Obergericht
Der Staatsanwalt fordert erneut acht Jahre im Türsteher-Prozess

Ein gewalttätiger Drogendealer hat seine bisherige Verurteilung angefochten – obwohl er vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung freigesprochen worden war.

Hans Peter Schläfli
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In der Fischergasse in Solothurn wurde das Messer gefunden, mit dem der Angeklagte Türsteher bedroht haben soll.ww

In der Fischergasse in Solothurn wurde das Messer gefunden, mit dem der Angeklagte Türsteher bedroht haben soll.ww

Das Revier des Türken Bilal V.* erstreckte sich vom «Aaremürli» vor der Solothurner «Billard&Bar» über den Drogenumschlagplatz der Schwarzafrikaner beim Gewerbeschulhaus bis zur ehemaligen «Latino Bar» beim Hauptbahnhof. Hier verkaufte er über viele Jahre kiloweise Marihuana und rechte Mengen Kokain. Schlägereien waren an der Tagesordnung. Selbst die Untersuchungshaft 2008 hat ihn nicht beeindruckt. Er nahm sein deliktisches Verhalten wieder auf, obwohl verschiedene Verfahren gegen ihn liefen.

Tatort «Latino Bar»

Vor knapp einem Jahr wurde Bilal V. vom Amtsgericht SolothurnLebern zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten verurteilt (wir berichteten). Die vielen Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz und massive Verstösse gegen die Strassenverkehrsordnung hatte der heute 33-jährige Türke gestanden. Doch obwohl Bilal V. vom schwersten Vorwurf, einer versuchten vorsätzlichen Tötung, freigesprochen worden war, zog er das Urteil ans Obergericht weiter. Auch die Verurteilungen wegen einfacher Körperverletzung und mehrfacher Drohung will er nicht akzeptieren.

Berufung hat aber auch Staatsanwalt Jan Gutzwiller eingelegt, und zwar gegen den Freispruch wegen des Tötungsversuchs. Er forderte in seinem Plädoyer erneut einen Schuldspruch und acht Jahre Gefängnis – exakt wie vor erster Instanz. Diese hatte die Messerstecherei in der «Latino Bar» vom 21. Januar 2007 aber «nur» als einfache Körperverletzung eingestuft. Der bereits verurteilte Hans B.* soll damals das Opfer im Schwitzkasten festgehalten haben, während Bilal V. diesem mit einem Klappmesser zunächst ins Bein und in den Arm stach. Als das aus dem Balkan stammende Opfer fliehen wollte, fiel der Täter auch noch von hinten über ihn her und stach ihm in die Brust. «Es ist purer Zufall, dass das Opfer durch die hinterhältige Attacke nicht schwerwiegender verletzt wurde. Bilal V. nahm mit dem Stich in den Brustbereich den möglichen Tod seines Opfers in Kauf», argumentierte der Staatsanwalt. Das Bundesgericht habe entschieden, dass ein solcher Stich in die Nähe der lebenswichtigen Organe und Blutgefässe immer als ein eventual-vorsätzlicher Tötungsversuch gilt. «Alles andere als ein Schuldspruch wäre ein Verstoss gegen Bundesrecht», insistierte deshalb Gutzwiller.

«Es war ein Schlichtungsversuch»

Von einer Messerstecherei vor der «Latino Bar» wollte Bilal V. nichts wissen. Er habe den Mann nur kurz im Schwitzkasten gehalten, um einen Streit zu schlichten. Dieser sei dann davongerannt. Wie das Opfer später zu seinen Stichwunden gekommen ist, wisse er nicht. Seine Verteidigerin forderte deshalb einen Freispruch. «Der Beschuldigte hatte kein Messer in der Hand und hat nicht zugestochen», sagte Cornelia Dippon Hänni in ihrem Plädoyer. Das Tatmesser sei nie gefunden und keine Tatspuren auf den Kleidern sichergestellt worden. «Die Indizien reichen nicht für eine Verurteilung.»

Auch nicht für den Fall vom 21. Februar 2007, als Bilal in Solothurn Türsteher mit einem Messer bedroht haben soll. Es wurden drei neue Zeugen angehört. Die Verteidigerin forderte einen Freispruch. «Er hatte zwar ein Messer in der Hand, aber die Distanz war sehr gross. Er hat nicht gedroht. Er fühlte sich bedroht von den drei mit Schlagstöcken bewaffneten Sicherheitsleuten, die ihn verfolgten. Er wehrte aus grosser Distanz mit dem Messer ab.» Sie forderte eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten. «Bilal V. bestreitet die Drogendelikte nicht. Die Gewaltdelikte hat er aber nicht begangen. Das Urteil des Obergerichts ist in den nächsten Tagen zu erwarten.

Name von der Redaktion geändert