Die Überraschung war am Donnerstagmorgen perfekt: Bei der Verhandlung am Solothurner Obergericht tauchte die Hauptperson nicht auf - notabene unentschuldigt. Selbst Verteidiger Werner Greiner (Zürich) wurde von der Tatsache, dass sich sein Mandant vor dem Prozess drücken wollte, völlig überrumpelt.

Das Obergericht um Hans-Peter Marti (Vorsitzender), Daniel Kiefer und Marcel Kamber entschied kurzerhand, die Verhandlung dennoch durchzuführen. Die Frage war: Muss der Abwesende, der seit knapp drei Jahren auf Bewährung auf freiem Fuss ist, zurück in ein stationäres Setting?

Hauptprotagonist ist ein türkischstämmiger Schweizer, der 2007 im Keller eines Mehrfamilienhauses in Olten ein Feuer gelegt hat. Acht Bewohner mussten ins Spital eingeliefert werden, bei der Brandstiftung entstand ein Schaden von über 100 000 Franken.

Zudem konsumierte der damals 23-Jährige Haschisch und Kokain. Das Amtsgericht Olten-Gösgen verurteilte ihn 2008 dafür zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten, die zugunsten einer stationären Massnahme aufgehoben wurde. Ergänzend erteilte das kantonale Departement des Innern die Weisung, dass der Verurteilte die Finger von Drogen und Alkohol zu lassen habe. Bereits vor 2007 war der junge Mann in den Kantonen Zug und Zürich mehrfach straffällig geworden.

Kein Alkohol, keine Drogen

Im Juni 2011 kam der verurteilte Brandstifter auf Probe (Dauer: 2 Jahre) frei. Er musste sich jedoch weiter in ambulante Behandlung begeben und Bewährungshilfe in Anspruch nehmen.

Im März des vergangenen Jahres gelangte der Straf- und Massnahmenvollzug des Kantons Solothurn an das Amtsgericht und empfahl die Prüfung einer Rückversetzung des Delinquenten.

Das Amtsgericht Olten-Gösgen um Präsidentin Barbara Hunkeler liess ein Gutachten erstellen. Unter anderem aufgrund dessen wies es im September 2013 den Antrag auf Rückversetzung ab, verlängerte die angesetzte Probezeit jedoch um weitere zwei Jahre. Zudem verordnete die Erstinstanz eine ambulante Psychotherapie und wies den Mann an, betäubungsmittelabstinent zu leben.

Mutiges Amtsgericht gelobt

«Ein wirklich mutiges Urteil», lobte Verteidiger Greiner diesen Entscheid. Gerade in einer Zeit, in der bei Behörden zunehmend Mutlosigkeit festzustellen sei, habe die Vorinstanz ein Ausrufezeichen gesetzt.

«Das Amtsgericht hat sich die Frage gestellt: Was ist das Richtige für den Mann?», so Greiner, «Chapeau.» Dass sein Mandant die Möglichkeit erhalte, «in freier Wildbahn» die Eingliederung in Arbeitswelt und Gesellschaft zu schaffen, sei der richtige Entscheid.

Er wies zudem darauf hin, dass sich sein Mandant seit 2007 nicht mehr strafbar machte. Und: «Als er Anfang 2014, nachdem er von seiner Freundin verlassen worden war und seine Stelle verloren hatte, abstürzte, holte er sich selbstständig Hilfe.» Verteidiger Greiner beantragte, das Urteil der Erstinstanz zu bestätigen.

Anders interpretierte Staatsanwältin Kerstin von Arx-Lehniger den Absturz zu Beginn dieses Jahres und damit verbunden seinen freiwilligen Gang in die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich: «Er hat selber gemerkt, dass er Hilfe braucht. Denn er hat grosse Schwierigkeiten damit, seinen Alltag zu bewältigen - gerade auch finanzielle Angelegenheiten.»

Mittels einer stationären Massnahme und einer entsprechenden Therapie könne dem Mann die notwendige Hilfe geboten werden. «Zudem», so die Staatsanwältin, «empfiehlt der Gutachter eine solche Massnahme.»

In ihrem Plädoyer forderte von Arx-Lehniger schliesslich, erneut eine stationäre Massnahme anzuordnen, nicht zuletzt der öffentlichen Sicherheit wegen. Laut Gutachten muss von einem mittel- bis hochgradigen Rückfallrisiko für Brandstiftungen und Eigentumsdelikte ausgegangen werden.

Das Obergericht hat gestern aufgrund der Rückfallgefahr entschieden, den 30-Jährigen zurückzuschicken und hat eine stationäre therapeutische Massnahme angeordnet.