Standpunkt
Der (noch-) namenlose Solothurner Anwalt unter Mordverdacht

Diese Woche machte ein Solothurner Anwalt Schlagzeilen, der unter Mordverdacht steht. Einige Leser fragten sich, weshalb sein Name nicht genannt wurde.

Theodor Eckert
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Der Anwalt musste eine hohe Kaution zahlen, damit er auf freien Fuss konnte. (Symbolbild)

Der Anwalt musste eine hohe Kaution zahlen, damit er auf freien Fuss konnte. (Symbolbild)

Keystone

«Anwalt unter Mordverdacht», dieser Text vom vergangenen Dienstag hatte die volle Aufmerksamkeit unserer Leserinnen und Leser, wie an den Onlinequoten und den Reaktionen abzulesen war. Kein Wunder, wenn ein namhafter Solothurner Jurist zwei Monate in Untersuchungshaft sitzt und vier Millionen Franken hinblättern muss, damit er nicht weiter gesiebt Luft atmen muss, dann ist das Interesse schon allein deshalb auf breiter Front geweckt.

Verbirgt sich dahinter gar noch ein ungeklärter Todesfall, nämlich jener der Ehefrau dieses Mannes, wird nicht bloss die Fantasie der Hobbykriminologen angeregt, sondern auch die Neugier in Bezug auf die Identität des Verdächtigten. Wie erwartet, kam denn auch der Vorwurf, wir hätten Namen nennen sollen. Allein den Fall zu beschreiben, sei zu wenig. Sämtliche Solothurner Juristen in fortgeschrittenem Alter stünden damit unter Verdacht.

Abgesehen davon, dass nicht alle Wirtschaftsgrössen mal für zwei Monate von der Bildfläche verschwunden waren, wiegt dieses Argument die Zurückhaltung nicht auf. Die Vorkommnisse, die sich in Genf abgespielt haben, sind derart spannend, dass sie auch unabhängig von den involvierten Personen eine Geschichte hergeben: Tote Frau, auf den ersten Blick ein natürliches Ableben, auf den zweiten kommen Zweifel auf, Gerichtsmediziner entdecken verdächtige Hinweise, Ehemann wandert in U-Haft, kommt gegen Kaution frei, muss Pass abgeben, Fluchtgefahr wird bejaht. Anklageerhebung wird erwartet. Fortsetzung folgt.

Doch der Hauptgrund, weshalb eine Namensnennung derzeit kein Thema ist, liegt auf der Hand: Der Verdacht gegen den Ehemann kann sich in Luft auflösen, er ist also unschuldig. Oder die Staatsanwaltschaft kommt zum Schluss, dass die Indizien nicht ausreichen, um vor Gericht genügend Gewicht zu haben. Auf eine Strafklage würde dann verzichtet.

Entscheidend ist, ob so oder so, die Frage: Ist der Verdächtige eine Person von öffentlichem Interesse. Die Grenzziehung ist längst nicht immer messerscharf, so auch im vorliegenden Fall. Medien wie die «Tribune de Genève» oder das Finanzportal «Inside Paradeplatz» haben zumindest in Sachen Namensnennung ebenfalls Zurückhaltung geübt, ohne dabei sämtliche heissen Spuren zu verwischen.

Ein aktuelles Beispiel das zeigt, dass es auch anders gehen kann, ist das Geschehen um den einst hochgejubelten Ex-Chef von Raiffeisen. Er erscheint in diesen Tagen mit Namen und Bild auf allen Kanälen, obwohl auch bei ihm bislang die Unschuldsvermutung gilt. Wie auch immer, sollte sich der Solothurner in Genf tatsächlich zu verantworten haben, wird sein Name am Jurasüdfuss nicht mehr bloss hinter vorgehaltener Hand die Runde machen.

theodor.eckert@schweizamwochenende.ch

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