Welke Blätter liegen auf den Wegen. Ein Porzellanengel ist durch den starken Wind von seinem Platz auf einem der Grabsteine zu Boden gefallen. Der weitläufige Friedhof St. Katharinen in Solothurn wirkt hell und freundlich – und doch etwas zerzaust.

«Wir haben heute noch einiges zu tun», sagt Daniele Perego, Vorarbeiter der Stadtgärtnerei. Seit Anfang Jahr ist er zuständig für die Begrünung auf dem Friedhof und überhaupt in der ganzen Stadt Solothurn. Mit einem Team von acht Leuten sorgt er dafür, dass in der Stadt die Bäume geschnitten, die Wiesen gemäht und die Laubblätter von den Wegen entfernt sind. Auf dem Friedhof, der sich am Stadtrand in der Nähe von Sankt Niklaus befindet, verbringt er durchschnittlich ein bis zwei Tage pro Woche. Perego kennt jeden Baum auf dem Gelände. «Das hier ist eine der schönsten Alleen in Solothurn», sagt er und zeigt auf eine Baumreihe, die sich der Friedhofmauer entlang säumt.

Grabmäler sollen gepflegt sein

Vor Allerheiligen herrsche auf den Friedhöfen Hochbetrieb. Viele Angehörige pflegen vor dem Gedenktag noch einmal die Grabmäler. Am Vortag stehen mehrere Lieferwagen von Gärtnereien auf dem Parkplatz. Die Stadtgärtnerei sei zwar für den Friedhof zuständig, doch es gebe viele Angehörige, welche die Grabmäler der Verstorbenen von einem Gärtner pflegen lassen. «Es werden wohl viele Menschen vorbeikommen morgen», sagt Perego. Aber er wisse nicht, wie viele. Denn wenn sie kommen, sind er und sein Team längst wieder vom Friedhof verschwunden und haben einen gepflegten Friedhof hinterlassen.

Perego erzählt, dass einige – meist ältere – Menschen fast täglich auf den Friedhof kommen. Für sie sei es wohl eine Art Ritual. Bei anderen Gräbern habe er noch nie eine angehörige Person gesehen. Der Gang durch den Friedhof führt an Gemeinschaftsgräbern, Familien- und Einzelgräbern vorbei. An liebevoll gepflegten und bepflanzten, aber auch an überwachsenen und etwas vernachlässigten Gräbern. Auch die Grabsteine sind sehr unterschiedlich: Von schlichten Steinen mit Gravur über Statuen bis hin zu Kunstwerken mit beweglichen Metallkonstrukten sind auf dem Friedhof die verschiedensten Grabmale zu sehen.

Die Arbeit neben Trauernden

Die Arbeit auf dem Friedhof unterscheide sich im Wesentlichen nicht von anderen Gartenarbeiten, sagt Perego. «Man muss etwas achtsamer, etwas sensibler mit den Menschen umgehen.» Man gehe hier neben trauernden Angehörigen, welche manchmal vor wenigen Tagen einen geliebten Menschen verloren haben, seiner täglichen Arbeit nach. Natürlich versuche man, sich bei seiner Arbeit so rücksichtsvoll wie möglich zu verhalten. Doch das sei eben nicht immer ganz einfach. Tatsächlich wirkt das Motorengeräusch von vier Laubbläsern an einem Ort der Stille etwas unpassend – aber es werde eben erwartet, dass die Grabmäler regelmässig von Laub befreit werden.

Manchmal sei er der «unsichtbare Gärtner», der kaum beachtet werde und manchmal komme er mit den Angehörigen ins Gespräch. «Man bekommt zum Teil auch sehr persönliche Geschichten mit», sagt Daniele Perego nachdenklich. Der Tod – er sei nach wie vor ein Tabuthema. «Aber hier kann man ihm nicht aus dem Weg gehen, hier ist er sehr präsent.» Manchmal sei man vollkommen in seine Arbeit vertieft und dann werde einem plötzlich bewusst, wo man sich gerade befindet. «Das kann einen schon nachdenklich stimmen», sagt Perego. Aber der Tod gehöre eben einfach zum Leben dazu.

Der Gärtner blickt auf die Rosen entlang des Weges, die am letzten Oktobertag erstaunlicherweise immer noch blühen. Er glaube, dass ein schöner, naturnaher Friedhof die Schwere, die der Tod manchmal mit sich bringe, abfedern könne. Es gebe sogar Leute, die einfach so in dem parkähnlichen Friedhof spazieren gehen und sich da wohl fühlen. «Diese Bäume, Sträucher und Blumen, das ist doch auch Leben.»

Bevor sich der Friedhofgärtner mit dem Laubbläser wieder an die Arbeit macht, schaut er noch einmal in die Baumkrone eines riesigen Ahorns und sagt: «Die Vorstellung, dass mich die Bäume, die ich pflanze, zum Teil um mehr als 100 Jahre überleben, finde ich faszinierend.»