Solothurn
Der Mechaniker, der ein Gelenk mehr an seinen Fingern hat

Er ist ein Mann, der Benzin im Blut haben muss. Automechaniker Heinz Arn hält seit 49 Jahren einer Garage in Solothurn und einer Marke die Treue – bald ändert sich das.

Lucien Fluri
Merken
Drucken
Teilen
Er gehört praktisch zur Garage Gysin: Heinz Arn ist 49 Jahre dabei.

Er gehört praktisch zur Garage Gysin: Heinz Arn ist 49 Jahre dabei.

Hansjoerg Sahli

Für Heinz Arn ist die Stahlhalle an der Solothurner Bielstrasse ein ganz spezieller Ort: Hier, im Werkstattgebäude der Garage Gysin, hat er sein Berufsleben verbracht – von der Lehre bis zur nun anstehenden Pensionierung. 49 Jahre hat er der Garage Gysin und der Marke Citroën (er sagt liebevoll «Zitröen») die Treue gehalten.

Kurz nach Mittag steht Heinz Arn neben einem Auto. Schwarze Ölspuren an den Händen verraten den Werkstattchef, der gerne selbst Hand anlegt. Fürs Foto schnappt er sich den Kaffeebecher eines Arbeitskollegen. Im Hintergrund werden Sommerpneus montiert. Autos stehen auf den Liften in der Höhe.

49 Jahre beim gleichen Arbeitgeber: Das hat Heinz Arn nicht geplant. Nach Lehre und Rekrutenschule wollte er den Betrieb eigentlich verlassen. «Mein damaliger Chef hat mir gesagt: Das kannst du nicht machen, ich habe gerade neues Werkzeug für dich gekauft», erzählt Arn. Er blieb. 49 Jahre sind es geworden. Schwarze Citroën-«Gangsterlimousinen», die aus den 50er-Jahren überlebt hatten, «Döschwo» und DS standen zuerst in der Werkstatt. Später reparierte er AX, BX und CX, schliesslich C1, C2 und C3. «Die Modelle sind gekommen und wieder gegangen», sagt Heinz Arn mit einem Lächeln. Die Autos sind sicherer geworden, sie verbrauchen weniger Benzin und sie haben mehr Technik. 1966 waren Klimaanlagen und elektrisch verstellbare Sitze noch absoluter Luxus, Scheibenbremsen längst noch nicht bei jedem Auto Serie. Und Airbags gab es schon gar nicht.

«Ich durfte immer mit»

Hat der Mann einfach Benzin im Blut? Gewissermassen: «Mein Grossvater und mein Vater waren Lastwagenchauffeure. Da durfte ich immer mit», sagt Arn, der in Lüsslingen zur Welt kam und heute in Langendorf lebt.

1966 hat er die Lehre bei der Garage Gysin begonnen. 4950 Franken kostete ein neuer «Döschwo». Doch Heinz Arn erinnert sich besonders an die DS, das revolutionäre Modell mit mitlenkenden Scheinwerfern und der Hydraulik, die das Auto beim Anlassen in die Höhe hebt. «Das hat nicht jeder Mechaniker angefasst», sagt Heinz Arn. «Man hat gesagt, Citroën-Mechaniker müssten ein Gelenk mehr am Finger haben.» Ärzte, Fabrikanten und Architekten seien das Auto gefahren. «Weil es etwas Einzigartiges war.» Noch immer ist von diesem Ruf etwas übrig geblieben. Arn zeigt auf einen modernen C6 in der Garage, der einem Architekten gehört. «Die Markentreue ist extrem», sagt er.

«Ein wenig studieren muss man»

Wir gehen aus der Werkstatt in den Showroom und nehmen auf Designersesseln Platz. Glänzende Neuwagen stehen da, sie heissen heute wieder DS. Die Zeit sei vorbei, sagt Heinz Arn, als man über rostende Autos oder mechanische Unzuverlässigkeit sprach. «Die Mechanik macht heute bei kaum einem Auto Probleme», sagt er. «Dafür sind die Autos vollgepumpt mit Elektronik. Heute muss alles drin sein.» Für den Mechaniker ist klar: «Ich fahre gerne noch selbst.» Assistenzsysteme braucht er privat nicht.

Wie steht es heute um die Mechanik, Herr Arn? Reicht es heute, einfach das Diagnosegerät anzuschliessen? «Die Geräte helfen, Probleme einzugrenzen», sagt der Experte. «Den Fehler verraten sie aber nicht.» Er lacht. «Ein wenig studieren muss man schon noch.» Mehrere Dutzend Lehrlinge hat Arn ausgebildet, der seit rund 20 Jahren Werkstattchef ist. «Jeder ist durchgekommen», sagt Arn. «Zum Teil haben sie heute selbst Garagen.» Mehrmals jährlich haben ihn Weiterbildungen beim Importeur auf den neusten technischen Stand gebracht.

Ganz aufhören wird er nicht

Heinz Arn blickt aus dem Fenster des gläsernen Ausstellungsraumes. Wo heute der «Jumbo»-Markt steht, war früher einmal die Postgarage. «Aber jetzt erzähle ich auch schon von früher», sagt er und lacht einmal mehr.
49 Jahre hat er derselben Garage und derselben Marke die Treue gehalten. – Und die Kunden haben ihm die Treue gehalten. Ja, es gibt Solothurner, die bringen ihr Auto schon mindestens so lange an der Bielstrasse in den Service, wie Heinz Arn dort arbeitet. «Sie sind noch etwas älter als ich», schmunzelt der 65-Jährige, der jetzt öfters fischen und im Garten seines Hauses in Langendorf arbeiten will. Auf einen «Tättsch» aufhören wird er aber nicht. «Wenn ein Döschwo oder eine DS kommt, dürfen sie mich anrufen. Dann komme ich.» Nur eines will er nicht. Als Werkstattchef hat er auch schon mal Kunden erlebt, die ungeduldigst auf ihr Auto gewartet haben. «Ich habe mir geschworen, dass ich als Pensionierter nicht gestresst sein werde.»