Letzthin suche ich, einem natürlichen Bedürfnis folgend, die Toilette im Stadttheater auf. Der Ruf der Natur erreicht mich nicht als Einzigen. Vor der Damentoilette bildet sich eine beträchtliche Schlange. Wie oft in solchen Situationen bin ich einmal mehr froh um den dank männlicher Anatomie gewonnenen Zeitvorteil. Meine Hybris wird rasch von vorwurfsvollen Blicken einiger anstehender Damen gedämpft, sodass ich mit demütig gesenktem Blick und eine Entschuldigung murmelnd an der Warteschlange vorbei zur verlassenen Herrentoilette wiesle.

Während ich tue, was man üblicherweise an so einem Ort tut, geht mir die Frage durch den Kopf, ob «der da oben» nicht auch einer von diesen «alten weissen Männern» ist, die die Frauen absichtlich sogar in ihren elementarsten Verrichtungen benachteiligen wollen. Existiert sie also doch, die göttliche Ordnung?

Die sanitäre Anlage des Stadttheaters ist ein angenehmer und sauberer Ort. Man kann sich Zeit und den Gedanken freien Lauf lassen, zumindest als Mann, dem sich nicht die drängenden Blicke einer Warteschlange diskret die Beine zusammenkneifender Geschlechtsgenossen in den Rücken bohren. Die Gedanken kommen und gehen wie das wegzuspülende Geschäft. Erstere kommen jedoch nicht von ungefähr. Diesem Toilettengang voraus ging der Besuch eines Podiumsgespräches über Machtstrukturen, wo unter anderem über «alte weisse Männer» diskutiert wurde, die Frauen im Literaturbetrieb am Fortkommen hinderten.

Beim Händewaschen spielt sich in meinem Kopf ein stiller Dialog mit mir selbst ab. Ich frage mich, warum dieser eine grosse «alte weisse Mann» es zulässt, seine Ordnung ständig infrage zu stellen. Weshalb dürfen ein paar linke, karrieregeile Vertreter der weiblichen Spezies ständig in die geweihte Suppe der aufrechten bürgerlichen «Manne und Froue» spucken, ohne dass Blitz und Donner auf sie herabprasseln und dem «ewige Gschtürm» um Gleichbehandlung, Lohngleichheit und Diskriminierung ein Ende bereiten?

Beim Händetrockenen stellt mein anderes Ich, wohl das weibliche, eine Gegenfrage: Was, wenn der «alte weisse Mann» in Wirklichkeit eine «gute weise Frau» ist, die ihre Schöpfung mit Stärken wie Scharfsinnigkeit, Umsicht und Fürsorge kreiert? Um sie zu prüfen, schafft sie als Gegenstück Ignorant*innen, Holzköpf*innen und Wolkenschieber*innen, die weibliche Stärken als Schwächen abtun und so die mindere Rolle der Frau in der Gesellschaft rechtfertigen. Aber sind nicht gerade diese weiblichen «Schwächen» in Wirklichkeit die Stärken, die unsere am Rand des Kollapses schlingernde, Testosteron-bekiffte Welt so dringend für ihre Erneuerung und den Fortbestand benötigt?

Frauen werden nach wie vor diejenigen sein, die Kinder kriegen und am WC länger anstehen müssen, wobei Letzteres allenfalls verhandelbar ist. Aber sie werden ihre Stärken mobilisieren, lautstark, unbequem und immer wieder aufs Neue, solange bis die Dinosaurier*innen und das patriarchalisch-industrielle Gemeinschaftsmodell (Edition 19. Jahrhundert, überarbeitet und neu lackiert) einer wahrlich gleichberechtigten und offenen Gesellschaft Platz machen.

Beim Verlassen der Toilette finde ich, dass der Frauenstreik gut und wichtig war, und freue mich schon auf den nächsten.