Schulöffnung

«Der erste Tag lief bereits auf Hochtouren»: Anspruchsvolle Wochen für Schulsozialarbeit

Mit der Öffnung der Schulen werden die Probleme vermehrt sichtbar, mit denen Kinder und Jugendliche in den vergangenen Wochen kämpften. Die schulpsycholo­gischen Dienste und die Schulsozialarbeit sind gefordert. 

Statt ein kurzes Gespräch auf dem Schulhausplatz vier Anrufe daheim, statt eine Sitzung im Lehrerzimmer eine Videokonferenz: Es waren anspruchsvolle Wochen für die Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter im Kanton. Und die intensive Zeit könnte noch ein bisschen andauern; das zeigt eine Umfrage bei verschiedenen Schulen und Fachstellen. «Der erste Tag lief bereits auf Hochtouren», schreibt Lea Triller, Schulsozialarbeiterin in Grenchen. Sie ist gemeinsam mit zwei weiteren Schulsozialarbeiterinnen für die Schulkreise Eichholz, Halden, Kastels und Zentrum verantwortlich. «Es wurden uns mehrere dringliche Fälle oder Notfälle gemeldet. Und Schülerinnen und Schüler suchten die Sozialarbeit auf», schreibt sie weiter. «Der Dienstag tat es dem Montag gleich. Es wurden bereits persönliche Gespräche mit Schülerinnen und Schülern, Lehrpersonen und der Schulleitung geführt und persönliche Treffen vereinbart». 

Ähnlich tönt es aus Olten. Dort ist Schulsozialarbeiter Philipp Gemperle mit einer weiteren Schulsozialarbeiterin für die städtischen Schulen im Einsatz. «Wir gehen von mehr Anfragen aus. In der Schule sind die Karten unter den Schülerinnen und Schülern nicht fair verteilt, und nicht alle haben die gleichen Grundvoraussetzungen, um ihr Leistungspotenzial entfalten zu können», so Gemperle. «Fernunterricht verstärkt diesen Effekt zusätzlich, und hier kann sich für uns ein neues Arbeitsfeld auftun.»  

Nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land gibt es mehr Anfragen bei der Schulsozialarbeit. Das sagt Marianne Röser, die Bereichsleiterin Schulsozialarbeit von der Fachstelle Perspektive Region Solothurn-Grenchen. Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter der Fachstelle sind an Schulen in der Stadt Solothurn und den Bezirken Lebern, Bucheggberg und Wasseramt im Einsatz. «Jetzt zeigt sich erst, was eigentlich los ist. Schülerinnen und Schüler, die wir vorher nicht erreichen konnten, suchen jetzt den Kontakt und wir sehen, wo Bedarf besteht», sagt Röser.  

Die meisten Betroffenen brauchten schon vorher Betreuung 

Die Sorgen und Probleme der Kinder und Jugendlichen ähneln sich an allen Schulen. Hauptsächlich betroffen sind diejenigen, die schon vor dem Lockdown mit Problemen in der Familie kämpften. «Gewisse familiäre Spannungen, die bereits vor den Schutzmassnahmen bestanden haben, wurden durch diese verstärkt», schreibt Philipp Gemperle. Lea Triller ergänzt: «Für einige Kinder und Jugendliche stellt die Schule einen wichtigen Zufluchtsort dar, welcher mit der Schulschliessung weggefallen ist. Bei bereits belasteten oder instabilen Familiensystemen, wo absehbar war, dass der Lockdown eine zusätzliche Belastung darstellt, suchten wir proaktiv den Kontakt und gingen auf die Eltern zu.» Auch Probleme wie Schulabsentismus existierten laut den Schulsozialarbeitern im Fernunterricht weiter. «Da fällt es noch viel leichter, das iPad nicht mehr anzumachen und nicht erreichbar zu sein», schreibt Gemperle.  

Ein weiterer Grund dafür, dass die Anfragen bei den Sozialdiensten in den letzten Wochen abnahmen und jetzt wieder anziehen, ist, dass die Lehrpersonen ihre Schülerinnen und Schüler während dem Lockdown nicht im Schulzimmer erleben konnten. «Im Normalfall haben die Lehrpersonen einen sehr guten Blick für die Schülerinnen und Schüler. Geht es ihnen nicht gut, dann zeigt sich dies meist in irgendeiner Form auch im Klassenzimmer», so Gemperle. «Die Lehrpersonen haben dann die Gelegenheit, die Kinder und Jugendlichen anzusprechen und den Brückenschlag zu der Schul­sozialarbeit vorzubereiten, bevor der Leidensdruck der Betroffenen so hoch ist, dass sie von sich aus auf die Schulsozialarbeit zukommen.»  Zusätzlich sind in den vergangenen Wochen neue Sorgen dazu gekommen, die Eltern, Kinder und Jugendliche plagen. «Wir gehen davon aus, dass gerade in den Abschlussklassen eine grosse Unsicherheit im Umgang mit dem Einstieg in den Arbeitsmarkt da sein wird», nennt Gemperle ein Beispiel.  

Neben der Schulsozialarbeit sind auch die Schulpsychologischen Dienste momentan gefordert. Das schreibt Noémie Borel, die Co-Bereichsleiterin Fachpsychologie für Kinder- und Jugendliche im Volksschulamt Kanton Solothurn. Das Frühjahr sei auch in anderen Jahren die arbeitsreichste Zeit für die Schulpsychologinnen und Schulpsychologen. «Das wird dieses Jahr dadurch akzentuiert, dass einerseits andere Aufträge aufgrund der Schutzbestimmungen liegen geblieben sind», so Borel. «Andererseits rechnen wir aber auch damit, dass es vermehrt zu akzentuierten Lern- und Leistungsschwierigkeiten bei verschiedenen Kindern kommen könnte. Das ist vor allem bei den Kindern zu erwarten, die vorher schon gewisse Lernprobleme hatten und mit dem Fernunterricht gar nicht klarkamen.»  
Überstürzen wolle man aber nichts: «Es gilt, geduldig zu sein und den Kindern erst einmal Zeit zu geben, sich an die wieder veränderte Situation zu gewöhnen.»

Ein besonderes Augenmerk gelte momentan den Kindern, die früher schon Mühe hatten, die Schule zu besuchen. «Wir sind darauf vorbereitet, dass es zu einem Anstieg von Schul­absentismus kommen könnte. Kinder, die aus verschiedenen Gründen schon vor dem Fernunterricht Mühe hatten, die Schule zu besuchen, könnten jetzt Schwierigkeiten haben, den Wiedereinstieg zu meistern», so Borel.  

Autor

Rebekka Balzarini

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