Es gibt wohl kaum eine schlimmere Vorstellung für frischgebackene Eltern als diejenige, dass ihr Baby sterben könnte. Von jährlich 80'000 geborenen Babys sterben in der Schweiz etwa 700 Kinder bereits im Mutterleib oder im ersten Monat nach der Geburt – die Eltern trifft damit ein schreckliches Schicksal.

An diesem Punkt setzt die Fachstelle «Kindsverlust.ch» an. Bei ihr finden Eltern von sogenannten «Sternenkindern» eine erste Anlaufstelle, beispielsweise für Beratungen, Rechtsauskunft und für die Vermittlung von Fachleuten zur weiteren Betreuung.

«Nach wie vor besteht eine Lücke im Gesundheitswesen, wenn es um die Betreuung und Begleitung von Familien beim Verlust ihres Kindes geht», erklärt Anna Margareta Neff, Hebamme und Trauerbegleiterin von der Fachstelle «Kindsverlust.ch». So sei es leider immer noch Glückssache, ob und wie betroffene Mütter und Väter beim Verlust ihres Kindes betreut werden.

Zuständig scheint sich dafür niemand zu fühlen: «Weder das Bundesamt für Gesundheit noch die Kantone oder die Spitäler. Das Thema ist immer noch ein Tabu», so die Hebamme. Hier springt der Verein ein mit kostenloser Unterstützung und Begleitung der betroffenen Eltern. «Kindsverlust.ch» finanziert sich über Spenden, die finanzielle Unterstützung von Kirchen und über Weiterbildungsangebote. «Es ist immer wieder schwierig, die Finanzierung unserer Fachstelle zu gewähren», so Neff.

«Als hätte das Kind nicht existiert»

In vielen Fällen haben betroffene Eltern das Bedürfnis, ihrem verstorbenen Kind einen würdigen Abschied zu ermöglichen und es auf einem Friedhof beizusetzen. Kinder, die vor der 22. Schwangerschaftswoche sterben, gelten aber als nicht meldepflichtig, werden also beim Zivilstandsamt nicht registriert. Für sie besteht kein offizielles Bestattungsrecht. «Für viele Eltern ist dieser Umstand sehr schmerzhaft. Es scheint dann fast so, als hätte ihr Kind gar nie existiert», erklärt Neff.

Auf dem Friedhof St. Katharinen in Solothurn gibt es seit vier Jahren eine halbkreisförmige Kindergedenkstätte, wo für nicht meldepflichtige Kinder ein Gedenkstein platziert werden kann. Beigesetzt werden die früh verstorbenen Kinder anonym auf der Rasenfläche vor den Namenssteinen. Mit der Gedenkstätte hat die Stadt Solothurn so etwas wie eine Pionierrolle eingenommen: «Vor etwa zehn Jahren haben solche Angebote noch praktisch gar nicht existiert», sagt Neff. Sie ist deshalb froh darüber, dass immer mehr Friedhöfe Grabfelder für früh verstorbene Kinder errichten und so einem wichtigen Bedürfnis nachkommen.

«Kein liebevolles Kindergrab»

Sancha Neururer ist Hebamme und ausgebildete Lebens- und Trauerbegleiterin für den frühen Kindstod und arbeitet im Bürgerspital Solothurn. Mit der Gestaltung der Grabstätte auf dem Friedhof St. Katharinen ist sie nicht zufrieden: «Ich bin ehrlich gesagt enttäuscht vom St. Katharinen. Die Eltern müssen genau den Stein auswählen, den der Friedhof vorschreibt. Auf der Rasenfläche, wo die verstorbenen Kinder anonym beerdigt werden, dürfen keine Gegenstände platziert werden. Auf mich wirkt die Kindergedenkstätte nicht gerade liebevoll», sagt sie.

Sie wünsche sich ein lebendiges, kinderfreundliches und farbenfrohes Kindergrabfeld, wie es etwa im bernischen Bremgarten der Fall sei. Bei der Stadt Solothurn nennt man praktische Gründe für die Regeln auf der Kindergrabstätte des St. Katharinen: «Der Rasen auf der Grabstätte muss regelmässig gemäht werden, deshalb sollen dort keine Gegenstände hingelegt werden», sagt Matthias Beuttenmüller, Chef der Einwohnerdienste der Stadt Solothurn. Einzig auf dem Kiesstreifen vor den Gedenksteinen dürfen Gegenstände platziert werden.

Unterschiedliche Praktiken

Auch in Oensingen soll, zeitgleich mit der Gesamtsanierung des gesamten Friedhofs, eine spezielle Kindergedenkstätte errichtet werden. Es sei aber noch zu früh, um genauere Angaben machen zu können, da die Planung noch ganz frisch sei, sagt Miriam Ulmann, Sachbearbeiterin Bau.

Was auffällt: Viele Gemeinden regeln nicht ganz klar, ob und wie nicht meldepflichtige Kinder eine Grabstätte oder einen Gedenkstein auf dem Friedhof erhalten. Anders ist es zum Beispiel in der Stadt Olten. Dort sieht das Friedhofsreglement eindeutig vor, dass auch nicht meldepflichtige Kinder normal beerdigt werden können.

Sancha Neururer freut sich darüber, dass einzelne Friedhöfe diese Möglichkeit anbieten. «Mein Traum wäre es, dass nicht meldepflichtige Kinder auf allen solothurnischen Friedhöfen mit Namen beigesetzt werden können», sagt sie. Gemäss ihrer Erfahrung lassen momentan die meisten Eltern ihre nicht meldepflichtigen Kinder kremieren und verabschieden sich von ihnen mit einem Ritual, bei dem sie die Asche verstreuen.

Weitere Informationen: kindsverlust.ch