Niederbipp

Der WC-Papier-Gigant Kimberly-Clark will künftig in Italien produzieren — 265 Jobs sind in Gefahr

265 Jobs in Gefahr: Hakle will das WC-Papier künftig in Italien produzieren

265 Jobs in Gefahr: Hakle will das WC-Papier künftig in Italien produzieren

Hakle produziert in Niederbipp Toilettenpapier in Schweizer Qualität. Nun gab Hakle aber bekannt, dass die Produktion nach Italien ausgelagert werden soll. Damit sind jedoch 265 Arbeitsplätze in Gefahr.

Die Produktionsanlage in Niederbipp wird verkauft oder im April 2021 geschlossen. Der US-WC-Papierhersteller Kimberly-Clark verlegt die Hakle-Produktion nach Italien.

Gerüchte um einen Verkauf der Produktionsstätte in Niederbipp gibt es schon seit Jahren. Vermutlich kamen die ersten schon kurz nach dem Kauf des Werks durch die Amerikaner 1999 auf. Jetzt ist der Entschluss definitiv. Kimberly-Clark will Niederbipp verkaufen, man stehe in Verhandlungen mit Interessenten, teilte das Unternehmen seinen 265 Mitarbeitenden am Donnerstag letzter Woche mit. Falls diese scheitern, gedenkt der Milliardenkonzern die Hygienepapier-Produktion im Oberaargau zu schliessen. Trotz der Gerüchte ist es ein Schock.

Ausgerechnet im Jahr von Corona, in jenem Jahr also, in dem sich die Menschen das Toilettenpapier förmlich aus den Einkaufswagen rissen. Im Jahr der Hamsterkäufe, als Kimberly-Clark in Niederbipp während eines Monats jeden Tag rund 2,6 Millionen Rollen WC-Papier produzierte. Rund doppelt so viel wie zu normalen Zeiten. So sagte es Hugo ter Braak, Länderchef Schweiz und Österreich von Kimberly-Clark, im April gegenüber der NZZ.

Erst vor wenigen Wochen Gewinnerwartung erhöht

Erst Mitte Oktober hob der US-Konzern mit weltweit über 40'000 Mitarbeitenden zudem die Gewinnerwartung. Marken wie Kleenex oder Hakle sei Dank. In den USA und anderen Industrieländern seien die Umsätze der Abteilung Papier um rund neun Prozent gestiegen. Auch die Abteilung Windeln und Damenbinden legte um ein Prozent zu. Zwar brach das Geschäft für die Belieferung von Unternehmen mit Hygieneartikeln im dritten Quartal ein (-16 Prozent), was Kimberly-Clark aber nicht hinderte, die Gewinnprognose für das Gesamtjahr zu heben.

Vor diesem Hintergrund erstaunt das Vorgehen in der Schweiz. Umso mehr, wenn stimmt, was Pascal Diemand, Vorgänger von ter Braak als Länderchef, vor rund anderthalb Jahren zu dieser Zeitung sagte: «Wir gehören zu den Kronjuwelen und sind eine der profitabelsten Ländergruppen des Kimberly-Clark-Konzerns.» Zudem habe man kontinuierlich investiert, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu sein.

Hakle soll künftig in Norditalien produziert werden

Was hat zum Umdenken geführt? Warum will man plötzlich seine Kronjuwelen loswerden? Darüber hätten wir gerne mit dem heutigen Länderchef Hugo ter Braak gesprochen. Oder mit Geschäftsleitungsmitglied Sven Daute. Der Deutsche ist zwar erst seit etwas mehr als einer Woche als Teil der Geschäftsführung von Kimberly-Clark Schweiz aufgeführt. Gemäss der Business-Plattform LinkedIn kennt er aber nicht nur den Betrieb, sondern auch die Gegend.

Mitte der 90er-Jahre war er Assistent des Fabrikationsleiters in der damaligen Tela-Fabrik in Niederbipp und Balsthal. Danach Prozessingenieur und Betriebsleiter bei Kimberly-Clark in Deutschland. In dieser Zeit verantwortete er mitunter die Schliessung des Produktionsstandortes in Flensburg und den Umzug nach Koblenz.

Am Montagabend kamen von der Medienstelle von Kimberly-Clark doch noch schriftliche Antworten auf unsere Fragen. Man sei fortwährend bestrebt, «Herstellungsabläufe noch effizienter zu gestalten». Man habe die Fertigungsbetriebe in Westeuropa einer umfassenden strategischen Überprüfung unterzogen. Das Resultat: Niederbipp soll verkauft werden. Dafür investiert man 38 Millionen US-Dollar in Rouen in der Normandie und Romagnano im Piemont. Die Standorte in Frankreich und Italien sollen zu Kompetenzzentren ausgebaut werden, der Schweiz kehrt Kimberly-Clark den Rücken.

Die in Niederbipp produzierten Hakle-Produkte werden künftig also im Ausland hergestellt. Dabei legt man derzeit noch besonderen Wert auf «Swissness». Auf www.hakle.ch steht: «Auf die Auszeichnung ‹Swiss made› sind wir besonders stolz, denn der Qualität Schweizer Produkte vertraut man weltweit.» Nun muss man wissen, dass der US-Konzern die Markenrechte an Hakle bloss noch in der Schweiz und Österreich innehat. Künftig will man bei uns also Swissness made in Italy verkaufen. Denn die Produktion von Hakle-Toilettenpapier will man in Norditalien weiterführen. Wenn das mal bloss nicht in die Hose geht.

Gewerkschaft fürchtet um die 265 Arbeitsplätze

Auf dem Spiel stehen derweil die 265 Jobs in Niederbipp. Zwar teilt der US-Konzern mit, man sei sich «seiner Verantwortung als Arbeitgeber sehr bewusst». Das Wohl der Mitarbeitenden stehe im Zentrum ihrer Anstrengungen und man setze alles daran, dass die Verkaufsverhandlungen zu einem erfolgreichen Abschluss kämen. Weitere Details könne man aus verhandlungstaktischen Gründen allerdings nicht preisgeben.

Aus Mitarbeiterkreisen will die Gewerkschaft der Schweizer Papierindustrie (SPV) jedoch wissen, dass der Verhandlungsspielraum klein sei. Auf gut Deutsch: Die Amerikaner wollen das Werk teuer verkaufen, schliesslich ist es ja ein «Kronjuwel». Folglich seien sie auch nicht zu grossen Eingeständnissen bereit. SPV-Präsident Beat Krügel sagt: «Ich fürchte, dass diese 265 Arbeitsplätze verloren gehen könnten.» Zugleich betont er, dass er natürlich hoffe, dass sich die Befürchtung nicht bewahrheitet.

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