HIV? Das Immunschwäche-Virus, das vor drei Jahrzehnten in aller Munde war? Damit steckt sich heute doch kaum noch jemand an. In Afrika vielleicht – aber in der Schweiz? Im Land, das Millionen für Prävention ausgibt und Medizin auf Spitzenniveau betreibt? HIV und Aids haben vieles von ihrem einstigen Schrecken verloren. Doch trotz aller Fortschritte ist das Virus auch in der Schweiz nicht besiegt. Immer noch werden jährlich Hunderte Menschen positiv darauf getestet.

Im Kanton Solothurn haben 2012 – gemäss Bundesamt für Statistik – 8 Menschen die Diagnose HIV-positiv erhalten, bei 3 Personen ist Aids ausgebrochen. Damit geht die Zahl der Fälle zwar zurück: Zwischen 2004 und 2007 waren es jeweils über 20 Fälle. Doch seit 1985 sind im Kanton insgesamt 553 positive HIV-Tests gemeldet worden. «Die Ansteckungsgefahr ist nicht kleiner als früher», warnt Karin Gloor. Sie ist Geschäftsführerin der Aids-Hilfe Aargau.

Seit die Aids-Hilfe Solothurn vor zwölf Jahren dichtgemacht wurde, lassen sich im Aargau auch Solothurner auf HIV testen und zu sexuell übertragbaren Krankheiten beraten. «Je nach Wohnort besuchen Betroffene die Fachstellen in Bern, Basel oder eben in Aarau», so Gloor. Einen Leistungsauftrag der Solothurner Behörden haben diese dafür nie erhalten, Geld schon gar nicht. «Aber wir können ja niemandem die Hilfe wegen einer Kantonsgrenze verweigern», sagt Gloor.

Keine spezifische Prävention

Früher war die Aids-Hilfe Aargau vor allem ein Ort für Betroffene. Heute setzt sie einen Grossteil ihrer Mittel für die Prävention ein. Nebst grossen Kampagnen gehören dazu auch Massnahmen, die sich spezifisch an Zielgruppen wie Schwule oder Jugendliche richten. Solch gezielte Arbeit sei im Kanton Solothurn kaum möglich, bedauert Gloor: «Wenigstens gibt es den Verein Lysistrada, der sich um die Prävention im Sexgewerbe kümmert.» Ähnlich klingt es bei Katharina Simonet, die bis zu deren Auflösung im Jahr 2001 Präsidentin der Aids-Hilfe Solothurn war. «Es sollte eine Fachstelle für sexuelle Gesundheit geschaffen werden», fordert sie.

Mehrmals hatte die damalige Aids-Hilfe mit dem Gesundheitsamt um Geld gerungen. Ohne Erfolg. «Das Amt fand, dass Solothurn keine Beratungsstelle für HIV und Aids braucht», erinnert sich Simonet. In einem Communiqué, das im November 2001 das Ende der Aids-Hilfe ankündigte, schrieb Simonet von «mangelndem politischen Willen und fehlendem Weitblick». Heute leitet sie beim Schweizerischen Roten Kreuz in Solothurn den Bereich Bildung und Migration, setzt so ihre Arbeit in der Sexualpädagogik fort.

Spitäler als Anlaufstellen

Wie geht es nach der Diagnose HIV weiter? Mit den Fachleuten der Aids-Hilfen können Betroffene ohne Umschweife über alle Fragen und Probleme sprechen, die sie beschäftigen. Im Solothurnischen bleiben als Anlaufstellen einzig die Spitäler in Olten und Solothurn. Thomas Stöckli, leitender Arzt für Infektiologie am Bürgerspital Solothurn, berichtet: «Wir betreuen in unseren HIV-Sprechstunden rund 50 Patienten.» Noch etwas mehr Patienten würden im Kantonsspital Olten behandelt. HIV-Infizierte erscheinen alle drei Monate zur Kontrolle, Aids-Kranke häufiger. «Wir beraten die Patienten auch, wie sie mit der Infektion und deren Folgen umgehen können», sagt Stöckli.

Tut sich bald was?

In der Akutphase, etwa zwei bis drei Wochen nach der HIV-Ansteckung, können Symptome wie Fieber oder Gelenkschmerzen auftreten. Diese verlaufen jedoch oft milde, viele Betroffene verkennen sie als Erkältung. Wird im Falle einer möglichen HIV-Ansteckung innerhalb von 72 Stunden reagiert, kann eine Notfall-Therapie Schlimmeres verhindern. «Die Chancen, dass die Infektion nach der Therapie noch ausbricht, sind gering», erklärt Thomas Stöckli. Entsprechende Medikamente seien auf den Notfallstationen in Olten und Solothurn immer griffbereit.

Wer mit HIV infiziert oder bereits an Aids erkrankt ist, bleibt im Kanton Solothurn nicht auf sich alleine gestellt. Die Spitäler behandeln Betroffene nicht nur, sie begleiten diese auch. In Sachen Prävention aber ist der Kanton ein Brachland. Nur noch in sechs kleineren Kantonen fehlt wie im Solothurnischen eine Aids-Hilfe. Immerhin: «Wir prüfen derzeit ein neues Projekt im Bereich der sexuellen Gesundheit», erzählt Katharina Simonet vom Roten Kreuz. Spruchreif, betont sie, sei jedoch noch nichts.