Zwei Jahre nach dem Frankenschock: Hat die Solothurner Industrie diese Herausforderung gemeistert?

Mathias Binswanger: Angesichts der Tragweite des Entscheides der Schweizerischen Nationalbank sage ich Ja. Die Firmen haben den Währungsschock erstaunlich gut gemeistert. Denn die massgeblichen Branchen im Kanton Solothurn waren vom Wechselkurs überdurchschnittlich betroffen. Solothurn war und ist exponiert.

Wie meinen Sie das?

Branchen wie die Pharma- oder auch Chemieindustrie mussten trotz starkem Franken kaum Einbussen bei der Nachfrage hinnehmen, weil die Elastizität sehr gering ist. Viele Schweizer Medikamente werden gebraucht, auch wenn sie im Ausland durch die Frankenstärke teurer werden.

Sie können nicht durch Produkte aus anderen Ländern ersetzt werden, deshalb geht die Nachfrage nicht zurück. Das ist in der Maschinenindustrie häufig anders. Dort kann der Nachfrager auf Konkurrenzprodukte ausweichen, welche in anderen Länder gefertigt werden. Weil Pharmaprodukte für die Exporte der Schweiz in den letzten Jahren immer bedeutender wurden, war die Auswirkung der Frankenstärke auf die gesamten Exporterlöse der Schweiz erstaunlich gering. Die Pharma- und Chemiebranche spielt im Solothurnischen aber praktisch keine Rolle.

Inzwischen hat sich Eurokurs bei rund 1.08 Franken stabilisiert. Haben sich die Firmen damit arrangiert?

Es bleibt ihnen keine andere Wahl, denn es gibt keine Anzeichen für eine Abschwächung des Frankens. Einige Unternehmen mussten zwar kapitulieren. Aber die grosse Mehrheit ist weiterhin am Markt aktiv; sie haben sich auf die jetzigen Wechselkursverhältnisse ausgerichtet.

Wie wichtig ist der Wechselkurs?

Der Einfluss der Währungsverhältnisse auf den Absatz der Unternehmen ist wie erwähnt je nach Branche unterschiedlich gross. Insgesamt zeigt es sich aber, dass die konjunkturelle Entwicklung im Ausland einen grösseren Einfluss hat. Das heisst, wenn die Wirtschaft im Ausland gut läuft, ist die Auswirkung auf die Schweizer Exporte stärker als wenn sich der Franken im Wert verändert.

Geht der starke Franken aber nicht langsam an die Substanz der Unternehmen?

Natürlich wäre eine Abschwächung des Frankens für die Exportindustrie wünschenswert. Aber ein Strukturwandel würde auch bei schwächerem Schweizer Franken stattfinden. Der starke Franken ist ein Beschleuniger dieses teilweise schmerzhaften Prozesses.

Der Weg von der traditionellen Industrie hin zu Dienstleistungen ist ein Trend, der im Solothurnischen besonders spürbar ist, weil die Industrie hier noch stärker präsent ist als im Schweizer Durchschnitt. Die industrielle Produktion verlagert sich in Länder mit billigeren Löhnen oder sie wird mittels Digitalisierung und Robotisierung so stark rationalisiert, dass selbst bei Weiterführung der Produktion kaum noch Menschen beschäftigt sein werden.

Es kommt zur Deindustrialisierung?

Nein, das wäre übertrieben. Es findet vor allem eine Verlagerung der Wertschöpfung statt. Zwar nimmt die Zahl der Beschäftigten in der verarbeitenden Industrie ab, aber gleichzeitig bleibt die Produktionsmenge in vielen Branchen hoch. Kurz: Es wird mit immer weniger Menschen immer mehr produziert.

Sie sagen, die Industrie habe die Situation gut gemeistert. Auf was stützen Sie diesen Befund?

Ein Beispiel ist die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, welche ein guter Gradmesser ist. Entgegen den prognostizierten Horrorszenarien ist die Arbeitslosigkeit im Kanton Solothurn aktuell tief, sie liegt sogar unter dem schweizerischen Durchschnitt. Ausserdem zeigen eigene Untersuchungen, dass es insgesamt kaum zu Firmenabwanderungen aus dem Kanton Solothurn kommt.

Aber die Exporte aus dem Kanton Solothurn sind im laufenden Jahr deutlich gesunken, viel stärker als in der Gesamtschweiz.

Ja, aber angesichts der geschilderten Branchenstruktur ist das Resultat nicht so schlecht. Neben der traditionellen Industrie gibt es übrigens Branchen, die sehr gut laufen. Ich denke etwa an Logistik und Verkehr, die sich im Kanton dank der ausgezeichneten Erschliessung etabliert haben, oder an die Medtechindustrie, die inzwischen zu einem wichtigen Standbein herangewachsen ist.

Die Zahl der Menschen ohne Arbeit ist im Kanton Solothurn aber einiges höher als noch vor dem Frankenschock. Ist das alarmierend?

Nein. Zumindest der jüngste Anstieg ist auch saisonal bedingt und damit weitgehend unabhängig von der Konjunkturentwicklung.

Auf international vergleichbaren Berechnungsgrundlagen sieht es anders aus. Da zeigt sich, dass die landesweite Arbeitslosenquote höher ist als etwa jene zum Beispiel in Deutschland.

Das ist so. Trotzdem bleibe ich dabei: Der hiesige Arbeitsmarkt ist im Lot. Denn unter Berücksichtigung der Zuwanderung von Arbeitskräften zeigt sich doch, dass wir eigentlich zu wenig Beschäftigte haben.

Es ist für viele Firmen schwierig, genügend qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Deshalb kann man in der Schweiz nicht von einer grossen Arbeitslosigkeit reden, abgesehen von einzelnen Branchen wie etwa im Gastgewerbe, wo sich die Situation anders präsentiert.

Wieso braucht es Personal aus dem Ausland, wenn gleichzeitig Schweizer ohne Job sind?
Das ist eine Frage der Qualifikation. Es braucht offenbar Experten, die es in der Schweiz zu wenig hat, andererseits gibt es Berufskräfte, für die es keine adäquaten Arbeitsplätze mehr gibt. Hin und wieder spielt auch eine Rolle, dass Ausländer zu geringeren Löhnen angestellt werden können.

Trotzdem rangiert im jährlich erhobenen Sorgenbarometer die Arbeitslosigkeit fast ausnahmslos zuoberst. Das stimmt mit Ihrer Beurteilung nicht überein.

Das ist kein Widerspruch. Andere Studien zeigen, dass die Lebenszufriedenheit eng mit der Beschäftigung zusammenhängt. Es gibt keinen anderen Effekt, der stärker auf die Lebenszufriedenheit wirkt als Arbeitslosigkeit oder die Angst davor. Die hohe Arbeitsplatzsicherheit in der Schweiz ist sicher ein wesentlicher Grund dafür, dass die Lebenszufriedenheit in der Schweiz im Vergleich zu andern Ländern hoch ist.

Warum ist der Job so wichtig?

Das ist nicht nur, weil wir so wahnsinnig gern arbeiten und es vermissen würden, wenn wir nicht mehr jeden Morgen früh aufstehen müssen. Es geht auch um das Selbstwertgefühl, das gesellschaftliche Ansehen und die Anerkennung.

Wenn der Arbeitsplatz weg ist, ist das alles auch weg. Und natürlich drohen längerfristig auch Einkommenseinbussen.

Die gefühlte Angst vor dem Arbeitsplatzverlust ist aber sehr hoch.

Die meisten Menschen spüren nicht, ob eine Volkswirtschaft nun mit 1,5 oder mit 1,9 Prozent wächst. Aber wenn der Arbeitsplatz verloren geht, ist der Wahrnehmungseffekt unmittelbar und direkt.

Angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen läuft es wirtschaftlich gesehen nicht schlecht. Trotzdem ist eine eher pessimistische, teilweise gar negative Stimmung wahrnehmbar. Warum?

Ein Grund sind die vielen Unsicherheiten. Seit der Finanzkrise 2008 ist vieles offen, alles ist möglich. Die Konjunktur hat sich zuerst erholt, dann wieder stagniert. Daneben zeichnet sich längerfristig ein Strukturwandel ab, bei dem viele Arbeitsplätze plötzlich unsicher erscheinen. Das alles verunsichert und erzeugt eine gewisse Grundangst vor der Zukunft. Und niemand kann diese wirklich zerstreuen, weil niemand weiss, wie sich alles entwickeln wird.

Was muss passieren, damit in der Schweiz wieder das Positive überhand gewinnt?

Rein ökonomisch betrachtet gibt es nur einen Weg. Wegen der engen Verflechtung der Schweiz mit der Weltwirtschaft muss die Konjunktur im Ausland wieder besser laufen, damit die hiesigen Firmen auf ihren Exportmärkten wieder genügend Aufträge generieren können. Die Schweiz für sich alleine kann keine positive wirtschaftliche Grundstimmung schaffen. Sie ist als Volkswirtschaft zu klein.

Existiert zu sehr eine negative Grundstimmung?

Ganz sicher. Es fehlt vielfach das Bewusstsein, wie gut es sich trotz grossen Herausforderungen in der Schweiz leben lässt, insbesondere im Vergleich zu den meisten anderen Ländern. Wir haben die Tendenz, immer auf den wenigen Dingen herumzuhacken, die nicht funktionieren; das Positive wird viel weniger wahrgenommen. Ich beobachte, dass das Glas nicht zu neun Zehnteln als voll, sondern zu einem Zehntel als leer gesehen wird.

Haben Sie ein Beispiel?

Ganz aktuell bestätigt der Umgang mit den Ergebnissen des Pisa-Testes die Beobachtung. Die Schweiz schnitt im Bereich Mathematik in Europa am besten ab. Darüber wird aber nicht gesprochen, sondern darüber, dass wir beim Lesen einige Plätze eingebüsst haben.

Sie sind ja auch Glücksforscher. Ist das eine Mentalitätsfrage?

Das ist so. Wir freuen uns nicht darüber, was wir haben, sondern ärgern uns über das, was nicht perfekt ist. Ich beobachte auch eine latente Verlustangst über das Bestehende.

Aber dieses Hinterfragen ist doch auch eine Antriebsfeder, um besser zu werden.
Das ist alles eine Frage des Masses. Natürlich sollte man sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen, denn das wäre gefährlich. Aber eine permanente Unzufriedenheit zu kultivieren, ist auch nicht hilfreich. Manchmal muss man sich auch an dem Bestehenden freuen dürfen und zufrieden sein mit dem, was man erreicht hat. Das ist für ein glückliches Leben unabdingbar.

Sie unterrichten Volkswirtschaft an der FHNW in Olten. Wie erleben Sie die Studentinnen und Studenten.

Sie sind jung und entsprechend positiv gestimmt. Da ist nicht viel Angst vor der Zukunft spürbar, sondern eher eine Aufbruchstimmung. Die Mehrheit freut sich auf die kommenden Herausforderungen.