«Kantigeist»

Der Mann, der bis 1983 im Keller der Kantonsschule Solothurn lebte

Dr. Wilhelm Kaiser (1895– 1983), Wissenschafter und «Kantigeist».

Dr. Wilhelm Kaiser (1895– 1983), Wissenschafter und «Kantigeist».

Der Astronom Wilhelm Kaiser war ein Original. Von 1956 bis 1983 lebte er im Keller der Kantonsschule Solothurn und betrieb seine Studien. Jetzt beschäftigen sich zwei neue Publikationen mit Leben und Werk des Einzelgängers.

Mehrfach ermahnten die Rektoren der Kantonsschule Solothurn Dr. Wilhelm Kaiser, doch nicht mehr tagsüber in den Kantigängen herumzulaufen. Der alte Mann, so befürchtete man, könnte die Schüler irritieren. Und so schrieb der Verwalter der Kanti seinem «Untermieter», der fast drei Jahrzehnte im Luftschutzkeller unter der Schule lebte: «Wir möchten Ihnen in Erinnerung rufen, dass es Ihnen nicht gestattet ist, sich während der Unterrichtszeiten, d. h. von 07:00 Uhr bis 19:00 Uhr in Schulräumen und anderen dem Unterricht oder der Lehrerschaft dienenden Räumen aufzuhalten.» Während der Ferien, nachts sowie am Wochenende durfte der Privatgelehrte dagegen frei durch die Kanti wandeln und das Zeichnungszimmer nutzen, in dem er seine Studien trieb und Zeichnungen anfertigte.

Es scheint heute undenkbar: Aber fast 30 Jahre lang lebte der Astronom Wilhelm Kaiser (1895–1983) im Luftschutzraum unter der Kantonsschule Solothurn. Für den Privatgelehrten war sein Werk von immenser Bedeutung, sodass er die Wohnsituation seinem Schaffen unterordnete.

Für ihn war die Arbeit an seinem naturphilosophischen Werk wichtiger als die Umstände, wie er arbeitete. Und so lebte Wilhelm Kaiser im Keller der Kantonsschule.

Für ihn war die Arbeit an seinem naturphilosophischen Werk wichtiger als die Umstände, wie er arbeitete. Und so lebte Wilhelm Kaiser im Keller der Kantonsschule.

Als Schüler habe man vom «Kantigeist» gewusst. «Aber was es mit ihm genau auf sich hatte, war, wie bei Geistern üblich, unbekannt. Es hätte ihn ja eigentlich auch gar nie geben dürfen als Geist in einem Schulhaus», sagt Rolf Weber. Der reformierte Pfarrer in Luterbach beschäftigt sich seit rund zehn Jahren mit dem Leben und Wirken von Wilhelm Kaiser. Daraus hervorgegangen ist nun ein Aufsatz im neusten Jahrbuch für Solothurnische Geschichte des Historischen Vereins des Kantons Solothurn.

Wissenschaft und Anthroposophie

Nicht nur Kaisers Lebensumstände waren speziell. Auch seine wissenschaftlich-naturphilosophische Arbeit entzog sich gewohnten Rastern. Zwar war Kaiser naturwissenschaftlich breit gebildet: Der Subinger hatte nach einer Primarlehrerausbildung Physik, Mathematik, Astronomie und Biologie studiert. 1927 promovierte er an der Universität Bern. Kaiser war gleichzeitig jedoch auch ein überzeugter Anhänger von Rudolf Steiners Weltbild, dem er 1917 begegnet war. Der Versuch, Anthroposophie und Astronomie zusammenzubringen, habe Kaisers Schicksal geprägt, sagt Rolf Weber. Dies hatte Folgen für seine Karriere: «War er den Anthroposophen zu naturwissenschaftlich, so war er den Naturwissenschaftlern zu anthroposophisch. Wilhelm Kaiser fiel zwischen Stuhl und Bank», hält Weber fest. Während er sich bei den Wissenschaftern mit dem Ablehnen der Relativitätstheorie zum Aussenseiter machte, eckte er bei den Anthroposophen an, da er Rudolf Steiner korrigiert hatte. «Das gehörte sich damals unter Anthroposophen nicht», so Weber.

In einem Nachruf in dieser Zeitung hiess es nach Kaisers Tod: «Es war für ihn oft schmerzlich, dass er selbst bei etablierten Wissenschaftern, von denen er manchen berühmten Mann während seiner Studienzeit persönlich kannte, nicht das erhoffte Echo fand, obwohl er beispielsweise die Umlaufbahn des Pluto als Erster mit seinem astronomischen Weltbild berechnet hatte und das Ergebnis durch die Schulastronomie bestätigt wurde.» – Was zeigt, wie wissenschaftlich beschlagen er war. Auf seinen Doktortitel legte er zeitlebens grossen Wert.

«Als Original geduldet»

Doch wie kam nun es zum Leben im Kantikeller? «Er hatte keine grossen finanziellen Mittel und hat sein Geld lieber in seine Werke als in eine Wohnung investiert», erklärt Weber. 1956 wohnte Kaiser im Zetterhaus an der Solothurner Bielstrasse. Doch als dort die Zentralbibliothek hinkam, musste er das Haus verlassen. Der Regierungsrat gab ihm deshalb die Einwilligung, seine Bücher und Unterlagen im Luftschutzraum unter der neuen Kantonsschule lagern zu dürfen. «Vorbehalten bleibt jedoch ausdrücklich das Recht, diese Bewilligung jederzeit zurückziehen zu können», schrieb der Regierungsrat 1956. Doch bald wohnte Kaiser selbst mit seinem Werk, von dem er sich nicht trennen konnte, im Luftschutzkeller. «So dürfte sich der Regierungsrat das nicht vorgestellt haben», hält Weber fest. Dennoch liess man Kaiser gewähren. Die Gesundheitskommission der Stadt meldete sich zwar und das kantonale Baudepartement schrieb von «Verhältnissen, die vom hygienischen Standpunkt aus unhaltbar sind». Trotzdem gingen die Bestrebungen nie so weit, den Mann tatsächlich loswerden zu wollen. «Er ist nicht unangenehm aufgefallen und war als Original geduldet», sagt Rolf Weber. Zudem habe Kaiser über ein «enormes Wissen» verfügt, was ihm Respekt eingetragen habe.

Kaiser verteidigte sein Refugium notfalls auch. Er drohte einen «Skandal» an, sollte man den alten Mann plagen wollen. Erst 1980 zog er, gesundheitlich angeschlagen, nach Dornach zu seiner Frau, mit der er seit 1950 verheiratet war. Nach ihrem Tod kehrte er 1982 nach Solothurn zurück, wo er bis eine Woche vor seinem Tod am 29. April wieder im Keller lebte.

Für Barbara Raible, pensionierte Zeichnungslehrerin an der Kantonsschule, gehörte Wilhelm Kaiser über Jahre zum Alltag. Oft traf sie ihn im Zeichnungszimmer an. «Wenn ich Dr. Kaiser bei seiner Arbeit antraf, wagte ich nicht, ihn anzusprechen. Es war zu befürchten, dass er bei der Arbeit gestört würde», schreibt sie in einem weiteren Buch zu Kaiser (vgl. Kasten rechts). Raible hat auch miterlebt, wie der Mann nicht immer ernst genommen wurde. Sie hält es für wichtig, dem Schaffen Kaisers mit Respekt zu begegnen. Nicht nur weil ihm sein Lebenswerk so wichtig war, dass er diesem alles andere unterordnete. Das Schaffen sei inhaltlich so komplex, dass es bisher auch niemand gründlich aufgearbeitet habe, warnt sie vor allzu schnellen Urteilen.

Inzwischen ist das Werk von Wilhelm Kaiser wieder ins Zetterhaus zurückgekehrt, das der Gelehrte 1956 wegen der neuen Zentralbibliothek verlassen musste. In 25 Kartonschachteln bewahrt die Zentralbibliothek den Nachlass von Wilhelm Kaiser auf. In Subingen erinnert heute noch eine Büste auf dem Friedhof an Wilhelm Kaiser.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1