Steuern
Der Selbstversuch - Kann man freiwillig mehr Steuern zahlen?

Wenn es darum geht, weniger Steuern zahlen zu müssen kennt jeder einige Tricks und Kniffe. Doch, kann man dem Fiskus auch aus freien Stücken mehr Geld abliefern? Redaktor Sven Altermatt unternimmt den Selbstversuch.

Sven Altermatt
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Frage nicht was dein Kanton für dich tun kann, sondern was du für deinen Kanton tun kannst. Das Steueramt sieht das anders.

Frage nicht was dein Kanton für dich tun kann, sondern was du für deinen Kanton tun kannst. Das Steueramt sieht das anders.

Hanspeter Bärtschi / Urs Lindt

Wir alle kennen sie: Die legalen und halblegalen Tricks, um Steuern zu optimieren. Genug davon! Es wird Zeit, den Spiess einmal umzudrehen. Deshalb ziehe ich mir ein Kostüm über.

Heute bin ich der Gutmensch, der sich Sorgen macht wegen dem riesigen Loch in der Kantonskasse; der Gutmensch, der seine Staatspflichten ernst nimmt. Denn: Heute bin ich der Gutmensch, der mehr Steuern bezahlen möchte. Okay, zugegeben. So masochistisch bin ich nicht. Eigentlich will ich nur herausfinden, ob das überhaupt geht.

Der Selbstversuch

Meine kleine Expedition beginnt mit einem Anruf bei der zuständigen Veranlagungsbehörde. Eine Computerstimme - sie betont jede Silbe so, als ob sie nur mit Schwerhörigen zu tun hat - fordert mich auf, die Postleitzahl meines Wohnorts einzutippen.

Wie praktisch. Piep, piep. Schon erkundigt sich ein gut gelaunter Sachbearbeiter, nennen wir ihn Herr Bach, was er für mich tun könne. Herr Bach klingt ziemlich jung. Ich frage mich, wie er sich ausgerechnet für Steuern begeistern kann.

«Hören Sie», erkläre ich fast ein wenig stolz, «ich möchte mehr Steuern bezahlen als ich müsste.» Schweigen. Herr Bach unterdrückt offenbar sein Lachen, er kontrolliert sich aber wieder.

«Sie möchten mehr Steuern bezahlen als Sie müssten?», wiederholt er ungläubig. Ja, bestätige ich und untermaure meinen Plan mit Phrasen im Stile von: Der Staat tut Gutes für mich, nun will ich Gutes für ihn tun.

Oder frei nach John F. Kennedy: Frage nicht was dein Kanton für dich tun kann, sondern was du für deinen Kanton tun kannst. Der Sachbearbeiter erwidert mit kurzen, überinteressiert wirkenden «Mhm».

Er bemüht sich um Ernsthaftigkeit, meint schliesslich: «Natürlich dürfen Sie mehr Steuern abliefern.» Kurze Pause. «Aber dann überweisen wir Ihnen bei der Schlussabrechnung den überschüssigen Betrag zurück.»

So was passiere manchem Steuerzahler aus Versehen schon mal. «Schön, aber ich möchte ja nicht aus Versehen mehr Steuern bezahlen», entgegne ich dem Sachbearbeiter. «Ich möchte freiwillig drauflegen.»

Herr Bach holt tief Luft und pustet ins Telefon. «Das geht leider nicht, tut mir leid.» Er scheint allmählich der Verzweiflung nahe. Ich will ihn nicht länger mit meinen Ideen foltern, bedanke mich für seine Hilfe und verabschiede mich.

Offenbar mag der Fiskus keine Geschenke. Weil er nie welche bekommt? So schnell gebe ich nicht auf. Allerdings ist es wahrscheinlich besser, wenn ich nun aus meinem Gutmenschen-Kostüm schlüpfe.

Theoretisch wäre es möglich

Ich starte eine offizielle Anfrage, und zwar beim obersten Steuerbeamten höchstpersönlich. Marcel Gehrig, Chef des Steueramts, erbarmt sich und hört mir geduldig zu. Dann fragt er listig: «Ist bei Ihnen auf der Redaktion denn schon das Sommerloch angebrochen?»

Es komme nicht oft vor, dass jemand mehr Steuern bezahlen möchte. «Um ehrlich zu sein, habe ich das noch nie erlebt», sagt Gehrig. Ihm würde jedoch nicht der Ruf eines engagierten Behördenleiters vorauseilen, wenn er keine Lösung für mein Problem parat hätte.

Er verweist auf Paragraf 41 im Steuergesetz. Dort heisst es unter anderem: «Freiwillige Leistungen von Geld und übrigen Vermögenswerten an Bund, Kantone und Gemeinden» sind von der Steuerpflicht befreit.

Jedoch nur, wenn sie 20 Prozent des steuerbaren Einkommens nicht übersteigen. Soweit die Theorie. Aber wie kann ich denn nun eine «freiwillige Leistung» erbringen? Gehrig grübelt.

«Sie könnten dem Staat ein Gemälde spenden.» Unnötig zu erwähnen, dass mich dieser Vorschlag nur mässig begeistert. Prima, dann spende ich mein Geld eben anderswo. Für benachteiligte Windhunde vielleicht. Immerhin könnte ich das in meiner Steuerklärung zum Abzug bringen. Was wollte ich nochmals?