Drogenhandel
Der Mann mit dem Kokain-Take-away

Erhan G.* war eine der Hauptfiguren, die durch die «Aktion Toxin» gegen lokale Drogenhändler aufflogen. Jetzt musste er sich vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt verantworten. Er soll mehrere Kilogramm Kokain über die Bartheke verkauft haben.

Christoph Neuenschwander
Merken
Drucken
Teilen
In Gerlafingen und Solothurn ging viel Kokain über die Theke. zvg

In Gerlafingen und Solothurn ging viel Kokain über die Theke. zvg

«Mit Ihnen muss ich noch schimpfen», sagte der Verteidiger Alexander Kunz gestern beim Verlassen des Gerichtssaals zu dem Zeugen Franz E.* «Sie haben meinen Mandanten etwas einseitig belastet.» Gegen Franz E. läuft ein Strafverfahren. Er ist einer von über hundert Personen, die durch die «Aktion Toxin» in den Jahren 2008 und 2009 auf den Radar der Staatsanwaltschaft gerieten (siehe Text rechts). Sie alle müssen oder mussten sich wegen Drogenbesitzes oder sogar Drogenhandels verantworten.

Ein Höhepunkt war die Verhandlung vom Donnerstag vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt: der Prozess von Erhan G.* Der 51-jährige Türke war laut Staatsanwaltschaft eine «Drehscheibe des Kokainhandels» in der Region. Seit seiner Verhaftung im Januar 2009 befindet er sich im vorzeitigen Strafvollzug.

«Aktion Toxin»: 113 Strasverfolgungen

Die «Aktion Toxin» war eine gross angelegte Untersuchung von Polizei und Staatsanwaltschaft in den Jahren 2008 und 2009, bei der gegen lokale Kokainhändler ermittelt wurde. Insbesondere wurden zwei Bars in Gerlafingen und Solothurn unter die Lupe genommen. Dabei wurden Telefonate zwischen dem Betreiber der Bars und seinen Mitarbeitern abgehört sowie der Eingang eines Lokals videoüberwacht. «Im Januar 2009 haben wir den Sack zugemacht», erklärt Staatsanwalt Philipp Rauber. In einer von langer Hand geplanter Aktion habe man die Bars und Wohnungen von Involvierten gestürmt und durchsucht. Insgesamt wurden 18 Personen in Untersuchungshaft gebracht, 113 Personen strafrechtlich verfolgt. «Viele davon waren Konsumenten», so Rauber. Aufgeflogen sind durch die Aktion aber auch die nigerianischen Zulieferer der Bars, die bereits verurteilt wurden, sowie mehrere Personen (darunter einige Bardamen) die das Kokain verkauften und noch auf ihren Prozess warten. (cnd)

Und seine Anklageschrift ist lang: Er soll ab 2005 rund 5,3 Kilogramm Kokain gekauft und gestreckt haben. In seinen beiden Bars in Gerlafingen und Solothurn habe er den Stoff über die Theke gehen lassen, wobei auch seine Angestellten involviert waren und für das verkaufte Rauschgift Provision – ebenfalls in Form von Kokain – erhielten. Zudem soll Erhan G. Geld gewaschen, zwei Waffen ohne Bewilligung besessen, und beträchtliche Mengen an Kokain verschenkt oder als Bezahlung für Dienstleistungen verwendet haben.

1,5 Kilo Kokain für Scheinehe?

Letzterer Vorwurf wiegt besonders schwer, wenn man der Aussage des erwähnten Franz E. glaubt. Der Schweizer, über dessen Name das Lokal in Solothurn lief, habe von April bis Oktober 2008 etwa 1,2 bis 1,7 Kilogramm Kokain von Erhan G. geschenkt bekommen. Wobei: Ein eigentliches Geschenk sei es nicht gewesen. «Er hat mich damit manipuliert, so wie er alle Leute ausgenutzt hat, mit denen er zu tun hatte.» Der türkische Barbetreiber habe ihm das Kokain einerseits gegeben, um ihn ruhig zu stellen. Er habe gewusst, dass E. süchtig war. Andererseits habe ihm Erhan G. das Kokain als Gegenleistung dafür angeboten, dass er Suleika A. heiratete. Die Marokkanerin war die Freundin von Erhan G., der mit der Scheinehe sicherstellen wollte, dass sie in der Schweiz bleiben kann.

G. stritt den Vorwurf ab. Er habe Franz E. vielleicht 8 bis 10 Gramm Kokain geschenkt, mehr nicht. Überhaupt wehrte sich Erhan G., der grundsätzlich geständig war, gegen viele Details der Staatsanwaltschaft, verstrickte sich dabei aber oft in widersprüchliche Aussagen. So will er nicht drei, sondern nur einen Lieferanten gehabt haben, erzählte aber von zwei verschiedenen Zulieferern. Er will auch deutlich weniger Kokain gekauft und verkauft haben, als ihm angelastet wird. Zudem sei er am Strecken des Kokains nicht beteiligt gewesen, das habe ein Mitarbeiter gemacht. Und nicht alle Angestellten hätten in der Bar Kokain verkauft, sondern im Gegenteil nur gerade eine – und die habe ihn überhaupt auf die Idee mit dem Dealen gebracht.

Gegen Erhan G. sprach die Tatsache, dass er in vorherigen Befragungen andere Angaben gemacht hatte, wie Amtsgerichtspräsident Stefan Altermatt festhielt. Selbst der Verteidiger wunderte sich über die Taktik seines Klienten. Und Staatsanwalt Philipp Rauber gab zu bedenken, dass die Vielzahl von Zeugenaussagen sowie die abgehörten Telefonate eine ganz andere Sprache sprechen. Die bereits rechtskräftigen Urteile betreffend der Zulieferer bestätigen zudem die Kokainmenge, die von der Staatsanwaltschaft von den ursprünglich geschätzten 8 bis 16 Kilo auf 5,3 Kilo reduziert wurde. «Erhan G. war nicht bloss ein ‹Kügelidealer›», so Rauber. Er habe ein regelrechtes «Kokain-Take-away» betrieben. Die Staatsanwaltschaft forderte daher eine Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren, wovon G. bereits vier Jahre abgesessen hat.

Detailhändler, kein Grosslieferant

Verteidiger Kunz war sich in vielen Punkten mit der Staatsanwaltschaft einig. Die Verhandlung habe ihm schlaflose Nächte bereitet und er sei über die moderaten Ausführungen des Staatsanwaltes erleichtert. Er fand die Strafe aber als zu hoch und forderte fünf Jahre. Bei dem Mitarbeiter, der für die Bar in Gerlafingen zuständig war, habe sich eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Man könne Erhan G. daher nicht für die ganze umgesetzte Menge an Kokain verantwortlich machen. Letztlich sei G. «ein Detailhändler, kein Grosslieferant.» Das Urteil des Amtsgerichts Bucheggberg-Wasseramt wird heute erwartet.

Name von der Redaktion geändert