Rückfallgefahr

Der Kampf gegen das Rückfallrisiko – Algorithmus hilft bei Täter-Analyse

Muss der Straftäters auf Rückfallgefahr untersucht werden? Das bestimmt seit Januar der Computer mit.

Muss der Straftäters auf Rückfallgefahr untersucht werden? Das bestimmt seit Januar der Computer mit.

Verurteilte Straftäter sollen nicht rückfällig werden. Das ist auch das Ziel der Solothurner Justizbehörden, das nur schwer zu erreichen ist. Kann ein Computertool helfen, ihm ein Stück näher zu kommen?

Die Justizbehörden haben ein Ziel: Verurteilte Straftäter sollen, nachdem sie aus dem Gefängnis oder der Massnahme kommen, nicht mehr rückfällig werden. Ein grosses Ziel. «Darin besteht unsere tägliche Arbeit», sagt Lorena Rampa, Leiterin der Abteilung Straf- und Massnahmenvollzug Kanton Solothurn. Diese Arbeit soll seit Anfang Jahr mit dem «risikoorientierten Sanktionenvollzug» (ROS) erleichtert werden.

Was kompliziert klingt, steht für ein Vorgehen, mit welchem laut Rampa «effizienter und koordinierter» gearbeitet wird – in der ganzen Deutschschweiz. Kommt ein Verurteilter ins Gefängnis, wird ROS angewandt – mit dem Ziel dass die Rückfallgefahr so während des Vollzugs verringert wird.

Der Modellversuch ROS wurde unter anderen vom Kanton Zürich initiiert. Ausschlaggebend war der Fall eines Vorbestraften, der wiederholt Frauen misshandelte, eine bis zum Tod. Solche Fälle soll es nicht mehr geben. Seit 2016 wenden deshalb die Kantone des Ostschweizer Strafvollzugskonkordats ROS an. Seit Januar auch die in der Westschweiz. Auch der Kanton Solothurn übernahm das getestete Programm nach Absprache mit der Datenschutzbeauftragten.

Computer berechnet Risiko mit

Die Idee, dass Straftäter nach verbüsster Strafe wieder in die Gesellschaft integriert werden sollen, ist nicht neu. «Schon vorher haben wir risikoorientiert gearbeitet», sagt Rampa. Mit ROS gibt es neue Arbeitsmittel dazu. Etwa ein Computerprogramm – das «Triage-Tool». Es berechnet in bis zu 20 Minuten, was Mitarbeitenden der Vollzugsbehörde zuvor mit Stift und Papier ausgewertet haben: Welche Straftäter genauer unter die Lupe genommen werden müssen. Dazu geben die Mitarbeitenden Angaben zu Personalien, Vorstrafen und der aktuellen Sanktion in eine Maske ein. Dann spuckt das Programm einen Buchstaben aus: A, B, oder C. A bedeutet: Kein Abklärungsbedarf nötig. Bei B und C wird eine Risikoabklärung vorgenommen, wobei C bei Verbrecher schwerer Straftaten wie etwa Sexualdelikte erscheint.

Der Computer bestimmt, welcher Mensch rückfällig wird, und welcher nicht? Rampa verneint: «Das Triage-Tool ist kein Risiko-Prognose-Instrument. Es sagt uns nicht, wer gefährlich ist, und wer nicht», stellt sie klar. Es gebe nur Aufschluss darüber, ob eine vertiefte Analyse durchgeführt werden soll. Bei jemandem, der Diebstähle begangen hat, wird das weniger der Fall sein als bei jemandem, der eine Gewalt- oder Sexualstraftat verübt hat. Die Gefahr für Fehler bei ROS sei gering, da das Programm eine Auswertung übernehme, die schon vorher stattgefunden hatte – während die Behörden sich auf die Anklärungen konzentrieren.

Mit ROS wurden bisher 35 Straftäter im Kanton in die Kategorie A eingeteilt 13 Verurteilte kamen in die Kategorie B, 30 Täter schwerer Verbrechen in die Kategorie C. Diese Einteilung bleibt – ausser, ein neues rechtskräftiges Urteil falle milder aus als das bisherige.

Erfolg ist kaum messbar

«ROS ist der rote Faden, der sich durch den Vollzug zieht», erklärt Rampa. Das Triage-Tool bestimmt die Kategorie, die Kategorie bestimmt, ob es eine Abklärung braucht, das Resultat dieser Abklärung bestimmt, wie der Vollzug der Strafe oder Massnahme aussehen soll. Also etwa welche Therapie die Rückfallgefahr am ehesten vermindern könnte. «Es wird festgelegt, an welchen Themen zu arbeiten ist, wie vorgegangen wird, und wer welche Aufgaben hat», sagt Rampa. «So wird sichergestellt, dass nichts Wichtiges vergessen geht.» Der Vollzug darf laut Rampa nicht an der Kantonsgrenze aufhören. Kommt etwa ein Fall eines Berner Straftäters nach Solothurn, kann die hiesige Behörde mit den Daten arbeiten, die bereits in Bern erfasst wurden. «So sprechen wir alle die gleiche Sprache» – Vollzugsbehörden, Vollzugseinrichtungen, Therapierende und Betreuende.

Ob die Rückfallquote bei Straftätern so kleiner wird, lässt sich noch nicht sagen. Allgemein ist es laut Rampa schwierig, auf regionaler Ebene Rückfallquoten statistisch zu erfassen, da hiesige Täter auch andernorts straffällig werden können. Laut Statistik des Bundes liegt die Rückfallquotem bei Straftätern über alle Delikte und Altersklassen gesehen bei 20 bis 30 Prozent. Auch mit ROS wird es weiterhin Rückfälle geben, so Rampa. «100 Prozent Sicherheit gibt es nie. Aber wir können täglich unser Bestes geben.»

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