«Familienunternehmen in der Hand einer aktiven Eigentümerschaft funktionieren etwas anders.» Das sagt Benjamin Reinmann, der seit vier Monaten die traditionsreiche Bettlacher Medtech-Firma Mathys AG als neuer CEO führt. Er weiss, wovon er spricht. Während zwölf Jahren arbeitete Reinmann für die Insulinpumpenherstellerin Ypsomed AG in Burgdorf, zuletzt als Chief Operating Officer (COO). Dort führte bis Mitte 2014 Firmengründer und Patron Willy Michel das Zepter, bis er die Führung an seinen Sohn Simon Michel übergab. Als Verwaltungsratspräsident nimmt Willy Michel aber immer noch Einfluss auf die Entwicklung der mehrheitlich der Familie gehörenden Ypsomed.

Fühlt sich nicht als Übergangslösung

Bei der Mathys AG ist die Konstellation ähnlich. «Deshalb habe ich gewusst, was auf mich zukommen wird», meint Benjamin Reinmann lachend. Er könne von seinen Erfahrungen bei den Burgdorfern für die neue Herausforderung sicher profitieren. Bis im vergangenen August leitete Hugo Mathys in zweiter Generation das Familienunternehmen mit starker Hand. Als Verwaltungsratspräsident bleibt er aber präsent. «Wir treffen uns wöchentlich zum Austausch, besprechen anstehende Herausforderungen und die strategische Ausrichtung», berichtet Reinmann. Er habe aber genügend Freiraum, um seine Aufgaben als externer CEO anzugehen. Sein Auftrag: Das langfristige Wachstum und das Bestehen der Firma zu sichern.

Der studierte Mediziner mit Doktortitel fühlt sich nicht als «Übergangslösung», obwohl mit Livio Marzo und Roger Mathys bereits die dritte Familiengeneration im Verwaltungsrat des Unternehmens sitzt. «Sie hätten zwar das Amt des CEO durchaus ausüben können, sie wollten aber nicht.» Das sei alles im Vorfeld der Anstellung offen und transparent diskutiert worden. «Der Verwaltungsrat habe sich danach bewusst für eine externe Lösung entschieden», hält Reinmann fest. So sei die Übergabe an der Firmenspitze gut verlaufen. Kurz: «Ich bin gut angekommen und mit offenen Armen in Bettlach empfangen worden.» An allen Standorten spüre er die Leidenschaft und das Feuer seitens der
Belegschaft.

Medizinaltechnik «richtige Branche»

Auf die Frage, warum er als Mediziner die Karriereleiter als Manager und eben jetzt als Konzernchef eingeschlagen habe, ist der im Oberaargau wohnhafte Reinmann vorbereitet. Nach dem Studium wirkte er als Assistenzarzt am Berner Kinderspital. Dort sei im Klinikalltag die anfängliche Begeisterung rasch der Ernüchterung gewichen. Es habe ihm die Leidenschaft gefehlt. «Ich habe festgestellt, dass mich Management-Aufgaben mehr faszinieren.»

Nach vielen schlaflosen Nächten habe er sich dann gegen die Karriere als Arzt entschieden, erinnert sich der 48-Jährige. 2002 habe er die Chance gepackt und seine «zweite» berufliche Karriere bei der Disetronic in Burgdorf, der heutigen Ypsomed, gestartet. Nach einem kurzen Abstecher als COO beim Automobilzulieferer Forteq in Nidau – «das war für mich eine fremde Welt» – führte ihn der Berufsweg nun zur Mathys AG. Er habe gespürt, dass die Medizinaltechnik eben doch seine Branche sei.

So sieht sich Benjamin Reinmann nun am richtigen Ort angekommen. Die Mathys AG ist seit dem Verkauf des Bereichs Osteosynthese (Platten, Schrauben und Nägel) im Jahr 2003 an die damalige Synthes spezialisiert auf die Entwicklung und Produktion von Hüft-, Schulter- und Kniegelenken, der sogenannten Prothetik. Rund 95 Prozent des Umsatzes entfallen denn auch auf diesen Bereich. Den Rest erwirtschaftet der Betrieb mit synthetischem Knochenersatzmaterial und mit der Sport-Orthopädie.

Kostendruck und Regulierungswut

Mit einem Umsatz von rund 120 Millionen Franken (siehe Kasten) ist die Mathys AG im Konzert der konkurrierenden Weltkonzerne nur ein «Kleiner». Dementsprechend gross sind die Herausforderungen, um die Unabhängigkeit und das Bestehen zu sichern. Reinmann nennt drei Hauptpunkte: Der Kostendruck im globalen Gesundheitswesen sei extrem. «Der Preiszerfall beträgt rund zwei Prozent pro Jahr.» Die Verschärfung der Regulierung, insbesondere im EU-Raum, führe zu einem massiven Anstieg des Aufwandes.

Nach dem Skandal um fehlerhafte Brustimplantate in Frankreich werde die gesamte Branche «abgestraft». «Die Entwicklungszeit für ein neues Produkt bis zur Markteinführung hat sich von drei auf sechs Jahre verdoppelt.» Der starke Franken bringt bei einem Unternehmen mit einem Exportanteil von 75 Prozent die Marge unter Druck. «Die derzeitige Abschwächung des Frankens bringt zwar eine leichte Entspannung, aber die Währung bleibt überbewertet.»

Die Rezepte zum Überleben sind für Reinmann klar. «Wir müssen einerseits wachsen und gleichzeitig die Herstellung weiter automatisieren, um die Kosten noch stärker zu senken und um effizienter zu werden.» Deshalb finde der produktionsmässige Ausbau vorab in den beiden Werken in der Nähe von Leipzig statt. Am Standort Bettlach soll das aktuelle Niveau erhalten bleiben. Von den insgesamt rund 170 in der Produktion arbeitenden Angestellten seien rund 60 in Deutschland beschäftigt.

Ebenfalls werde die hohe Fertigungstiefe im Werk Bettlach ständig überprüft. Eine komplette Auslagerung der Fertigung sei aber derzeit kein Thema.
Im Wettstreit mit Milliardenkonzernen sei zudem die stetige Innovation zwingend. «Wir müssen in der Produkteentwicklung schneller sein als die Konkurrenz», betont Reinmann. Diese Fokussierung auf die Erneuerung der Produktepalette lässt sich das Unternehmen auch einiges kosten. Rund acht Prozent des Umsatzes werden in die Forschung und Entwicklung investiert.