Nach einem bekannten Denker ist der Mensch ein soziales politisches Wesen, das nach dem vollkommenen Leben strebt. Das sei der Zweck des menschlichen Daseins und er könne nur in der Gemeinschaft mit anderen Menschen verwirklicht werden. Weil die höchste Form der Gemeinschaft der von Natur aus vorgegebene Staat sei, sei der Mensch dazu bestimmt, Teil der staatlichen Gemeinschaft zu werden. Wer nicht bereits weiss, wer das gesagt haben könnte, kann versuchen, das Rätsel über die nachfolgende Zuordnung zu einer politischen Partei zu lösen.

Weil praktisch alle Denker Linke sind, macht es Sinn, mit den Sozialdemokraten und ihren linken Ablegern zu beginnen. Auch die Idee, dass die Menschen den Staat zur Selbstverwirklichung brauchen, scheint unseren Denker in die Nähe einer linken Partei zu rücken. Die Linken sind die Meister des Gemeinschaftlichen. Nur sie verfügen über die Gabe, mit sicherem Instinkt immer die moralisch richtige Entscheidung für die menschliche Gemeinschaft, für das Kollektiv zu treffen. Und weil das so ist, müssen alle Aspekte des menschlichen Daseins vom Staat bestimmt werden, denn nur der Staat – wer denn sonst? – kann und muss sich um die Probleme der Menschen kümmern und zwar selbst um die möglichen. Was ebenfalls für einen Linken spricht, ist der Gedanke, der Staat sei von Natur aus vorgegeben, denn Kompetenz in Sachen Natur liegt wie in allen wirklich wichtigen Angelegenheiten im linken Teil des Parteienspektrums.

Auch die Christdemokraten glauben an das Gemeinschaftliche. Den Zusammenhang zwischen Staat und Natur sehen sie aber vielleicht eher darin, dass beide von Gott erschaffen wurden (und gerade von der SRG gerettet werden müssen). Weil das auf dasselbe hinausläuft, könnte unser Denker also auch ein Christdemokrat sein.

Dagegen sieht ein Liberaler im klassischen Sinn den Staat als blosse Ordnungsmacht, welche die individuellen Rechte der Einzelnen schützt und nicht das Kollektiv. Klassisch liberal kann unser Denker daher nicht sein. Er könnte aber problemlos liberal im modernen Sinn, also links, sein. Er könnte auch problemlos freisinnig sein, denn neuerdings propagiert die FDP nebst Freiheit und Fortschritt ja auch den Gemeinsinn. Sehr stark an den Gemeinsinn appelliert übrigens je nach Politikbereich auch die SVP, weshalb der Gesuchte durchaus auch der SVP nahestehen könnte.

Unser Denker könnte sich somit in allen politischen Parteien wohlfühlen. Fragen können wir ihn aber nicht danach: Aristoteles lebte rund zweitausend Jahre vor der Aufklärung und vor der Ausrufung der Menschenrechte. Das selbstbestimmte Individuum als Träger unentziehbarer Rechte, die ihm auch das staatliche Kollektiv nicht wegnehmen kann, war ihm fremd.

Diese liberalen Ideen galten noch bis zum Ende des Kalten Krieges als die grossen Errungenschaften der Moderne. Wer heute dafür eintritt, der muss damit rechnen, als neoliberal oder libertär beschimpft zu werden, denn nicht mehr das Recht definiert, wo Selbstbestimmung möglich ist, sondern das Kollektiv.

*Der Autor ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Solothurn.