Lage «sehr ernst»
Der tiefe Euro bedroht die Existenz der Papierfabrik Utzenstorf

Die Situation ist «sehr ernst», sagt Alain Probst von der Papierfabrik Utzenstorf. Das Szenario, dass der Franken unvermindert stark und der Euro unter 1.10 Franken bleibt und die Verkaufspreise für Fertigpapier sich nicht erholen, wäre «existenzbedrohend». Denn die Papierfabrik exportiert 50 Prozent seines recycelten Altpapiers.

Franz Schaible
Merken
Drucken
Teilen
Alain Probst will die Papierfabrik Utzenstorf am Laufen halten. Eine Massnahme ist die Preissenkung für den Rohstoff Altpapier.

Alain Probst will die Papierfabrik Utzenstorf am Laufen halten. Eine Massnahme ist die Preissenkung für den Rohstoff Altpapier.

Hansjörg Sahli

Mit dem Wechselkurs Franken zum Euro verhält es sich wie mit einem Glasbruch: Die Bruchlinie verästelt sich in alle Richtungen bis die ganze Glasscheibe erfasst ist. Auch der abrupt erstarkte Franken schlängelt sich durch alle Lebensbereiche, vom Arbeitsplatz, den Lohn, über den Einkauf im Grossverteiler bis hin zur Höhe der Pensionskassenrente. Und jetzt ist selbst das Recycling von Altpapier betroffen. «Als Sofortmassnahme sind wir gezwungen, die Altpapierpreise um 25 Franken pro Tonne zu reduzieren», hat die Papierfabrik Utzenstorf Hunderten von Gemeinden in einem Schreiben angekündigt.

Da mag sich mancher fragen, was der Eurokurs mit seinem vor der Haustür sauber gebündelten Altpapier zu tun haben soll? Sehr viel, sagt Alain Probst, Leiter des Altpapierwerkes und Mitglied der Geschäftsleitung der Papierfabrik Utzenstorf. Des Rätsels Lösung ist, dass Papier in Euro gehandelt wird. Probst macht ein Rechenbeispiel. Bis zur Aufhebung des Mindestkurses von 1.20 Franken brachte eine Tonne Fertigpapier rund 500 Euro oder 600 Franken Umsatz. Seither ergibt eine Tonne Papier beim Kurs von 1.05 Franken nur noch 525 Franken. Die Exporte – bei Utzenstorf liegt die Quote bei 50 Prozent – schmälern also den Umsatz um diese Differenz. Und die Lieferungen innerhalb der Schweiz sind genauso betroffen, weil die Preise auf dem Euro basieren. Utzenstorf kann statt 600 nur noch 525 Franken verrechnen. «Unsere Einnahmen sind also zu 100 Prozent vom Eurokurs abhängig, während die Kosten zu 70 Prozent in Franken anfallen.»

«Ich fühlte mich Wie ein Boxer nach einem K.-o.-Schlag»

Wie unmittelbar und massiv die Wechselkursentwicklung auf die Aktivitäten eines Unternehmens wirken kann, zeigt das Beispiel der Paro AG in Subingen. Knapp ein Jahr lang habe man an einem Grossprojekt gearbeitet, um den Auftrag an Land ziehen zu können, erzählte jüngst Martin Frauenfelder, Chef und Inhaber der auf Produktions- und Montageanlagen spezialisierten Firma, an einem Anlass des Industriedachverbandes Swissmem. Am 23. Dezember 2014 sei es so weit gewesen, der Kunde habe einen Letter of Intent über die Auftragssumme von 1,5 Millionen Euro oder umgerechnet 1,8 Millionen Franken unterzeichnet. Mit dem Zusatz, dass im nichtanzunehmenden Fall einer Stornierung des Auftrages die Paro AG ihre aufgelaufenen Kosten verrechnen könne. Der Auftrag hätte die Arbeit für acht Vollzeitangestellte während eines Jahres gesichert. Dann, Mitte Januar, folgte der Kurssturz des Euro, plötzlich fehlten beim Kurs von 1:1 rund 300 000 Franken.

«Das wäre für unsere Firma nicht tragbar gewesen.» Sofortige Nachverhandlungen scheiterten, der Kunde habe den gesamten Auftrag storniert. «Ich fühlte mich wie ein Boxer nach einem K.-o.-Schlag, der in den Seilen hängt.» Das sei bitter, insbesondere deshalb, weil es nach einer längeren Durststrecke gelungen sei, im europäischen Markt wieder konkurrenzfähig zu werden. Der Exportanteil sei von zuvor 50 auf gegen 10 Prozent abgesackt. Der vor 29 Jahren gegründete Betrieb und seit 2003 im Besitz der Familie Frauenfelder beschäftigt nach einem Abbau von fünf Stellen aktuell 51 Angestellte und erwirtschaftet einen Umsatz von rund 8 Millionen Franken. Trotz Tiefschlag sei ein weiterer Stellenabbau oder Lohnkürzungen («wir brauchen qualifizierte Fachkräfte») derzeit kein Thema, versichert der Patron. Vor wenigen Tagen habe man einen Grossauftrag aus der Schweiz an Land ziehen können, der die Lage etwas entschärfe. Und falls sich der Franken weiter auf 1.10 Franken abschwäche, dann sei das zwar eine sportliche Herausforderung. «Aber wir werden den Weg finden.» Aktuell liegt der Kurs bei 1.08 Franken. (FS)

«In beiden Fällen können wir aufgrund des hart umkämpften Papiermarktes die Verkaufspreise kaum erhöhen. Sonst wir weg vom Fenster», so Probst. Erschwerend komme hinzu, dass die Papierpreise nachfragebedingt bereits seit längerem unter Druck stehen. Der Papierverbrauch in Europa sei 2012 um 10 Prozent, 2013 um 4 Prozent und 2014 um weitere 6 Prozent gesunken. Die rückläufige Nachfrage führe zu deutlich tieferen Preisen. Die Kombination von Preiszerfall und starkem Franken treffe das Papierwerk in Utzenstorf im Nerv.

Zwar habe man seit der letzten Währungskrise 2011 reagiert. Der Einkauf des Stroms auf dem freien Markt und Energieeffizienzmassnahmen hätten die Energiekosten substanziell reduziert. Die Reintegration der Logistik und der Reduktion der Papierherstellung aus Holzschliff habe zu Synergieeffekten geführt, mehrere natürliche Personalabgänge seien nicht mehr ersetzt worden. Deshalb sei es gelungen, das Betriebsergebnis 2014 gegenüber dem Vorjahr deutlich zu steigern, wenn auch auf unbefriedigendem Niveau. Zudem habe man mit dem Personal und der Betriebskommission schon im Dezember eine befristete Lohnreduktion um 5 Prozent vereinbart, falls im 3. Quartal 2015 eine bestimmte Betriebsgewinnhöhe nicht erzielt werden könne.

Das alles genüge nach dem jüngsten Euroschock nicht mehr. Deshalb müsse die gesamte Branche – in der Schweiz gibt es insgesamt vier Altpapierverwerter – beim Rohstoff ansetzen. «Das Altpapier ist bei uns der grösste Kostenfaktor», begründet Probst die erwähnte Preisanpassung nach unten. Bei Städten und Gemeinden mit einem gültigen Rahmenvertrag werde die darin vereinbarte Mindestpreis- und Abnahmegarantie eingehalten. Das betreffe rund die Hälfte der direkt nach Utzenstorf liefernden Gemeinden. Insgesamt verarbeitet Utzenstorf das Altpapier von rund 800 direkt oder indirekt anliefernden Gemeinden. Der Rahmenvertrag wurde 2012 zwischen den Städte- und Gemeindeverbänden, dem Verband Stahl-, Metall- und Papierrecycling Schweiz und den Papierfabriken erneuert. Im Vertrag sind Mindestabnahmepreise festgehalten. Bis 1000 Jahrestonnen gibt es 45 Franken pro Tonne und für höhere Mengen 55 Franken. Für Mischware (Papier und Karton) gibt es 10 respektive 20 Franken. Falls diese Massnahme nicht ausreiche, sehe ein Passus vor, dass unter besonderen wirtschaftlichen Umständen die Preisgarantie aufgehoben werden könne.

Die Mehrheit der Gemeinden habe mit Verständnis auf die Preissenkung reagiert, meldet Probst. Gemeinsam mit dem Branchenverband habe ja der Dachverband der Schweizer Gemeinden und Städte «Kommnunale Infrastruktur» die Preissenkung in einer Medienmitteilung angekündigt. Es gehe dabei auch um die Sicherstellung des bewährten Altpapier-Recyclings. Mit der Aufhebung des Mindestkurses seien nämlich die Importe von Altpapier um 20 Prozent günstiger geworden. Die Verlockung sei also vorhanden, verstärkt Altpapier aus dem Ausland einzuführen.

Insgesamt als «sehr ernst» schildert Alain Probst die Situation für die Papierfabrik Utzenstorf. Es sei aber kein Volumenproblem, sondern ein Margenproblem. Jährlich verarbeitet das Werk Utzenstorf mit 250 Mitarbeitenden 260 000 Tonnen Altpapier in 200 000 Tonnen Fertigpapier. Als kleiner Produzent in einem europaweiten Gesamtmarkt von 8,7 Millionen Tonnen Zeitungspapier könne man flexibel auf die Bedürfnisse reagieren. Deshalb seien die beiden Papiermaschinen in der Regel voll ausgelastet – auch im laufenden Jahr.

Aber die Ertragssituation sei ungenügend. Das schlimmste Szenario wäre ein bleibender Wechselkurs von unter 1.10 Franken und ein weiterer Rückgang der Papierpreise. «Das wäre für die Papierfabrik existenzbedrohend.»