Wildbret, welcher in der jüngeren Vergangenheit stark gestiegen ist. Die Fleischqualität ist ein wichtiges Thema, Wildbret-Hygienevorschriften werden uns immer mehr beschäftigen.

Büchler: Jägerinnen und Jäger mussten lernen, dass der Wald allen Menschen gehört, nämlich auch den Pilzsammlern, Bikern, Spaziergängern, dem Waldbesitzer, Forstarbeitern, Waldkindergärtnern, Joggern, Pfeilbogenschützen, Pfadi-Lagern, erbitterten Jagdgegnern und sympathischen Jagdfreunden, aber auch den Jägerinnen und Jägern. Letztere müssen sich mit den anderen Waldnutzern einlassen, mit ihnen sehr überlegt, klug und gelassen kommunizieren, sich nicht verschliessen, tolerant sein, ihr Handwerk selbstbewusst erklären können und «Anwälte» des Wildes sein. Das ist ein hoher Anspruch! Wer sonst, wenn nicht die Jägerinnen und Jäger, steht denn noch integer für Wild-Lebensräume ein? Wer sonst verteidigt noch – mit oder ohne Stirnlampe – die Interessen des Wildes? Jagd schützt und nützt.

Dennoch – die Jäger haben immer noch, und immer wieder mit Image-Problemen zu kämpfen.

Born: Ja, denn es gibt immer noch das Klischee der Jäger, die mit dem Auto auf den Hochsitz fahren. Wir versuchen heute, die Jagd «verträglicher» zu machen. Heute gibt es viel weniger Jagdtage als früher, die Zeit des Abschusses ist stark begrenzt. Man will die Tiere nicht unnötig herumjagen.

Und gibt es auch im Kanton Solothurn vermehrt Frauen, die jagen?

Born: Ja. Ich treffe jedes Jahr 2 bis 3 «neue» Jägerinnen. Es gibt keinen Grund, warum Frauen nicht auch jagen könnten und sollten.