Die Bilder gingen nicht um die Welt, aber immerhin durch Hunderttausende Schweizer Stuben. Der Moment am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest, als Philipp Roth im letzten Gang den legendären Arnold Forrer flachlegte und damit für einen der emotionalsten Momente in Estavayer sorgte.

In Tränen aufgelöst, hievte sich der sonst so beherrschte 190 cm grosse und 140 kg schwere Sennenschwinger in die Arme seiner nicht minder aufgelösten Mutter. Der 21-jährige Biberister hatte soeben geschafft, was ihm zwar alle zugetraut hatten, aber niemand wirklich für möglich hielt. Zumal er sich im Februar an der Schulter verletzt hatte und erst Anfang Juni wettkampfmässig eingreifen konnte.

Mit dem Sieg über den sechsfachen Eidgenossen und mit 142 Kränzen diesbezüglicher Landesrekordhalter sicherte sich Roth das edelste aller Eichenlaube und darf sich fortan «Eidgenosse» nennen. Der sanfte Riese gehört damit zum Adel im Reich der Hosenlupf- und Wyberhaken-Zünfter. «Ich hab mir die Szene seither ein paar Mal angeschaut und kann es immer noch nicht richtig fassen», sagt er. Er, der in Biberist aufwuchs und immer noch da wohnt, jedoch für die Berner schwingt (s. Box).

Er, der er den Forrer plattwalzte und damit dem «Showman» die Show stahl. Es sollte der siebte eidgenössische Kranz für Forrer und ein weiterer Eintrag in die Geschichtsbücher für den 37-jährigen Toggenburger werden. Ein bisschen auch in der Annahme, dass Forrer den jungen Roth, der bis dahin 2016 drei Kränze gewonnen hatte, packen würde, liess man die beiden in der Finalissima aufeinander los.

Doch nichts wurde es mit der Ehrerbietung für den Edel-Haudegen. Als der König von 2001 in Nyon – Roth war damals 6-jährig – nun zum Übersprung anzog, geriet er kurz aus der Balance. Roth konterte blitzschnell, bodigte den Meister und parkierte ihn zwischen den Holzspänen. So überschwänglich der Jubel des Jungen in dem Moment, so grantig trat Forrer von der eidgenössischen Bühne ab. 2019 in Zug wird der Ostschweizer kaum mehr dabei sein.

So was von glaubwürdig

2019 in Zug definitiv dabei, sofern er gesund bleibt, ist Philipp Roth. «Ich hoffe es doch», sagt der bescheidene und gewinnende «Mocken» in der «Suteria» in Solothurn. Roth ist gerade aus den Ferien zurück. Die Treichel, die er sich als unvergängliche Erinnerung aus dem millionenschweren Gabentempel in Estavayer ausgesucht hat und der Kranz thronen jetzt in der elterlichen Stube.

Sie werden Philipp Roth immer an den grossen Moment mahnen und ihn anspornen, wenn er fortan als Eidgenosse eingeteilt und härter denn je angefasst wird. Dass er ein Siegschwinger ist, hat Roth bereits 2012 bewiesen, als er beim Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag in Entlebuch in seinem Jahrgang triumphierte.

Wird er bald zum Popstar oder zu einem Zwilchhosen-Gott gemanagt, wie es den Schwingern nun geschehen kann, seit der Sport so populär wurde? TV-Spots, Illustrierte, Boulevard-Blätter ... «Das wäre mir alles viel zu viel», sagt Philipp Roth. «Ich bin eher der Typ, der sich im Hintergrund hält.» So könne er sich selber bleiben. Der Wasserämter mit Berufsmatura ist glücklich mit seinem Job, mit seiner Freundin, seiner Familie, seinen Freunden, seiner Gitarre, zu deren Klängen er am liebsten singt «wenn mich niemand hört», und wenn er im Schwingen seine derzeit elf Stück umfassende Kranzsammlung sukzessive vergrössern kann. «Ich schwinge nicht, um reich werden», sagt Roth.

Allein das Foto-Shooting in den Gassen Solothurns rötet Roths Wangen. «Das ist fast anstrengender als im Sägemehlring», sagt er. Wenn da nun noch Fernsehkameras, wild gestikulierende Regisseure und Aufnahmeleiter, eine gehetzte, zapplige Visagistin zugegen wären, um ihn ins rechte Licht zu rücken, irgendwann würde Roth wohl sagen: «Tschüss zäme». Obwohl ihm das sein hochanständiges Wesen verbietet.

Mit dem Kranz ins Büro

Überhäuft von Glückwünschen via Handy und schüttelnden Händen wurde er nach Estavayer allemal. Und auch Karten, Briefe und Telefonate bekam er «en masse». «Zum Teil von Leuten, von denen ich es niemals erwartet hätte.» Von Kollegen, die er vom Militär oder der Schule her kenne etwa. Auch vom Gemeindepräsidenten aus Biberist und von seinem Chef bei der Packsys Global in Burgdorf. «Ich soll am Montag den Kranz ins Büro bringen, hat es geheissen», sagt Roth. Das wird er auch tun. Die Kollegen möchten das Adelsprädikat schliesslich sehen.

Just nach dem «Eidgenössischen» verbrachte der Solothurner eine Woche Ferien auf der Riederalp. «Mit Lädele, Wandern, Wellnessen und Entspannen ...» Ein Preis, den er «am Berner Kantonalen» gewonnen hatte. «Das ich diese Ferien als Eidgenosse machen würde, hätte ich mir nicht wirklich erträumt», lächelt er.

Vom «neuen» Ruhm bekam denn auch seine Freundin ihren Teil ab. «Sie wurde oft angefragt oder angeschrieben, ob sie meine Nummer oder Adresse weitergeben könne, damit man mir gratulieren kann.» Und? Wird die Freundin nun die Managerin, wie das öfter Mal vorkommt. Roth lacht: «Wir haben tatsächlich davon gehabt, aber mehr zum Scherz.» Nun, vielleicht wird aus Spass ja noch ernst ...