«Als ich mit dem Tätowieren begann, gab es in der Schweiz nur zwei Tätowierer», sagt Luc Grossenbacher. Der Grenchner ist seit 38 Jahren in der Branche tätig und Präsident des Verbandes Schweizerischer Berufstätowierer. In der damaligen Zeit und Szene seien Tätowierer sehr gefragt gewesen. «Da ich gut zeichnen konnte, überredete man mich, mein Können als Tätowierer umzusetzen.» Warum der lange im Ausland tätige Künstler sein Studio ausgerechnet in Grenchen eröffnete? «Damals war es im Kanton Bern noch verboten», sagt er. Da Grenchen zwischen Basel, Bern, Biel und Solothurn liegt, erschien ihm die Stadt als perfekter Standort.

Inzwischen hat sich in der Branche einiges verändert. Die Studios schiessen seit einigen Jahren regelrecht aus dem Boden. Im Kanton Solothurn findet man sie nicht nur in Grenchen, Olten oder Solothurn, sondern auch in Hägendorf, Kappel, Walterswil, Zuchwil, Biberist oder Gerlafingen. Laut der kantonalen Lebensmittelkontrolle sind im Kanton aktuell 37 Tattoostudios registriert – die inoffiziellen «Hinterhoftätowierer» nicht mitgezählt.

Heute nicht mehr wegzudenken

Er ist erst seit zehn Jahren in der Branche tätig: Daniel Rothen aus Olten. Als er mit dem Stechen anfing, kamen Tattoos gerade so richtig in Mode. «Sie haben sich in den letzten Jahrzehnten in der Gesellschaft etabliert», sagt Rothen. Die Körperkunst habe durch Musiker, Film- und Fussballstars mehr und mehr Einzug in den modernen Lebensstil gehalten. Mittlerweile gebe es gar Fernsehsendungen über das Tätowieren.

Mit der Gesellschaftstauglichkeit der Kunstwerke auf der Haut hat sich laut Rothen auch das Verhalten der Kunden verändert. «Ich erlebe, dass sich Männer und Frauen spontaner und kopfloser tätowieren lassen als noch vor zehn Jahren», sagt Daniel Rothen. Dies nimmt auch der junge Solothurner Tätowierer Ben Hubler so wahr. «Früher gehörten Tattoos zu einem Image. Es war eine bestimmte Gruppe von Menschen, welche sich tätowieren liess», so Hubler. «Der Trend nimmt uns Tätowierern auf eine gewisse Weise die Rebellion.»

Heute habe er bei einigen Kunden den Eindruck, dass sie sich einfach eines stechen lassen, damit sie eines haben. Dann müsse es oft möglichst schnell gehen und dazu noch günstig sein. «Man nimmt sich heute vermutlich einfach weniger Zeit, um sich über ein Tattoo Gedanken zu machen.» Er erlebe zudem oft, dass mehrere Kunden mit ein und demselben Motiv aufkreuzen. Meistens sei Google dabei die Referenz für das Motiv. Dies führe dazu, dass er immer wieder exakt dasselbe Tattoo steche. «Ich versuche dann immer, dem Motiv doch noch eine individuelle Note zu geben», sagt Ben Hubler.

Die Motive im Wandel der Zeit

Welches die beliebtesten Motive sind, sei schwierig zu sagen. Klar gebe es Trends, aber es würden auch immer noch traditionelle Tattoos gestochen. Mandalas und Ornamente, Federn, Kompasse, der Name des Kindes: das seien Motive, welche er sehr oft steche. «Zurzeit sind auch feine Schriftzüge hoch im Kurs», so Ben Hubler. Luc Grossenbacher nimmt es anders wahr: früher habe er vorwiegend kleinere Motive gestochen, heute vor allem grossflächige Motive an gut sichtbaren Stellen.

Fluch und Segen des Trends

Kein Künstler gibt gerne zu, dass er von der Popularität seiner Kunst abhängig ist. Und dennoch profitiert die Branche vom Trend. «Ich denke, dass ich davon abhängig bin», sagt Daniel Rothen. Aber da der Trend seit Beginn seiner Tätigkeit stetig angestiegen sei, könne er dies nicht genau beurteilen. Luc Grossenbacher hingegen, glaubt nicht, dass er davon abhängig ist. Er hat sich über die Jahre einen Kundenstamm aus der ganzen Schweiz und dem Ausland aufgebaut.

Heute kommen laut Grossenbacher aber viel weniger Kunden aus der Schweiz, was mit dem übergrossen Angebot zu tun habe. Es sei schwieriger geworden, allein vom Tätowieren leben zu können, wenn man sich nicht bereits einen Namen gemacht habe. Schuld daran sind Grossenbacher zufolge unter anderem die Hobbytätowierer, in der Branche auch «Hinterhoftätowierer» genannt. Sie sind nicht beim Kanton angemeldet und arbeiten nicht in einem offiziellen Studio.

Da sie nicht beim Kanton angemeldet sind, werden sie auch nicht von der kantonalen Lebensmittelkontrolle geprüft. Solche inoffizielle Tätowierer achten Grossenbacher zufolge oft nicht auf Qualität der Farbe und seien dafür bekannt, die strikten Hygienebedingungen nicht einzuhalten. «Es ist einfach nicht okay, wenn jemand hobbymässig zu Hause tätowiert und damit Geld verdient», sagt Hubler. Neben der oftmals fehlenden Hygiene stelle auch der Preisdruck ein grosses Problem dar, da solche Tätowierer viel günstiger stechen können. Oft leide darunter die Qualität der Tattoos. Huber berichtet, er müsse manchmal nicht professionell gemachte Motive überstechen. «Eine Kundin erzählte mir einmal, dass der Hobbytätowierer, der ihr Tattoo gestochen hatte, hauptberuflich Polizist sei.»

Hygiene und Meldepflicht

Früher habe sich niemand für die Hygiene interessiert, erzählt Luc Grossenbacher. «Erst als die HIV-Problematik auftauchte, wurde Hygiene ein Thema.» Die heutigen Standards der offiziellen Studios wurden 2005 von den Fachverbänden und Experten zusammen mit dem Bundesamt für Gesundheit festgelegt, diese wurden in der Richtlinie für eine gute Arbeitspraxis festgelegt und vom Bundesamt für Gesundheit zur Anwendung empfohlen. «Aber eben nur empfohlen», sagt Grossenbacher.

Bei den Studios, welche dem Verband Schweizerischer Berufstätowierer angehören, werde die Hygiene jedes Jahr von einer unabhängigen Kontrollstelle geprüft. Seit 2008 die Meldepflicht für Studios eingeführt wurde, sind auch die Kantone dazu aufgefordert, die gemeldeten Tattoostudios zu kontrollieren.