Was das Ganze gebracht hat, darüber lässt sich bis heute streiten. Kann Werbung tödlich sein? Brauchen die Hersteller von Tabak und Zigaretten überhaupt Werbung? Ihre Produkte machen schliesslich ohnehin süchtig. Die Solothurner Stimmbürger jedenfalls stimmten vor zehn Jahren für die schärfsten Anti-Tabak-Regeln in der Schweiz.

Seit Anfang 2007 gilt nicht nur ein absolutes Rauchverbot in öffentlichen Räumen und Restaurants. Das Gesetz verbietet es auch, mit Plakaten auf öffentlichem oder privatem Grund, an gewissen Anlässen und mit Spots in Kinos für Tabakprodukte zu werben. Weiter ging zuvor kein anderer Kanton.

Solothurn ist somit der Musterschüler, auf den Präventionsexperten gern verweisen. Und jetzt, ein Jahrzehnt nach dem Plebiszit, könnte der Bund nachziehen: Das restriktive Werbeverbot für Tabakprodukte soll im ganzen Land gelten. Dem Kinospot für Zigaretten droht das endgültige Aus, dem Plakat ebenso. Der Bundesrat denkt dabei vor allem an Jugendliche. Geht es nach Gesundheitsminister Alain Berset, sollen weniger mit dem Rauchen beginnen. Noch in diesem Jahr wird das eidgenössische Parlament über die Pläne beraten.

Keine Kontrollen der Behörden

In Solothurn können die Bundespolitiker einiges darüber lernen, wie effektiv ein Werbeverbot ist. Aber auch darüber, wo dessen Grenzen liegen. Denn trotz Nulltoleranz: Dieser Zeitung sind Fälle bekannt, in denen Plakate mit Zigaretten auf Solothurner Boden geklebt worden sind. Und gerade in den Anfangszeiten des Verbots sollen in Kinos verschiedentlich noch Spots für Tabakprodukte zu sehen gewesen sein.

Ob Verstösse überhaupt entdeckt würden, bleibt offen. In den vergangenen Jahren sei kein einziger Verstoss angezeigt worden, heisst es beim kantonalen Gesundheitsamt. Die Behörde ist für die Tabakprävention zuständig. Derweil müssen Werbetreibende erst gar nicht damit rechnen, dass die Behörden ihnen auf die Schliche kommen. «Für aktive Kontrollen fehlen die Ressourcen», sagt Amtschef Heinrich Schwarz. Tatsächlich dürften sich solche wohl kaum lohnen.

Bevor die Solothurner Stimmbürger vor zehn Jahren über die Anti-Tabak-Regeln abstimmten, warnten besonders die Kinobetreiber vor den wirtschaftlichen Schäden eines Werbeverbots. Doch der Abstimmungskampf ist längst vergessen, die Kinos scheinen mit den Verschärfungen klarzukommen. Zu diesem Ergebnis kam eine Umfrage bereits vor zwei Jahren. Die wegfallenden Einnahmen seien spürbar gewesen, hätten aber grösstenteils kompensiert werden können.

Ähnlich klingt es hinter vorgehaltener Hand bei den Anbietern von anderen Werbeformen. Laut dem Bundesamt für Gesundheit sind die Auswirkungen der Verbote auf die Werbewirtschaft als «minim» einzuschätzen. Dies vor allem deshalb, weil die entsprechenden Ausgaben der Tabakkonzerne seit Jahren ohnehin stark sinken.

Junge vom Rauchen abhalten

Da ist jedoch eine Frage, die Bundespolitiker noch viel mehr interessieren dürfte: jene nach dem präventiven Nutzen des Werbeverbots. Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Untersuchungen zu den Einschränkungen im Kanton Solothurn fehlen. Das Innendepartement verweist aber auf die zahlreichen Studien zu dem Thema.

So kam etwa die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Schluss: Millionen Menschenleben liessen sich retten, wenn weniger Reklame für Zigaretten gemacht würde. Das Rauchen sei immer noch die Hauptursache von vermeidbaren Krankheiten. Ungeachtet dessen würden Tabakkonzerne «jährlich Milliarden ausgeben, um den Absatz ihrer Produkte zu fördern».

Die meisten der Studien zeigen, dass die Werbeverbote vor allem helfen, Jugendliche vom Rauchen abzuhalten. Sie gelten als wichtigste Zielgruppe der Werbung.

Hersteller sehen es anders

Anführer im Kampf gegen die Nikotinsucht ist die Lungenliga Solothurn. Präventionsleiter Christophe Gut sagt, das Werbeverbot habe den grössten Einfluss auf den Rückgang der Raucher unter den Jugendlichen.

Wie Schüler auf Tabakwerbung reagieren, beobachtet er bei Workshops an Schulen. «Zigaretten werden als Freiheitsgefühl verkauft, zu sehen sind junge, gesunde Menschen in der Natur oder beim Sporttreiben. Das suggeriert ein völlig falsches Bild.» Wirklich effektiv wäre nach Ansicht von Gut aber einzig ein komplettes und nationales Werbeverbot. Denn gerade auf Onlineanzeigen haben die kantonalen Gesetze keinen Einfluss.

Die Tabakindustrie beteuert dagegen stets, es gehe bei der Werbung nur um die Markenbindung von Rauchern und nicht darum, junge Menschen anzulocken. Auch die Hersteller haben Studien in Auftrag gegeben – und kommen darin wenig überraschend zu anderen Resultaten: Ein Präventionseffekt von Werbeverboten sei nicht nachweisbar.