Pinselohr

Der Luchs fühlt sich wohl im Solothurner Jura

Im Gebiet Bettlachberg lebt eine Luchsmutter (Mitte) mit ihren vier Jungtieren. Die Aufnahme wurde im September geknipst.

Im Gebiet Bettlachberg lebt eine Luchsmutter (Mitte) mit ihren vier Jungtieren. Die Aufnahme wurde im September geknipst.

Die Jäger sind besorgt um den Wildbestand: Luchse reissen im Jahr um die 700 Rehe im Kanton Solothurn. Der Kanton sieht jedoch keinen Handlungsbedarf, da das ökologische Gleichgewicht nicht in Gefahr sei.

Auf leisen Sohlen schleicht er nachts umher, lauert seiner Beute auf und erlegt sie mit einem gezielten Biss. Tagsüber hingegen ruht er sich aus, verharrt dabei oft regungslos und bleibt in der Regel unentdeckt. «Luchse sind nicht besonders scheu», weiss Anton Pürro. Der Jäger kennt sich mit den Tieren aus und beobachtet besorgt deren Ausbreitung im Raum Grenchen.

Vor kurzem wurde im Revier Grenchen Nord ein Weibchen mit vier Jungen von einer Fotofalle geblitzt. «Das ist viel, im Schnitt haben Luchse zwei Junge. Auf dem Subigerberg haben wir eine Katze mit drei Jungen, was zeigt, dass der Luchs sich hier wohl fühlt.» Er sei sich bewusst, dass das Thema emotional aufgeladen ist und viele den Eindruck haben, die Jäger wollten ihre potenzielle Beute nicht mit dem Luchs teilen.

Pürro stellt klar: «Wir akzeptieren den Luchs. Gleichzeitig haben wir aber gemäss Jagdgesetz den Auftrag, für ein Gleichgewicht zwischen Raub- und Schalenwild zu sorgen.» Mittlerweile habe sich der Luchs so stark im Solothurner Jura ausgebreitet, dass die Reh- und Gämsbestände um gut 50 Prozent geschrumpft seien, erklärt Adolf Hess, Jäger und Luchsverantwortlicher aus Rüttenen. Und er rechnet vor: «Ein Luchs braucht zwei bis drei Kilogramm Fleisch pro Tag.» Ein Reh biete Nahrung für wenige Tage, womit die Luchse im Kanton pro Jahr mindestens 700 Rehe reissen.

Dazu komme, so Pürro, dass der Luchs im Gegensatz zum Wolf seine Beute nicht auswählt, sondern nimmt, was er kriegen kann. «Dem gesamtschweizerischen Rehbestand wird das nichts machen», ist er überzeugt. Lokal könne das Wild aber stark in Bedrängnis geraten. Denn der Luchs treibe die Tiere auch vom Berg in tiefere Regionen, was vermehrt zu Wildunfällen führt.

Die Jäger sehen sich nun im Dilemma: hier das Jagdgesetz, da der Luchs. «Wir wünschen uns, dass angesichts der vielen Luchse etwas unternommen wird», heisst es. Wobei man auf den Kanton und die Fachstelle Kora (Raubtierökologie und Wildtiermanagement) angewiesen sei. Den Luchs ab einem gewissen Bestand zum Abschuss freizugeben, wäre die langfristige Lösung. Aber das wollen auch Pürro und Hess nicht. «Bei Umsiedlungen würden wir Jäger jedoch mithelfen.»

«Sorgen sind unbegründet»

«Ich verstehe, dass die Jäger besorgt sind», lautet die Antwort von Mark Struch vom kantonalen Amt für Wald, Jagd und Fischerei. «Die Ängste sind aber unbegründet.» Zwar könne der aktuelle Luchsbestand jenem des Schalenwilds lokal stark zusetzen. «Die Rehe werden durch den Luchs aber nicht ausgerottet.» Zum einen seien die Luchs-Territorien im Solothurner Jura besetzt. Mehr erwachsene Luchse kämen nicht hinzu und die jetzigen Jungtiere – wie die vier in der Region Grenchen – werden im Verlaufe des Winters abwandern müssen.

Zum anderen erhole sich der Rehbestand nach Einbussen erfahrungsgemäss wieder, da Rehgeissen in der Regel jährlich zwei Junge setzen. Und auch, weil der Luchs sein Jagdgebiet nach der Verfügbarkeit seiner Beute richtet und stets wieder wechselt. Um das ökologische Gleichgewicht müsse man also nicht besorgt sein. Struch: «Der Luchs hilft den Jägern sogar, wenn er Rehe reisst.» Denn eine Aufgabe der Jagd ist es auch, Verbissschäden an der Waldverjüngung durch Schalenwild gering zu halten.

Für die nächsten Jahre plant der Bund ein Umsiedlungsprojekt. Die Zuständigkeit liegt auch bei der interkantonalen Kommission für Raubtierfragen Jura, die in den nächsten Wochen über das Unterfangen beschliesst. «Das ist aber keine regulatorische Massnahme, was gemäss revidierter Jagdverordnung neu möglich ist», so Struch. Konkret sollen etwa zehn Tiere vom Jura in den deutschen Pfälzerwald umgesiedelt werden. «Dort hat es noch keine Luchse, der Jura hingegen bietet sich an, um Tiere für das Projekt zu entnehmen.»

Das Wegfangen von Luchsen werde den Druck auf die Gebiete vorübergehend etwas verringern. Es sei aber davon auszugehen, dass die freiwerdenden Territorien der umgesiedelten Luchsindividuen bald wieder besetzt werden. Langfristig werde die Zahl der besetzten Luchs-Territorien damit voraussichtlich auf dem heutigen Stand bleiben.

Luchs bald im Bucheggberg?

Der Luchs ist vor allem in den Bergen heimisch, wohin aber wandern die jetzigen Jungtiere ab? «Im Bucheggberg gibt es einzelne geeignete Gebiete», weiss Adolf Hess. Finden sie in der Nähe nichts, ziehen sie Richtung Voralpen oder über die deutsche Grenze, erklärt Mark Struch.

Dabei, ergänzt Anton Pürro, kommen die Raubkatzen auch in Siedlungsnähe, wie ein gerissenes Reh zeigt, das kürzlich nur 50 Meter von einem Wohnhaus entfernt gefunden wurde. Dass sich Luchse in Siedlungen ausbreiten, sei aber nicht zu erwarten, erklärt Struch. Das mache eher der Fuchs, der daher auch für Kleintiere im Garten gefährlicher sei als der Luchs. Im Übrigen sei der Luchs auch für den Menschen ungefährlich. «Sie können sich einem Luchs problemlos auf wenige Meter nähern, wahrscheinlich werden sie ihn nicht mal bemerken.»

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