Philipp Hadorn tut, als ob nichts gewesen wäre. Als ob ihn die grösste Niederlage seiner Politkarriere nicht gross bekümmern würde. Ach, was ist so eine parteiinterne Schlappe überhaupt für einen, der für seine Überzeugung bereits im Gefängnis sass?

Hadorn sitzt am Tisch im Wintergarten seines Hauses in Gerlafingen. Es sind einige Tage vergangen, seit ihn die SP-Parteiversammlung im Regen stehen liess. Nur 19 der 122 Delegierten wollten ihren Nationalrat als SP-Regierungsratskandidaten aufstellen. Die weniger bekannte Oltner Kantonsrätin Susanne Schaffner triumphierte grandios über ihn. Sie trocknete ihn ab. «Who cares?», sagt Hadorn. «Ich fühle mich in der SP sehr getragen.»

Hadorn versucht gar nicht, die Niederlage kleinzureden. Er tut einfach so, als ob sie nichts Besonderes wäre. Er ist angetreten. Und er hat verloren. Die SP hatte eine Wahl. Basta. Nein, Hadorn sah gar über Wochen zu, wie sich seine Niederlage ankündigte. Er wusste, dass die SP endlich eine Frau will, dass Kandidaten aus dem unteren Kantonsteil im Vorteil waren, dass er zu lange zögerte. Er sah diese Warnsignale. «Aber nur weil man merkt, dass man nicht den ersten Platz holt, hört man nicht auf.»

Die rote Brille hat Philipp Hadorn in seine Haare geschoben. Wie immer. Die schwarze Katze tigert durch den Wintergarten. Hadorn wirkt gelassen. «Ich bin kein emotionaler Mensch», sagt er. Fast zwei Stunden erzählt er nun aus seinem Leben. Mit der Zeit wird klar: Philipp Hadorn konnte nicht anders. Nicht anders als kämpfen.

So schnell gibt er nicht auf

Hadorn isst kein Fleisch und trinkt keinen Alkohol und wirbt öffentlich mit seiner christlichen Gesinnung. Das ist in der Politik nicht üblich. Schon gar nicht in der SP. Ihn selbst aber brachte der christliche Glaube zur SP. Den Einsatz für Schwächere leitet er als «selbstverständlichen Auftrag» aus dem Glauben ab.

Hadorn weiss, dass sein religiöses Engagement in der Partei auch «Vorbehalte» auslöst. Er ist beim Thema vorsichtig. Schliesslich hat er schlechte Erfahrungen gemacht. Die Gratiszeitung «20 Minuten» berichtete gross darüber. Hadorn betont, er habe dem Blatt nur gesagt, dass auch die Schöpfungslehre Teil des Schulstoffes sein soll.

Doch dann wurde geschrieben, dass er die Schöpfungslehre vor die moderne Biologie stellen wolle. So oder so: Wann immer es um die Ethik geht, ist Hadorn im Dilemma. Religiöse Kreise, die ihm zur Wahl verhalfen, fordern vom Gewerkschaftssekretär ein prinzipielles Bekenntnis, etwa gegen die Abtreibung. Auf der anderen Seite stehen SP-ler, denen solch religiöses Engagement grundsätzlich suspekt ist.

Vielleicht klappt es mit Philipp Hadorn und der SP trotzdem gut, weil der Gewerkschafter anderen ihre Meinung lässt. Wenn sein Tischnachbar trinkt, stört das den Abstinenzler nicht. Der Pazifist will nicht über Leben und Tod urteilen. Er will Unterstützung für Eltern und Kinder statt Abtreibung. Aber er will auch keine Frau verurteilen, die aufgrund ihrer Situation abtreibt.

Der Mann mit der Mission will kein Missionar sein. Und so haben sich zwei seiner drei Söhne für den Militärdienst entschieden. «Ihre Sache», sagt der Vater, der für seine Überzeugung ins Gefängnis ging. 3,5 Monate lang sass Philipp Hadorn während seiner Lehre wegen Militärdienstverweigerung ein. «Das hat mich geprägt.»

«Ich wollte schon immer gestalten», sagt er. Bereits mit elf Jahren ging er alleine an eine Veranstaltung gegen die Atomkraftwerke. Als Kantischüler hielt er die Rektoren auf Trab. Er gründete den Schülerrat und er organisierte in der Bibelgruppe Diskussionen. Eine Podiumsdiskussion zur Militärdienstverweigerung verboten ihm die Rektoren. «Meine Eltern hatten Angst, ich würde links-katholisch und nähme Drogen», sagt er.

«Sein Lebensweg ist beeindruckend», erzählt Ruedi Bürki. Der alt Kantonsrat und Gerlafinger SP-Politiker hat Hadorn einst zum Mitmachen in der Ortspartei motiviert. «Im Gegensatz zu anderen Politikern lebt Philipp Hadorn das, was er sagt», attestiert ihm der langjährige Weggefährte.

Aufgewachsen ist Hadorn in Selzach in einem christlich-wertkonservativen Elternhaus. Die Eltern wählten FDP «mit sozialem Einschlag». Mit 18 zog er zuhause aus, da war er gerade aus der Kanti geflogen. Die Gesellschaft habe ihn mehr interessiert als das Latein, sagt er. Hadorn hat sich dann hochgearbeitet. Er machte eine KV-Lehre in der Uhrenindustrie, gründete eine Familie, sein Geld verdiente er fortan selbst. Nebenbei holte er die Matur nach und studierte berufsbegleitend mehrere Jahre Recht, aber ohne Lizenziat. Schliesslich wurde er Gewerkschaftssekretär.

Kränkungen vergisst er nicht

Philipp Hadorn ist eigenständig. «Ich kämpfe nicht um die Liebe der Wähler», sagt er. Er tut, was er für richtig hält. «Und jeder kann entscheiden, ob ihm das passt oder nicht. Ob er mich wählt oder nicht.» Hadorn sagt das ganz offen. Er hat eine Eigenschaft, die im Solothurnischen aussergewöhnlich ist: die Direktheit. Er spricht an, was ihm nicht passt. Er hinterfragt sein Gegenüber. Und tut das mit einem bisweilen süffisanten Lächeln.

Er scheint sich zu freuen, wenn er das Gegenüber ins Wanken bringen kann. «Habe ich nicht doch vielleicht recht?», scheint er zu fragen. Wer ihm böse will, kann dies als rechthaberisch auslegen. Wer ihm gut will, der wird akzeptieren, dass Hadorn debattierfreudig ist und auch sich selbst so hinterfragt. «Bevor ich eine Meinung habe, ist der Vorlauf lang.» Danach will er – ohne neue Erkenntnisse – nicht mehr abweichen.

So tolerant Hadorn wirkt: Kränkungen vergisst er nicht. Als «erfolgsverwöhnten Genossen auf dem Egotrip» hat ihn diese Zeitung im Sommer bezeichnet. Hadorn hat das noch nicht verdaut. Fünfmal kommt er im Gespräch auf diese Äusserung zurück. Dann noch einmal. Trotzig. Er lässt nicht locker. «Hinter der Fassade steckt ein Überzeugungstäter. Wenn ihm etwas gegen den Strich geht, zeigt er das. Engagiert», sagt einer, der ihn länger beobachtet. «Was mir wichtig ist, da bleibe ich dran», sagt er. Seine Frau kennt er, seit er 15 ist. Zweimal hat es der weit links politisierende Philipp Hadorn in den Nationalrat geschafft, zweimal hat ihm das mancher nicht zugetraut.

Zweimal schaffte er es nur ganz knapp – dank der Unterstützung der EVP – vor der parteiinternen Konkurrenz, die ihm dicht auf den Fersen war. 22 Stimmen Unterschied waren es 2011, die ihm die Wahl sicherten. Dass Hadorn danach dem Portal jesus.ch aber sagte, Gott habe für ihn die Hand im Spiel gehabt, haben ihm einige in der Partei bis heute nicht vergessen.

«In Bern gut positioniert»

Parteipräsidentin Franziska Roth wird ab und zu auf Hadorns christliches Engagement angesprochen. «Das müssen die Wähler mit ihm diskutieren», sagt sie. Sie lobt das Engagement ihres Nationalrates. «Er vertritt ganz klar unsere sozialen Anliegen. Hadorn hat sich in Bern gut positioniert», lobt die Solothurnerin. Sie schätzt, dass er «nicht nur A, sondern auch B sagt», etwa bei der Regierungsratskandidatur.

Als linker Hardliner will Hadorn trotz allem nicht gelten. In Bern müsse er Kompromisse eingehen, sagt er. Kompromisse, die ihm nicht gefallen. «Ich muss mich für Vorlagen einsetzen, die ich schlecht finde. Ich habe mich für das Asylgesetz eingesetzt, weil ich Unmenschlicheres verhindern wollte», bekennt er, der einst in Olten ein Asylheim der evangelisch-methodistischen Kirche führte.

«Es ist ‹gruusig›, wie wir mit Fremden umgehen.» Für ihn ist deshalb klar: «Die SP muss selbstbewusst für ihre Werte hinstehen.» Kämpfen eben. Und so stört er sich noch immer daran, dass die SP nicht mit zwei Kandidaten, mit ihm und Schaffner, zu den Regierungsratswahlen angetreten ist. «Es ist kein Gnadenbrot, am Regierungstisch zu sitzen.» Wer, wenn nicht das linke Lager, habe Anrecht auf zwei Sitze?

Hadorn will sich diesen Frust jetzt aber nicht mehr anmerken lassen. Er lobt die Fähigkeiten seiner Konkurrentin Schaffner. Es ist Wahlkampf. Und Philipp Hadorn will kämpfen. Auch wenn er nicht Kandidat ist.

Draussen vor seinem Haus weht die Anti-AKW-Fahne. Das Dach ist voller Photovoltaikpanels. 49 Jahre alt ist Philipp Hadorn. Seit 38 Jahren kämpft er gegen Atomkraftwerke. Bald, zeigt er sich glücklich, könnte der Atomausstieg Realität sein.

Sein vielleicht grösstes Thema wäre dann erledigt. Aber einer wie Philipp Hadorn hört nicht auf. «So alt bin ich noch nicht», sagt er und lächelt zufrieden. Er würde jetzt am liebsten noch viele andere Themen aufzählen. Vom öffentlichen Verkehr bis zur Steuergerechtigkeit.