Es geschah nie aus heiterem Himmel. Der Bieler Amok-Rentner Peter Hans Kneubühl war den Behörden bestens bekannt, bevor er um sich schoss. Der Brandstifter von St. Ursen war bereits aktenkundig. Und der Amok-Schütze, der im November 2011 die Solothurner Weststadt in Atem hielt, hatte wirre Traktate im Internet veröffentlicht. «Es gab in allen Fällen eine Vorgeschichte und Warnsignale», sagt Thomas Zuber, Kommandant der Kantonspolizei Solothurn. «Die Informationen über die Personen wären da gewesen. Aber man hat sie nicht ausgetauscht.»

Das soll sich ändern: Wer ein stark bedrohliches Verhalten zeigt, könnte künftig auf einer Liste potenzieller Gewalttäter landen. Der Kanton erarbeitete seit letztem Jahr ein kantonales Bedrohungsmanagement zur Früherkennung. Jetzt wird das Pilotprojekt umgesetzt. Die Federführung liegt bei der Kantonspolizei.

Drei Pfeiler nennt Zuber: Erkennen, einschätzen und entschärfen. In jedem Amt ist eine Person geschult worden, an die sich betroffene Mitarbeiter bei Drohungen wenden können. Diese Ansprechperson leitet die Daten über die auffällig gewordenen Personen an die Polizei weiter. Die definitive Einschätzung, in wem ein bedrohliches Gewaltpotenzial schlummert, nimmt eine Fachkommission aus Mitarbeitern der Polizei, des Oberamtes, des Amtes für Justizvollzug und Psychiatrie-Experten vor. «Diese Art der Vernetzung ist einmalig», sagt Zuber. Andere Kantone interessieren sich für das Projekt.

Kommissar Computer ermittelt

Spektakulär ist der Einbezug des Computers. Die Kapo nutzt unter anderem ein Programm der Technischen Universität Darmstadt. Anonymisiert beantwortet die Polizei am Computer Fragen zum Verhalten und zum Umfeld der Person. Das Programm gibt daraufhin eine Risikoeinschätzung ab. Grundlage bilden Amokfälle der Vergangenheit. Ob das Programm das Gewaltpotenzial des Solothurner Amok-Schützen erkannt hätte, ist nicht überprüfbar. «Es ist zu schwierig, dies im Nachhinein zu beurteilen», sagt Zuber.
Es ist nicht der erste Einsatz von Kommissar Computer bei der Kapo. Eine ähnliche Analyse-Software besteht bereits für Risiko-Analysen von Amoktätern an Schulen. Bei Sexualdelikten verwendet die Polizei ebenfalls ein Computerprogramm zur Tätersuche. Es erfasst die «Handschrift» des Täters: So trete ein extrovertierter Sexualtäter immer anders als ein introvertierter Täter mit dem Opfer in Kontakt, sagt Zuber.

Das Bedrohungsmanagement will auch den Mitarbeitern des Kantons mehr Sicherheit vermitteln: Ein Handbuch rät, wie mit Drohungen, Stalking oder Waffengewalt umzugehen ist. Hintergrund bildet eine Studie über Bedrohungen auf den Ämtern. «Es ist erschreckend, wie oft es zu Drohungen kommt», sagt Zuber. Von über 200 befragten Personen waren 60 Prozent bereits Drohungen ausgesetzt, 33 Prozent gar körperlicher Gewalt.

Präventiv Gewalt verhindern

Darf die Polizei jemanden aufgrund von Computerergebnissen vorsorglich verdächtigen? «Wir sind uns der Problematik des präventiven Handelns bewusst», sagt Zuber. Niemand werde einfach so vorsorglich verdächtigt. Die Person müsse zu diesem Zeitpunkt bereits auffällig geworden sein. «Wie überall geht es um Verhältnismässigkeit», sagt Zuber. Das Fachteam, das die Fälle beurteilt, setze die Grenzen. Es entscheidet über die Massnahmen, nicht der Computer. Klar ist für Zuber: Allein die Personalressourcen setzen Grenzen. Derzeit koordiniert eine Korpsangehörige das Projekt. Zuber betont, dass die Risikoeinschätzung am Computer nicht im Mittelpunkt eines Falles stehe. Wichtiger seien die Vernetzung der involvierten Stellen und Massnahmen zur Entschärfung.
Straffällig muss eine Person nicht geworden sein, damit sie mit den Massnahmen des Bedrohungsmanagements konfrontiert wird. Polizei oder Psychologen können Gespräche mit der erfassten Person führen, die Erwachsenenschutzbehörde kann eingreifen, mögliche Opfer dürfen gewarnt werden.

Die Sicherheit der Bevölkerung legitimiere das Projekt, sagt Zuber. «Gefahrenabwehr ist ein Kernauftrag der Polizei. Es geht darum, Gewalttaten möglichst zu verhindern.» Das Bedrohungsmanagement bezwecke den Schutz der höchsten Rechtsgüter, mithin der körperlichen, sexuellen und psychischen Integrität potenzieller Opfer, so Zuber. 2012 hat der Regierungsrat 180 000 Franken für das Projekt genehmigt.

Als «Querulantendatenbank» hat das Bedrohungsmanagement bereits für Schlagzeilen gesorgt. Nörgler und Stänker, die auf Ämter schon Mal ausrufen, sind laut Zuber damit nicht gemeint. «Es geht nicht um Querulanten, sondern um konkrete Bedrohungsfälle mit hoher Gewaltbereitschaft.» Stand heute befindet sich noch niemand auf der Liste. Rund 40 Personen kämen aber infrage, wie Abklärungen im Vorfeld zeigten.