Sie werden als 1.-Mai-Redner in Solothurn auftreten. Welches wird Ihre Botschaft sein?

Markus Baumann: Ich rede zum Thema der nationalen Kampagne – «Mehr Schutz, mehr Lohn, mehr Rente». Es ist wichtig, den Angriff auf die Sozialversicherungen zu stoppen, den Schutz vor Lohndumping zu erhöhen sowie den Schutz der gewerkschaftlichen Rechte sicherzustellen.

Die Arbeitgeber sagen, dass insbesondere Forderungen nach mehr Lohn die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft schwächten und letztlich Arbeitsplätze verloren gingen. Was sagen Sie dazu?

Das ist eine kapitalistische Logik, die so gar nicht funktioniert. Es geht vielmehr darum, die in den vergangenen Jahren erzielten Produktivitätsgewinne gerecht zu verteilen. Das passiert aber nicht. Ausser in der Chefetage werden diese Gewinne nicht verteilt. Die Einkommensschere wird immer grösser.

Sind das wirklich die Themen, welche der Bevölkerung unter den Nägeln brennen?

Davon bin ich überzeugt. Jeder und jede spürt, dass der Druck am Arbeitsplatz stetig steigt, gleichzeitig die Entlöhnung stagniert. Aber die Argumente der Arbeitgeber, wonach Stellen gefährdet sind, fruchten offenbar.

Die deutliche Ablehnung der 6-Wochen-Ferieninitiative sendet ein anderes Signal: Die Arbeitnehmenden sind in der Regel zufrieden mit den Arbeitsbedingungen.

Das sehe ich nicht so. Der Druck auf die Arbeitnehmerschaft ist sehr hoch und damit verbunden die Angst um den Arbeitsplatz. Das Argument der Gegner, mehr Ferien gleich Stellenverlust, hat wie gesagt gewirkt. Die Angst wurde bewusst geschürt. Es war schade, dass die Gewerkschaft Travail Suisse nicht mit der Unia zusammengespannt hat. In der Argumentation der Initianten ist einiges schiefgelaufen. Man hätte verstärkt auf die dringend notwendige Umverteilung hinweisen müssen, ausgelöst durch die erwähnten Produktivitätsfortschritte.

Aktuell läuft die Mindestlohninitiative. Wird dieses Begehren bei einer allfälligen Volksabstimmung ebenfalls chancenlos sein?

Das Begehren hat durchaus Chancen. Dazu müssen wir eine präzis argumentierende Kampagne führen. Unterschriftensammeln ist das eine, der Kampf gegen die Gegnerschaft das andere. Ziel ist es, ein Leben in Würde für alle, die einen Vollzeitjob haben, zu ermöglichen. Gleichzeitig muss die Lohngleichheit zwischen Männern und Frauen erreicht werden. Das ist ein wichtiges Instrument für die Gleichstellung der Geschlechter.

Mit Ihrer Botschaft am Tag der Arbeit werden Sie, gemessen am Potenzial aller Arbeitnehmenden, nur einen Bruchteil erreichen. Lohnt sich der Aufwand?

Sicher, und so schlecht besucht ist der Umzug in Solothurn nicht. Tatsache ist aber, dass sich der 1.Mai mehr oder weniger als zusätzlicher Freitag eingebürgert hat. Die Arbeitnehmerschaft muss sich wieder vermehrt bewusst werden, was der Tag der Arbeit eigentlich ist. Es ist der einzige Feiertag, der weltweit und über alle Religionen hinweg begangen wird. Es ist eine Möglichkeit, um gemeinsam gegen Ungerechtigkeit und gegen Missstände anzukämpfen. Wenn es die Arbeiterschaft nicht schafft, auf die Strasse zu gehen, dann sägen wir uns den Ast ab, auf dem wir selbst sitzen.

Die Teilnehmerquote ist aber tief. Ist das Interesse nicht vorhanden?

Ich beobachte eher ein fehlendes Bewusstsein. Das Bewusstsein, dass die Errungenschaften wie der 13. Monatslohn, der Anspruch auf mindestens vier Wochen Ferien, die Gesamtarbeitsverträge mit geregelten Löhnen oder die Sozialleistungen nicht einfach vom Himmel gefallen sind. Dafür haben die Gewerkschaften gekämpft und jetzt müssen wir diese Errungenschaften auch verteidigen.

Engagieren sich die Menschen nur, wenn sie direkt betroffen sind?

Das ist ein Problem. Wir machen immer wieder darauf aufmerksam, dass eine Vollkaskoversicherung nicht erst nach dem Unfall abgeschlossen werden kann. Es braucht ein Engagement bereits vorher.

Das Beispiel Sappi geht in diese Richtung. 2011, im Jahr der Schliessung, gab es eine Rekordbeteiligung am Umzug.

Das Personal nutzte den Umzug als Hilfeschrei gegenüber dem harten Vorgehen des Sappi-Managements. Er war Teil von weiteren Aktionen wie Plakate aufhängen, Demo vor dem Rathaus oder Sternmarsch. Das Resultat war ernüchternd. Sappi zeigte sich unbeeindruckt und zog die Schliessungspläne, wie von Anfang an geplant, durch. Die Aktionen waren als Begleitmassnahmen in Ordnung. Im Nachhinein betrachtet hätten konkrete Aktionen, wie etwa das Abschalten der Maschinen, wohl mehr gebracht.

Trotz «Papieri»-Debakel gab es keinen Ansturm auf die Unia-Mitgliedschaft. Die Unia-Region Biel-Seeland und Kanton Solothurn verzeichnete ein Mitgliederplus von 0,3 Prozent.

Immerhin ist es eine Trendwende. Denn in den Vorjahren mussten wir jeweils Mitgliederverluste hinnehmen. Der Zugang zur Gewerkschaft ist besser geworden. Wir sind mit einer Überalterung der Mitglieder und damit mit vielen Abgängen konfrontiert. Der Zulauf an Neumitgliedern hält auch im laufenden Jahr an.