Industrie
Der Niedergang einer einst stolzen und prägenden Papierbranche

Die Papierindustrie war einst ein wichtiger Zweig der Wirtschaft in der Region. Sie ist fast ganz verschwunden, wenn nun auch noch im nahen Utzenstorf die Papierfabrik schliesst. Ein Rückblick.

Luca Froelicher und Wolfgang Hafner*
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In der Papierfabrik Utzensdorf werden pro Jahr rund 260'000 Tonnen Altpapier verarbeitet
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Die Papierfabrik in Utzenstorf ist ein traditionsreiches Unternehmen
Bereits seit 1892 wird am Standort Utzenstorf Papier hergestellt
Der Kamin der Fabrik
Ab den 1960er Jahren ging in Utzenstorf alles in Richtung Altpapieraufbereitung und Recycling
1995 wurde eine neue Anlage für die Altpapieraufbereitung gebaut
Laut Unternehmen werden 25 Prozent der Haushaltssammlungen in der Schweiz nur in Utzenstorf verarbeitet.
Ein Blick auf die zwei Papiermaschinen «Mona» und «Lisa»
Aus dem Altpapier wurde neues Papier. Aufgezogen auf grossen Rollen.
Altpapieraufbereitung: Er hat alles im Blick
Die grossen Rollen müssen noch unterteilt werden.
Diese Rolle ist bereit, ausgeliefert zu werden.

In der Papierfabrik Utzensdorf werden pro Jahr rund 260'000 Tonnen Altpapier verarbeitet

Zur Verfügung gestellt

Nun soll auch noch der letzte grössere Papierhersteller im Umfeld des Kantons Solothurn verschwinden, wenn, wie angekündigt, die Papierfabrik Utzenstorf, die vorwiegend Zeitungspapier herstellt, geschlossen und deren Geschäft an die luzernische Perlen Papier AG übertragen wird. Wiederum verlieren rund 200 Beschäftigte ihre Stelle. Die Papierindustrie im Kanton Solothurn - neben der Metall- und Maschinenindustrie - der Industriezweig, der in den letzten Jahren am meisten schrumpfte. Einzig in Balsthal konnte sich mit der «Swiss Quality Paper» als Teil des indischen Saber-Konzerns noch ein rudimentärer Teil der einst stolzen Solothurnischen Papier-Unternehmen halten.

Die 1862 gegründete Papieri Biberist war das erste Unternehmen, das im Kanton nach industriellen Verfahren Papier herstellte. Das Kapital stellten unter anderem vermögende Zürcher Familien zur Verfügung, nachdem der Kanton schon früher die Erlaubnis zum Bau des Emmenkanals erteilt hatte.

Papierfabrik Biberist
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Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik in Biberist wird geschlossen - letzter Besuch
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist
Papierfabrik Biberist

Papierfabrik Biberist

Isabel Mäder

Bereits 14 Jahre nachdem in den USA das für die Weiterentwicklung der Papierherstellung entscheidende Sulfitverfahren patentiert worden war, wurde 1881 im Attisholz der erste Schweizerische Versuchskocher für Zellstoffherstellung errichtet. Bei der Zellstoffherstellung wird in einem chemischen Prozess die Cellulose als Grundlage für die Papierherstellung aus Holzschnitzeln gewonnen, während die anderen Bestandteile des Holzes abgespalten werden. Holz zur Gewinnung der Papier-Fasern, Wasserflüsse zur Energieproduktion und für den Herstellungsprozess, das technisch-chemische Know-how sowie entsprechendes Kapital waren die entscheidenden Grundlagen, welche im Kanton Solothurn den Aufbau der Papierindustrie möglich machten.

Das erste Papier Solothurns kam aus Niedergösgen

Im Mühledorf in Niedergösgen nahm die Papierherstellung im Kanton Solothurn ihren Anfang. Seit der Erfindung des Buchdruckes stieg der Verbrauch des Papiers massiv an. Viele Besitzer von Kornmühlen entdeckten das lukrative Geschäft mit Papier und stellten ihren Betrieb auf die Fabrikation von Papier um. So erhielt auch der Müller von Niedergösgen, Heinrich Reidhor, 1558 die Bewilligung zur Änderung seines Mühlebetriebs. Reidhor verstand von der Herstellung von Papier jedoch nichts, weshalb er Jakob Peter aus Mümpelgard (Montbéliard) einstellte. Dieser ersuchte den Rat von Solothurn aber schon vier Jahre später, 1562, in Mümiswil eine eigene Papiermühle betreiben zu dürfen. Es wird vermutet, dass ihm die Arbeitsbedingungen in Niedergösgen nicht passten, denn Reidhor war ein händelsüchtiger und mehrmals vorbestrafter Mann.

Im gleichen Jahr tritt Christian Trölin als Papiermacher von Gösgen in den Akten auf. Zwar war der Absatzmarkt für Papier zu dieser Zeit gross, allerdings konnte Reidhors Betrieb nicht lange aufrecherhalten werden. Als Gründe dafür werden die charakterlichen Mängel von Reidhor und Trölin und die fachliche Inkompetenz von Reidhor vermutet. Doch auch die Konkurrenz von Jakob Peter, der 1567 mit dem Verkauf von Mümliswiler Papier begann.

Nur 12 Jahre nachdem Reidhor mit der Papierherstellung in Niedergösgen begann, musste er sie wieder einstellen. Er verkaufte im Jahre 1570 den Betrieb an Jakob Gisi, der die Mühle wieder als Getreide-Mahlmühle weiterführte. (chg)

Protektionismus und Kartelle

Bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs wuchs die Nachfrage nach Papier praktisch jedes Jahr um rund 50 Prozent. Gleichzeitig begannen die Papierfabriken Balsthal – gegründet 1883 – und Biberist für den Schutz des Heimmarktes zu lobbyieren: 1902 setzten sie sich erfolgreich für höhere Zolltarife zum Schutz vor ausländischen Produkten ein. Als nach dem Ersten Weltkrieg die Preise einzubrechen drohten, entstand unter ihrer Führung ein eigentliches Papier-Kartell. Die solothurnischen Papierindustriellen, sonst vehemente Befürworter des Wirtschaftsliberalismus, traten gegen Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts erfolgreich für Protektionismus, gemeinsame Festlegung der Preise und eine zentrale Verkaufsstelle für Papier ein – es war dies die privatwirtschaftliche Reaktion auf die allgemein geforderten staatlichen Eingriffe für eine geregeltere Wirtschaft.

Da sich die beiden Papierfabriken in Balsthal und Biberist schon früh auf feinere Papiersorten konzentrierten, gelang es ihnen relativ unbeschadet über die Runden zu kommen. Wie im Ersten Weltkrieg intervenierten auch im zweiten die Papierindustriellen in der Politik. Hermann Sieber von der Cellulosefabrik Attisholz und Gustav Eisenmann-Riel übernahmen während dem Zweiten Weltkrieg leitende Rollen in der Sektion Papier des Kriegswirtschaftsamtes. Dabei profitierten die Unternehmen der Papierindustrie von der kriegsbedingten Nachfrage nach Papier sowie dem erhöhten Bedarf von Celluloseprodukten wie Watte und Filter.

Die engen Beziehungen zwischen den Papier- und Celluloseproduzenten im Kanton hatten auch ihre wirtschaftlichen Grundlagen: So verzichtete die Papierfabrik Balsthal bereits vor dem Ersten Weltkrieg auf eine eigene Zellulosefabrikation und ging zur Sicherung des Nachschubs eine enge Partnerschaft mit dem Zellulosehersteller Attisholz ein. Es kam zu einem Aktientausch.

Quantität versus Qualität

Auf den Nachkriegsboom und die mit der Modernisierung der Gesellschaft einhergehende höhere Nachfrage nach Papier reagierten die einzelnen Papierfabriken unterschiedlich: Biberist erhöhte und rationalisierte die Produktionskapazitäten. In Balsthal wiederum führte Direktor Siegfried Aeschbacher - ausgehend von US-amerikanischen Erfahrungen – eine vertikale Integration des Unternehmens durch, schuf eine eigene Marketingabteilung, führte die Marke «Tela» ein und begann sich auf Spezialpapiere (Hygiene) zu konzentrieren. Das Konzept Aeschbachers war so erfolgreich, dass in Niederbipp in den 60er Jahren eine neue Papierfabrik errichtet werden konnte, die erstmals über einen geschlossenen Wasserkreislauf verfügte und eine industrielle Abwasserreinigung aufwies. Bis anhin war die Verschmutzung des Wassers immer ein Problem der Papierherstellung.

Mit der zunehmenden europäischen Integration in der Nachkriegszeit drohte die Schweiz handelspolitisch isoliert zu werden. Sie schloss sich daher dem allgemeinen Trend zum Abbau von Zollschranken an. In der Folge entstand nicht zuletzt durch die billigeren Produktionspreise im skandinavischen Raum ein starker Druck auf die schweizerische Papierindustrie. Biberist legte zuerst Produktionskapazitäten still. Nach einer Bedenkzeit entschied sich der Verwaltungsrat aber für eine ausstossorientierte Vorwärtsstrategie: Rationalisierungsmassnahmen bei gleichzeitigem Ausbau der Marktstellung (Zukauf der ELCO AG, Papierfabrik Laufen). Da aber weltweit infolge der Überkapazität die Preise für Papier sanken und die meisten Unternehmen diesen Gewinnausfall mit erhöhter Produktion kompensieren wollten, geriet die Papieri Biberist mit ihrer Strategie in die Verlustzone, die durch Fehlinvestitionen noch verstärkt wurden. Als 1989 der Maschinenpark der Papieri weitgehend erneuert werden musste, lancierte das Unternehmen das Projekt «Biber Nova», das eine halbe Milliarden Franken verschlang und einen noch höheren Papierausstoss zu günstigeren Preisen hätte bringen sollen. 1996 meldete die Biber Holding ihren Konkurs an. Darauf gelangte der Betrieb über mehrere Etappen zum südafrikanischen Konzern «Sappi». Die Südafrikaner schlossen 2011 den Betrieb, obwohl von verschiedenen Seiten ein grosses Engagement zur Weiterführung des Unternehmens und auch Aussichten auf Erfolg bestanden. Rund 550 Beschäftigte verloren ihre Stelle.

Die Papierfabrik Balsthal konnte sich dank ihrer Spezialisierung relativ gut im Markte behaupten. Dazu kam, dass der Mutterkonzern, die Attisholz, die deutsche Marke «Hakle» für Hygienepapiere dazugekauft hatte und Balsthal daher im schweizerischen Hygiene-Markt eine führende Rolle übernehmen konnte.

Spekulanten treten auf den Plan

Von grosser Bedeutung für den Niedergang der solothurnischen Papierindustrie war aber das ab den 1990er Jahren zunehmend wichtiger gewordene neue Denken in den Führungsetagen: Die Aktien der Unternehmen wurden an den Börsen kotiert und der Verlauf der Aktienkurse wurde zum Erfolgsmerkmal eines Unternehmens. Mit dem Gang an die Börsen wurde es zwar vorerst leichter, Kapital für notwendige neue Investitionen zu beschaffen, gleichzeitig wurde aber die Besitzerstruktur zunehmend unklarer und unübersichtlich. Die traditionellen Besitzerfamilien verloren an Einfluss. Der «Fortschritt an der Börse» – so der Verwaltungsrat der «Axantis», so hiess die Attisholz neuerdings – wurde zum eigentlichen Ziel. Die Aktien der solothurnischen Papierindustrie wurden zu Spekulationspapieren: Vor allem bei der Attisholz – reich ausgestattet mit Eigenkapital – war bei den Börsenkursen noch viel Spielraum nach oben vorhanden. In der Folge wurde die Attisholz das Opfer von Spekulanten: Nach undurchsichtigen Manövern erlangte der Thurgauer Kartonfabrikant Daniel Model eine starke Minderheitenbeteiligung von über 20 Prozent . Dabei hatte es Model auf die liquiden Mittel von nahezu einer halben Milliarde abgesehen, die sich als Folge des Verkaufs der Papierfabrik Balsthal an Kimberley-Clark in der Kasse befanden. 2001 übernahm Christoph Blocher die Axantis, beziehungsweise die Attisholz, aus der er die «nicht betrieblichen Liegenschaften» herauslöste und den Rest zwei Jahre später an den ehemaligen niederländischen Konkurrenten «Borregaard» weiterverkaufte. Borregaard legte den Betrieb 2008 still. 440 Beschäftigte wurden entlassen.

Die beiden Autoren verfassten den Teil «Solothurnische Wirtschaft» in der Kantonsgeschichte.