Kanton Solothurn

«Der Buchhandel ist nicht tot, er hat lediglich das Wasser an der Nase»

Fred Stähli von der Buchhandlung Lüthy und Stocker in Solothurn bleibt zuversichtlich.

So geht es dem Buchhandel im Kanton Solothurn nach elf Jahren mit freien Buchpreisen. Ist das damals prophezeite Horrorszenario eingetroffen?

Vor elf Jahren brach in vielen Buchhandlungen die blanke Panik aus: In der Schweiz sollte das Gesetz der Buchpreisbindung aufgehoben werden. Befürworter der Aufhebung appellierten an den sparsamen Konsumenten; das Kartell führe zu überteuerten Buchpreisen, ein freier Markt müsse her. Die Gegner der Gesetzesänderung befürchteten durch die Aufhebung der Buchpreisbindung ein Massensterben von Schweizer Buchhandlungen, Kulturverarmung und massive Umsatzeinbussen. Doch welche Befürchtungen sind tatsächlich eingetroffen? Und wie geht es den Buchhandlungen im Kanton Solothurn heute?

Laut dem Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband mussten seit 2007 allein in der Deutschschweiz knapp 100 Buchhandlungen ihre Türen schliessen. Allerdings gab es in den letzten Jahren wieder einige Neueröffnungen. Auch die Prognose der sinkenden Buchpreise hat sich bewahrheitet: Der Durchschnittspreis über alle Bücher gesehen lag im Jahr 2016 bei 20 Franken, das ist 20 Prozent weniger als noch vor 10 Jahren. Dies und der Rückgang der Stückzahl verkaufter Bücher um 2,5 Prozent führten zu massiven Umsatzeinbussen; in der Deutschschweiz ging der Umsatz 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 4,2 Prozent zurück. Ganze 23 Prozent sind es im Vergleich zum Jahr 2008. Und das alles nur aufgrund des freien Buchpreises?

Nur wegen freiem Buchpreis?

Klingt erst einmal so, als wäre das Horrorszenario tatsächlich eingetroffen. Doch ganz so einfach sei es nicht, erklärt Dani Landolf vom Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband SBVV. An der ganzen Sache ist nicht nur der freie Buchpreis schuld; wichtige Faktoren für die Veränderungen seien zudem der schwache Euro und Onlinegrosshändler wie Amazon. Internetbuchhändler bieten im Vergleich zu stationären Buchhandlungen keine Infrastruktur, keine Beratung von Personal mit Buchhändlerausbildung und kein von ebendiesem Personal ausgewähltes Sortiment.

Stationäre Buchhandlungen brauchen zudem eine Ladenfläche, welche oft mit hohen Kosten verbunden ist. Ohne diese Kosten hätten Onlinehändler die Möglichkeit, ihre Bücher verhältnismässig günstig anzubieten, erklärt Fred Stähli, Geschäftsleitungsmitglied der Buchhandlung Lüthy und Stocker mit Hauptsitz in Solothurn. «Besonders Händler aus dem Ausland können uns preistechnisch praktisch immer unterbieten», fügt er an.

Fakt ist, dass rund 80 Prozent der Bücher aus dem Euroraum importiert werden und die Preisgestaltung fast eins zu eins mit dem Eurokurs verbunden ist. Zudem können Buchhändler den Preis der Bücher zwar selber gestalten, ihn laut Landolf aber nicht masslos in die Höhe treiben.

Urs Bütler von der Buchhandlung Schreiber in Olten ist gar der Meinung, dass eine Buchhandlung nicht von gebundenen Buchpreisen abhängig sein darf. «In unserer Branche hat es immer Herausforderungen gegeben, und diese gilt es mit innovativen Ideen zu bewältigen», ist er überzeugt.

Das gedruckte Buch lebt

Die Entwicklungen haben laut Bütler auch ihre guten Seiten. Früher musste man den Preis der Bücher nicht hinterfragen, heute ist er bei jedem Buch zu rechtfertigen. Dies führte zu einem grossen Engagement der Buchhandlungen, welche sich um ihre Kunden bemühen mussten. Neue Dienstleistungen wie das Nach-Hause-Liefern von Büchern oder das Einschliessen in die Buchhandlung nach Ladenschluss werden angeboten.

Urs Bütler von der Buchhandlung Schreiber in Olten glaubt, dass eine Buchhandlung nicht von gebundenen Buchpreisen abhängig sein darf.

Urs Bütler von der Buchhandlung Schreiber in Olten glaubt, dass eine Buchhandlung nicht von gebundenen Buchpreisen abhängig sein darf.

Auch Stähli ist überzeugt: Der stationäre Buchhandel sei nach wie vor gefragt. Er müsse eben einfach ein attraktives Sortiment und Erlebnisse anbieten – Bestseller finde der Leser an jeder Ecke. «Eine Buchhandlung muss den Leser auf eine Erlebnisreise mitnehmen können», fasst Stähli zusammen. Aber ein Geheimrezept, um die Zukunft des Buchhandels zu sichern, habe er nicht. «Sonst hätte ich es schon längst patentieren lassen», fügt er lachend hinzu. Leser schätzten den Besuch in der Buchhandlung und den direkten Kontakt zu Fachpersonen.

«Der Buchhandel ist nicht tot, er hat lediglich das Wasser an der Nase. Aber das ist nicht ganz neu und wir sind gute, kreative Schwimmer», sagt Dani Landolf. Den Humor scheint man in der Buchhandelsbranche jedenfalls noch nicht verloren zu haben.

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