Hier trafen sich einst die Arbeiter der längst untergegangenen Solothurner Uhrenindustrie: Das Café de l’Industrie stellte wegen des Namens und seiner bewegten Geschichte den würdigen Rahmen für die jährliche Delegiertenversammlung des Solothurner Gewerkschaftsbundes (GbS) dar. Aus wichtigem Grund gab es einige entschuldigte Absenzen: Viele kantonale Gewerkschaftsführer besuchten die gleichzeitig stattfindende Aufrichte des Neubaus des Bürgerspitals und andere waren an den Gemeindeversammlungen ihrer Wohnorte unabkömmlich. Unter den rund zwei Dutzend Anwesenden begrüsste GbS-Präsident Markus Baumann (Unia) Nationalrat Philipp Hadorn (SEV) und Kantonsratspräsident Urs Huber (SEV).

Die ordentlichen Geschäfte waren schnell erledigt. Die Rechnung mit Ertrag und Aufwand in der Grössenordnung von 65'000 Franken wurde trotz eines kleinen Defizits einstimmig genehmigt und der Jahresbeitrag bei 8 Franken pro Mitglied belassen. Die Wiederwahl von Präsident Baumann, Sekretär Felix Epper und den weiteren Vorstandsmitgliedern erfolgte mit Applaus. Zu reden gab die Schliessung der Wernli-Bäckerei in Trimbach, die 140 Arbeiter betrifft. «Ich vermute, dass wieder einmal Steuergeschenke die Verlegung der Produktion in den Kanton Luzern angetrieben haben», sagte dazu der sichtlich verärgerte Joe Vonarburg (Syndicom).

Kampf gegen Poststellenschliessung: «Nichts als Schönfärberei»

Der Solothurner Gewerkschaftsbund verabschiedete auch eine Resolution, mit der er seinen Widerstand gegen den Kahlschlag der Post ankündigt. In der Resolution steht unter anderem, dass von den nur noch 44 Poststellen derzeit weitere 21 «überprüft» werden. «Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Schliessung dieser 21 Poststellen bereits beschlossene Sache ist. Dass die Post davon spricht, Poststellen sichern zu wollen, ist nichts als Schönfärberei.»
Nach einem kurzen Apéro ging es mit emotionalen Voten weiter: Vor der Parolenfassung für die Abstimmung über die Altersvorsorge 2020 referierten Doris Bianchi (pro, Schweizerischer Gewerkschaftsbund) und Nina Hüsser (contra, Co-Präsidentin JUSO Zürich) zur Vorlage, über die am 24. September abgestimmt wird.

«Finanzierung ist für zehn Jahre gesichert»

Grundsätzlich waren sich die beiden engagierten Frauen in ihrer jeweiligen Analyse einig: Die Erhöhung des Rentenalters der Frauen auf 65 Jahre ist eine Kröte, die schwer zu schlucken ist, in einer Zeit, da die Arbeitslosigkeit für über 55-Jährige ein immer grösseres Problem wird. Die Erhöhung der AHV um 70 Franken – die erste Erhöhung seit 42 Jahren – bezeichneten beide als begrüssenswert. «Mit einem Ja ist die Finanzierung der AHV für die nächsten zehn Jahre gesichert. Bei einem Nein ist zu befürchten, dass wegen der drohenden Unterfinanzierung der Druck der rechtsbürgerlichen Parteien in Richtung Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre noch grösser wird», erklärte Doris Bianchi ihr Ja zur Rentenreform.

«Die höheren Beiträge für Teilzeitarbeitende bringt zwar später einmal eine etwas höhere Rente, aber die höheren Abzüge fallen gerade für viele Frauen zu stark ins Gewicht», argumentierte Nina Hüssi gegen die Reform. Sie wäre für eine radikale Reform: «Wir müssen die Pensionskassen abschaffen und dieses Geld in die AHV integrieren. Die Pensionskassen arbeiten für ihren Gewinn und nicht für die Leute.»

Die anwesenden Gewerkschaften nickten zwar zustimmend, blieben jedoch pragmatisch. Oder wie es Nationalrat Philipp Hadorn sagte: «Mit dem Herzen würde ich ein Nein in die Urne legen, aber mein Kopf befiehlt mir ein Ja.» Dann brachte Claudia Mazzocco (Vpod) die Gefühlslage der Gewerkschafter auf den Punkt: «Ich stimme aus Vernunft Ja für die Leute, die in den nächsten Jahren pensioniert werden. Ich hoffe, dass dann in 30 Jahren jemand für mich solidarisch entscheiden wird, wenn ich in die Nähe der Pensionierung kommen werde.» Die grosse Mehrheit folgte diesem Votum und bei einer Gegenstimme und einer Enthaltung fasste der Solothurner Gewerkschaftsbund die Ja-Parole für die Abstimmung über die Altersvorsorge 2020.