Gewässerschutz
Der Kanton Solothurn will wissen, was an Chemie im Bach mitfliesst

Fünf zusätzliche Messstationen an kleinen Fliessgewässern dienen dem Kanton zur Erfolgskontrolle im Kampf gegen die Gewässerverschmutzung. Das Ziel: Möglichst wenig Giftstoffe ins Grund- und damit ins Trinkwasser gelangen zu lassen.

Urs Mathys
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Eine der neuen Messstellen des Kantons, hier jene am Moosbächli in Etziken

Eine der neuen Messstellen des Kantons, hier jene am Moosbächli in Etziken

Christian Bühler/zvg

Die amtliche Publikation zu einer Auftragsausschreibung tönt alarmierend: «Abbruch». Und die Begründung erst recht: «Kein anforderungsgerechtes Angebot ist eingegangen». Sind also die zusätzlichen Messstellen, mit denen das Solothurner Amt für Umwelt (AfU) doch die Wirksamkeit des Aktionsplans Pflanzenschutzmittel unter anderem im Gebiet Bucheggberg/Wasseramt überprüfen will, buchstäblich ins Wasser gefallen?
Magdalena Gisiger winkt ab: «Das Projekt ist auf Kurs», sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin im AfU. Tatsächlich seien auf die am 11. Januar 2019 erfolgte Arbeitsausschreibung keine Angebote eingegangen. Gisiger erklärt sich dies damit, dass es sich «um ein umfangreiches Arbeitspaket handelte, das sowohl die Planung und den Bau der Messstellen, als auch den Unterhalt und die Analytik beinhaltete». In dieser Situation war das AfU gemäss Submissionsgesetz frei, den Auftrag im freihändigen Verfahren zu vergeben. Was laut Gisiger dann auch geschah. Berücksichtigt worden seien Firmen, mit denen man bereits bisher zusammengearbeitet habe. Der Abbruch der Ausschreibung habe jetzt aus rechtlichen Gründen noch publiziert werden müssen.

«Schnelle Lösungen nur in seltenen Fällen möglich»

«Die Untersuchungen des Bundesamts für Umwelt bestätigen die bekannten Befunde im Kanton», sagt Kantonschemiker Martin Kohler auf Anfrage. Wichtigste Massnahme sei das vom Bund ausgesprochene Einsatzverbot des im Acker- und Gemüsebau eingesetzten Chlorothalonil.

Darüber hinaus wolle der Bund das weitere Vorgehen im Sommer schweizweit in einer Weisung regeln, so Kohler. Mit dem Massnahmenplan Pflanzenschutzmittel würden Kanton und Landwirte ihrerseits zunehmend grosse Anstrengungen unternehmen, um unerwünschte Gewässerbelastungen zu vermindern. Am wirksamsten ist demnach, Stoffe gar nicht erst einzusetzen, zumal heute zulässige Produkte sich dereinst ebenfalls als problematisch erweisen könnten.

Wo bei Wasserfassungen die Schadstoff-Höchstwerte nicht eingehalten werden können, müssten laut Kohler machbare Anpassungen erarbeitet werden. Dabei seien «schnelle Lösungen leider nur in wenigen Fällen möglich». Drei Wasserversorgungen im Kanton hätten deshalb Fassungen ausser Betrieb nehmen und neue Bezugspunkte erschliessen müssen. (ums.)

An zwei Stationen kann bereits gemessen werden

Die zusätzlichen Messstellen dienen der chemischen Pestizidüberwachung in landwirtschaftlich genutzten Gebieten: Im Bucheggberg am Limpach und am Mülibach, im Wasseramt am Moosbächli/Etzikerkanal, im Gäu an der Dünnern sowie im Dorneck an der Sternenbergquelle. «Vier der fünf Standorte befinden sich nun in der letzten Bauphase und werden auf ihre Funktionalität getestet, bevor sie Ende Mai abgenommen werden sollen», benennt Gisiger den Stand der Dinge. Beim Standort an der Dünnern gebe es wegen der aktuellen Coronasituation Verzögerungen bei der Messstellen-Einrichtung.
Mit den Stationen Limpach und Mülibach sind gemäss Gisiger die beiden wichtigsten Messstationen plangemäss bereits seit Anfang März in Betrieb und können erste Resultate liefern. «Ende Mai gehen dann die zwei Messstellen an der Sternenbergquelle und am Moosbächli in Etziken in Betrieb».

Erste Aussagen frühestens ab 2021 möglich

Die Risiken von Pestiziden für Mensch und Umwelt halbieren: Dieses Ziel verfolgt der Kanton Solothurn mit dem 2018 beschlossenen Aktionsplan Pflanzenschutzmittel. Dieser enthält unter anderem entsprechende Vorgaben für die landwirtschaftliche Nutzung in diesen Gebieten. Die zusätzlichen Messstationen sollen helfen, die Wirksamkeit des Massnahmenplans zu kontrollieren.
Die Stationen sind automatisiert und entnehmen von März bis Oktober stündlich Wasserproben, die im Labor analysiert werden. Die Messungen sollen vorerst bis 2025 durchgeführt werden; erste Erkenntnisse zum Gewässer zustand werden ab Februar 2021 erwartet. Eine abschliessende Bilanz wird für 2026 erwartet. An den Kosten von 150'000 Franken beteiligt sich das Bundesamt für Umwelt «massgeblich», wie es heisst.

Chlorothalonil: «Grenzwerte im Mittelland grossflächig überschritten»

Wie wichtig Massnahmen zur Reduktion der Grundwasserbelastung sind, zeigt die jüngste Publikation des Bundesamts für Umwelt (Bafu). Die Untersuchungen von 2017 und 2018 erlauben eine erste landesweite Einschätzung der Belastung des Grundwassers. Demnach überschreiten mehrere Chlorothalonil-Abbauprodukte (Metaboliten) den Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter im Grundwasser.

Insbesondere die drei Abbauprodukte R471811, R417888 und R419492 verunreinigen das Grundwasser in vielen landwirtschaftlich genutzten Gebieten des Mittellandes grossflächig. Werte von über 0,1 Mikrogramm pro Liter finden sich gemäss diesen Ergebnissen in den Kantonen Aargau, Bern, Freiburg, Genf, Luzern, Schaffhausen, Solothurn, Thurgau, Tessin, Waadt, Zug und Zürich. Zudem sind noch weitere Metaboliten vereinzelt nachweisbar, wie das Bafu schreibt.

Am stärksten ist das Grundwasser durch den Metaboliten Chlorothalonil R471811 belastet. Dieser weist in allen Fällen die höchsten Konzentrationen pro Messstelle auf, jedoch liegen bisher nur Ergebnisse einer geringeren Anzahl von 70 Messstellen vor. An einzelnen Messstellen erreichen die Konzentrationen dieses Metaboliten sogar mehr als 1 Mikrogramm pro Liter. Basierend auf den Daten dieser beiden Metaboliten kann grob abgeschätzt werden, dass R471811 im Mittelland an mehr als der Hälfte aller Messstellen den Wert von 0,1 Mikrogramm pro Liter überschreiten dürfte.

Da sich Grundwasser nur langsam erneuert und die Metaboliten von Chlorothalonil ausgesprochen langlebig sind, geht das Bafu davon aus, dass diese Verunreinigungen die Grundwasserqualität noch während Jahren in grösserem Ausmass beeinträchtigen werden. (mgt)

Grenzwertüberschreitungen von Chlorthalonil im Grundwasser des Mittellandes

Grenzwertüberschreitungen von Chlorthalonil im Grundwasser des Mittellandes

Bafu