Marcel Gehrig, der Chef des kantonalen Steueramts, hat spezielle Nebenämter: Er sitzt in den Verwaltungsräten der Grand Casino Kursaal Bern AG, der Casino Neuchâtel SA und der Hotel Allegro Bern AG. Diese Mandate bei «Betreibern von Spielcasinos sowie eines grossen Hotels» sind aus Sicht der FDP-Kantonsratsfraktion problematisch. Aber weder Gehrig noch das Finanzdepartement sehen in dieser Freizeitbeschäftigung ein Konfliktpotenzial.

«Wurde diese Nebenbeschäftigung von der vorgesetzten Stelle bewilligt?» Und: «Wie beurteilt der Regierungsrat das Risiko von Interessenkonflikten bei einer solchen Nebenbeschäftigung?» Dies sind nur zwei von mehreren besorgten Fragen, welche die FDP-Fraktion, Erstunterzeichner Alexander Kohli (Grenchen), in einer gestern eingereichten Interpellation stellt. Weiter soll sich die Regierung dazu äussern, «wie sich solche Mandate mit einer 100-Prozent-Anstellung eines Amtschefs vertragen» und ob daneben «genügend freie Kapazität besteht, um ein derartiges Verwaltungsratsmandat – auch in Ausnahmesituationen – verantwortungsvoll wahrzunehmen».

Gemäss «gefestigter Praxis»

Marcel Gehrig (49), seit 1. Januar 2010 Chef des kantonalen Steueramts, sitzt seit Oktober 2011 im Verwaltungsrat der Hotel Allegro Bern AG und seit Dezember 2013 in den Verwaltungsräten der Grand Casino Kursaal Bern AG und der Casino Neuchâtel SA. Dies bestätigt ein Blick ins Handelsregister. Auf Nachfrage dieser Zeitung erklärt Heidi Pauli, dass Nebenbeschäftigungen in der Freizeit auch von Chefbeamten gemäss «gefestigter Praxis des Personalamts» zulässig seien. Laut der Departementssekretärin beim kantonalen Finanzdepartement dürfe die daraus resultierende zeitliche Belastung aber nicht mehr als 10 Prozent eines Pensums betragen. Gesuche für solche Bewilligungen seien jeweils auf dem Dienstweg einzureichen und würden letztlich beim Personalamt landen.

«Die Nebentätigkeit von Herrn Gehrig wurde 2011 formell bewilligt», betont Pauli. Den Segen zur Nebentätigkeit in der Berner Casino-Gruppe habe der damalige (freisinnige) Finanzdirektor Christian Wanner gegeben. Die weiteren zwei Mandate in der Gruppe kamen in der Ära von Finanzdirektor Roland Heim (CVP) dazu. Pauli versteht die Bedenken der Interpellanten nicht: Weder würden dem Nebenjob betriebliche Interessen entgegenstehen, noch werde die Leistungsfähigkeit Gehrigs beeinträchtigt, noch seien schliesslich Konflikte mit dienstlichen Interessen zu befürchten. Aus solchen Gründen könnte gemäss Gesamtarbeitsvertrag eine Nebenbeschäftigung untersagt werden. Dass die Casino-Branche eine spezielle ist, räumt auch Heidi Pauli ein. Könnten denn vor diesem Hintergrund Probleme der Casino-Gruppe Marcel Gehrig nicht auch in seinem Amt als Steuerchef schädigen? Pauli wiegelt ab: «Das ist eine theoretische Frage.»

Frage «grundsätzlich zu prüfen»

«Dass Gehrig eine Bewilligung für seine Nebenbeschäftigung hat, war mir nicht bekannt», muss Erstunterzeichner Alexander Kohli einräumen. Also alles ein Sturm im Wasserglas, ein Schuss in den Ofen? «Sicher nicht. Es ist unserer Meinung nach schon mindestens eine Überlegung wert, ob ein kantonaler Amtschef im Verwaltungsrat einer Gruppe sitzen soll, die einen Umsatz von fast 86 Mio. Franken hat», kontert Kantonsrat Kohli. Und: «Es ist für uns eine grundsätzliche Frage, ob kantonale Chefbeamte überhaupt derartige Nebenämter bekleiden sollen.»

Eine Art Freizeitbeschäftigung

«Einige machen in ihrer Freizeit Politik, andere sind in einer Fussballmannschaft aktiv und ich mache jetzt halt das», reagiert der angeschossene Amtschef selber lakonisch auf die Interpellation. Er sei ursprünglich in der Privatwirtschaft tätig gewesen und erachte es als durchaus sinnvoll, sich nicht im Elfenbeinturm einer kantonalen Verwaltung zu verschanzen: «So geht der Bezug zur realen Wirtschaft nicht verloren». Die zeitliche Belastung aus seiner Freizeitbeschäftigung liegt gemäss Gehrig «unter der zulässigen Limite». Die von den Interpellanten befürchtete Gefahr eines Interessenkonflikts bestehe nicht: «Ich wüsste nicht in welcher Form.» Schliesslich sei der Inhalt der Interpellation nicht nur auf ihn persönlich gemünzt, würden doch die «Nebenbeschäftigungen von Amtschefs» allgemein thematisiert, sagt Gehrig zur Frage, wie er sich den Schuss vor seinen Bug erkläre. Allerdings, so sinniert er dann doch noch weiter: «Als Chef des Steueramtes steht man halt immer etwas im Fokus ...» Und die Gefahr, dass er nicht nur privates Vermögen, sondern gar Staatsgelder in «seinen» Casinos verzocken könnte? «Keine Angst», beruhigt Gehrig, er sei als Verwaltungsrat schweizweit in den Casinos gesperrt ...