Solothurner Spitäler
«Der Entscheid beschert grosses Leid»: Ärztegruppe schreibt offenen Brief

Ärztinnen und Ärzte fordern die Solothurner Spitäler AG dazu auf, die stationäre Abteilung der Kinderpsychiatrie nicht zu schliessen.

Rebekka Balzarini
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Bei Angst oder Depressionen brauchen Kinder zum Teil professionelle Hilfe, manchmal auf stationären Abteilungen.

Bei Angst oder Depressionen brauchen Kinder zum Teil professionelle Hilfe, manchmal auf stationären Abteilungen.

Sandra Ardizzone

Miriam war 14 Jahre alt, als sie nicht mehr konnte. Eigentlich heisst Miriam anders, sie möchte ihre Geschichte aber lieber anonym erzählen. Die Kantonsschülerin aus der Region Olten war depressiv, sie fiel in ein tiefes Loch. Essen, duschen oder Zähne putzen: All das schaffte Miriam nur noch mit Mühe. Zwar traf sich Miriam regelmässig mit einer Psychiaterin, um über ihre Probleme zu sprechen. Weil die Schülerin aber immer tiefer in ihre Depression abzurutschen drohte, brauchte Miriam eine engere Betreuung. Gemeinsam mit ihrer Ärztin entschloss sie sich dazu, einige Wochen in der stationären Abteilung der kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik in Solothurn zu verbringen. Dort stellten die Ärzte eine hohe Suizidalität fest. Aus einigen Wochen in der Klinik wurden drei Monate, später folgten weitere, etwas kürzere Aufenthalte in der stationären Abteilung und die Betreuung in einer Tagesklinik.

Heute ist Miriam 17 Jahre alt und es geht ihr wieder besser. Tagsüber besucht sie eine Tagesstätte in der Nähe ihres Wohnorts, wo sie sich auf eine Berufslehre vorbereitet. «Ich habe wieder Boden unter den Füssen gefunden», sagt sie. «Mittlerweile kann ich es auch verkraften, wenn etwas nicht wie geplant verläuft.»

Selbstständige Psychiater fordern Umdenken

Dass Miriam wieder Boden unter den Füssen gefunden hat, das verdankt sie laut eigener Aussage der stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie in Solothurn. Der Abteilung, die per Ende Jahr geschlossen und in die Universitätskliniken nach Bern, Liestal und Basel verschoben werden soll. Das hat die Solothurner Spitäler AG soH bekannt gegeben. Grund für die Schliessung sind laut der soH ein Mangel an Fachkräften und komplexere Krankheitsbilder von Kindern und Jugendlichen, die mehr Aufmerksamkeit benötigen (wir berichteten). Bei dieser Nachricht schrillten bei Miriam die Alarmglocken:

«Bei mir war es im Nachhinein die richtige Entscheidung, in stationäre Behandlung zu gehen. Aber ich hätte wohl nicht eingewilligt, wenn ich nicht in Solothurn einen Platz gefunden hätte», sagt sie. So wie Miriam dürfte es auch anderen Jugendlichen gehen. Davon ist eine Gruppe selbstständiger Kinder- und Jugendpsychiater überzeugt, die im Raum Solothurn tätig sind. In einem offenen Brief wenden sich die Ärztinnen und Ärzte an die soH und fordern die Verantwortlichen dazu auf, den Entscheid für die Schliessung zu überdenken. «Es ist vorhersehbar, dass der Entscheid vielen betroffenen Familien grosses Leid beschert. Er trifft die Schwächsten, welche sich nicht wehren können und keine Lobby haben», schreiben die Ärzte. «Eine Elterngruppe, welche auf die Barrikaden gehen könnte, fehlt für diese uneinheitliche Patientengruppe. Wer ein psychisch krankes Kind hat, exponiert sich nicht gerne. Er oder sie muss jederzeit mit Beschämungen und Vorurteilen rechnen.»

Die Ärztegruppe zeigt sich in dem offenen Brief besonders besorgt darüber, dass die Distanz zwischen dem Wohnort der Betroffenen und der stationären Klinik mit der Schliessung der Abteilung in Solothurn teilweise grösser wird. «Die Betroffenen sind angesichts der hohen Verletzlichkeit ganz besonders auf engmaschige, unterstützende Kontakte und den therapeutischen Einbezug ihrer Angehörigen angewiesen. Je grösser die Entfernung zwischen Wohnort und Klinik ist, desto weniger ist dies gewährleistet.»

Offener Brief an die Solothurner Spitäler

Liebe Solothurner Spitäler AG Sehr geehrte Damen und Herren

Sie haben sich dazu entschieden, die Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik in Solothurn auf Ende 2020 zu schliessen.

Als Gruppe der in diesem Fachbereich tätigen Ärztinnen und Ärzte fordern wir Sie eindringlich auf, Ihren Entscheid nochmals zu überdenken.

Es ist klar vorhersehbar, dass Ihr Entscheid vielen betroffenen Familien grosses Leid beschert. Er trifft die Schwächsten, welche sich nicht wehren können und keine Lobby haben. Eine Elternvereinigung, die auf die Barrikaden gehen könnte, fehlt für diese in sich uneinheitliche Patientengruppe. Wer ein psychisch krankes Kind hat, exponiert sich nicht gerne. Er oder sie muss jederzeit mit Beschämungen rechnen und begegnet auch heute noch tief verankerten Vorurteilen.

Behandlungsaufenthalte von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen dauern oft monatelang. Die Betroffenen sind angesichts ihrer hohen Verletzlichkeit ganz besonders auf engmaschige unterstützende Kontakte und den therapeutischen Einbezug ihrer Angehörigen angewiesen. Je grösser die Entfernung zwischen Wohnort und Klinik ist, desto weniger ist dies gewährleistet. Die Vernetzung mit der bisherigen Schule, die Kontakte mit den Peers, mit Sportvereinen und Freizeitgruppen sind erschwert. Moderne Kliniken arbeiten mit bedarfsgerecht gestuften Ein-, Aus- und Übertritten und mit Wechseln zwischen tagesklinischem und vollstationärem Setting. Im Rahmen des Reintegrationsprozesses werden die Kinder von der Klinik aus unterstützt und begleitet. Die Reintegration erfolgt in enger Zusammenarbeit mit der Schule oder der Arbeitsstelle vor Ort. Gute Kontakte zwischen der Klinik und den regional ansässigen sozialpädagogischen, sonderpädagogischen, sozialarbeiterischen, schulpsychologischen und weiteren Diensten sind wichtige Voraussetzungen für den Genesungsprozess. Regional gelingt die Umsetzung dazu am besten. Vom fernen universitären Zentrum aus hingegen ist es ein steiniger Weg.

Für kurzfristige Krisenplatzierungen macht die überregionale Zusammenarbeit auch aus unserer Sicht durchaus Sinn. Stationäre Regel- und Rehabilitationsbehandlungen hingegen gehören zusammen mit den teilstationären und ambulanten Angeboten ganz klar in die Region.

Wir sind gerne bereit, Ihnen und der neuen Chefärztin beim Wiederaufbau eines überzeugenden Angebots zur Seite zu stehen und haben - auf dem Hintergrund einschlägiger Erfahrungen - durchaus auch Ideen und Vorschläge, was die soH unternehmen kann, um für fachärztliche Kolleginnen und Kollegen wieder attraktiv zu werden.

Freundliche Grüsse

Claudia Manser, Daniel Barth, Dieter Nobs, Dominique Kamber, Esther Manser, Franziska Riederer, Madlaina Bartels-Rausch, Mireille Kurt, Volker Schmidt

Weil Kinder mit starken psychischen Problemen so viel Betreuung brauchen, ist es auch für die Eltern wichtig, dass ihre Kinder nicht zu weit vom eigentlichen Wohnort entfernt untergebracht werden. Das erzählt eine Mutter aus der Region Solothurn, deren 9-jährige Tochter für sechs Monate wegen Ängsten auf der stationären Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrie betreut werden musste. Aus Schutz für ihre Tochter möchte auch sie anonym bleiben. «Wir hatten mehrmals pro Woche Gespräche in der Klinik, bei denen verschiedene Betreuungspersonen dabei waren», erinnert sie sich. «Ich weiss nicht, wie wir das als Familie organisiert hätten, wenn wir pro Weg eine Stunde Fahrzeit hätten einrechnen müssen.»

Stationäres Angebot für gute Versorgung essenziell

Neben dem grossen zeitlichen Aufwand für die Angehörigen, der eine enge Betreuung der Kinder erschwert, fürchten die selbstständigen Ärzte auch eine erschwerte Rückkehr der Kinder und Jugendlichen in den Alltag. Denn auch die Vernetzung mit der Schule oder dem Sportverein ist laut den Ärzten nicht mehr gewährleistet, wenn die Kinder in einem anderen Kanton stationär untergebracht werden. Die Gruppe würde laut dem Brief an die soH deshalb einen Ausbau des ambulanten Angebots im Kanton, etwa mehr Tageskliniken, befürworten. Allerdings sei eine umfassende Versorgung von Betroffenen nur dann möglich, wenn diese ambulanten Angebote mit der Möglichkeit eines stationären Aufenthalts im Kanton kombiniert würden.