Viel ist an diesem grauen Nebeltag zwischen Weihnacht und Neujahr nicht los auf den Feldern entlang der Aare. Mit seinen olivgrünen Kleidern verschmilzt Viktor Stüdeli fast mit der Natur. Nur seine weissen Haare stechen etwas aus dem einerlei der Farben hervor und nichts lässt darauf schliessen, dass heute ein besonderer Tag ist. Es ist Stüdelis letzter offizieller Streifzug als Jagdpolizist und Wildhüter durch das Schutzgebiet Witi.

Stüdeli zeigt das Dokument aus dem Jahr 2000, das ihn als Aufseher mit polizeilichen Kompetenzen ausweist. Der Schnauz ist immer noch derselbe wie vor 17 Jahren, als er zum ersten Mal zu seinem Kontrollgang aufbrach. Damals bezeichnete ihn diese Zeitung als «Witi-Sheriff». «Ich war nicht gerade glücklich mit dem Übernahmen. Aber dann habe ich mich mit der Zeit daran gewöhnt. Irgendwie beschreibt das Wort meine Aufgabe ja wirklich recht genau.»

Der einzige Jagdpolizist

Mitten auf dem Feld stören wir vier Rehe beim «Frühstück». Sie spreizen ihre weissen Haare am Hinterteil und signalisieren sich mit dem sogenannten Spiegel, dass Vorsicht geboten ist. «Wenn wir jetzt anhalten, dann flüchten sie. Solange wir ruhig und gleichmässig weitergehen, beobachten sie uns nur», erklärt der Witi-Sheriff das Verhalten der Rehe, deren Blicke und gespitzte Ohren unserem Weg folgen. «Das sind die schönen Momente, die mein Job mit sich bringt.»

Viktor Stüdeli hatte als Mitglied der paritätischen Kommision 1994 bereits an der Ausarbeitung der Verordnung zur Witi-Schutzzone mitgewirkt. Dass bei der Suche nach einer Aufsichtsperson die Wahl auf den Mann fiel, der auch noch 24 Jahre lang Gemeindepräsident von Selzach war, überraschte nicht wirklich. «Ich kannte die Verordnung und ich bin der einzige Jagdpolizist im Kanton Solothurn. Nur ein Jagdpolizist ist berechtigt, Personenkontrollen zu machen und von den Leuten einen Ausweis zu verlangen.» Wenig später wurde er Wildhüter im Grenchner Wasser- und Zugvogelreservat und Stadtwildhüter in Grenchen. Diese Aufgaben wird er weiterhin wahrnehmen.

Stadtwildhüter – ist das nicht ein Widerspruch in einem einzigen Wort? «Nein, in Grenchen mit den vielen Gärten gefällt es den Rehen, Dachsen, Mardern und vielen anderen Tieren», erklärt Stüdeli. In in den letzten drei Jahren mussten wir etwa 30 räudige Füchse entfernen. Jetzt ist das Problem gelöst.

In amtlicher Mission: Der Ausweis des «Witi-Sheriffs» Viktor Stüdeli

In amtlicher Mission: Der Ausweis des «Witi-Sheriffs» Viktor Stüdeli

Streng mit Hundehaltern

Gefürchtet wurde der Witi-Sheriff vor allem wegen der strengen Kontrolle der Leinenpflicht im Schutzgebiet. «Es geht darum, die am Boden brütenden Vögel wie zum Beispiel die Feldlerche und den Kibiz zu schützen», erklärt Stüdeli. «Das Problem ist, dass es die Halter gar nicht bemerken, wenn ein Hund so ein Nest aufspürt und zerstört. Viele Leute denken, ein Hund an der Leine sei schlecht gehalten. Dabei fühlt sich ein gut erzogener Hund an der Leine wohl.»

Zunächst habe er nur über die Leinenpflicht informiert. «Machmal reagierten die Leute sehr frech und es war nicht immer einfach, es nicht an sich herkommen zu lassen, wenn sie mich zur Schnecke manchen wollten. Man muss sich in solchen Situationen zusammenreissen und darf nicht im selben Ton antworten», erzählt der Witi-Sheriff von den negativen Erlebnissen.

Ermahnung habe es für jeden Hundehalter nur eine gegeben. «Nach zwei Jahren ging ich davon aus, dass es jeder Hundehalter weiss und ich habe begonnen, die Leute anzuzeigen.» Das sei teuer geworden, aber die meisten hätten die Strafe akzeptiert. In all den Jahren habe er nur vier Mal als Zeuge vor Gericht erscheinen müssen, weil jemand die durch die Staatsanwaltschaft ausgesprochene Busse nicht akzeptieren wollte. «Heute wird der Verstoss gegen die Leinenpflicht mit einer Ordnungsbusse von 80 Franken bestraft. Es braucht keine Anzeige mehr. Das hat die Sache deutlich vereinfacht», meint Viktor Stüdeli.

Littering sei im Aareraum ein riesiges Problem. Zweimal pro Woche räumen die Leute von der Perspektive den Abfall weg. «Nur deshalb sieht es im Schutzgebiet so sauber aus», sagt Stüdeli. «An den Hotspots, den Grillplätzen, hat es gebessert. Die Aufklärung hilft. Ich habe viele Leute angesprochen und sie gebeten, den Abfall wegzuräumen.» Manchmal deponiere aber jemand einen ganzen Lastwagenladung irgendwo in der Witi. «Einmal fand ich ein Bett und Stühle, alles original verpackt. Die Möbel hat wohl einer, der aus einer Scheidung heraus frustriert war, dort deponiert. Da waren sogar noch die Kassenzettel dabei. Ich nehme an, dass die Polizei den Fall aufklären konnte.» Ein anderes Mal fand er ein sehr spezielles Türschild auf einem Müllhaufen. «Ich musste kurz darauf nach Bettlach und das Türschild lag noch in meinem Auto. Eine Frau erkannte das Schild und wusste, an welcher Tür das vorher hing. Der hatte Pech und wurde angezeigt.»

Wieder selber auf die Jagd

Drei bis vier Mal pro Woche ist Viktor Stüdeli während zwei bis drei Stunden auf Patrouille gegangen. Nun wird die Aufsicht über die Witi-Schutzzone der Kantonspolizei übertragen. Diese kontrolliert ab sofort, ob sich die Bauern an die Nutzungseinschränkungen auf ihrem Land halten, ob die Hunde tatsächlich an der Leine geführt werden und ob die Fahrverbote respektiert werden.

Dass die Kontrollgänge im neuen Jahr durch die Kantonspolizei gemacht werden, ist für Viktor Stüdeli eine logische Konsequenz der Entwicklung. «Es gibt im Kanton Solothurn keinen anderen Wildhüter mehr mit polizeilicher Kompetenz. Ich gehe davon aus, dass die Polizisten ihre Aufgabe ernst nehmen und dass sie auch Rapporte über ihre Rundgänge schreiben werden.» Die Kosten wird die Polizei übrigens dem Amt für Raumplanung intern verrechnen.

Und so geht der Witi-Sheriff nach 17 Jahren in Pension. Wird ihm da nicht etwas fehlen? «Nein, ich bin ja weiterhin Wildhüter und werde wieder mehr selber auf die Jagd gehen. Zudem habe ich zwei Enkelkinder, die ich sehr gerne gaume. Nein, mir wird es nicht langweilig werden.»