Kolumne
Der anonyme Hasser

Die Kolumne von Pedro Lenz über einen Briefschreiber, der Hass sät und Beklemmung auslöst.

Pedro Lenz
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Pedro Lenz bekommt Briefe von einem anonymen Hasser. (Symbolbild)

Pedro Lenz bekommt Briefe von einem anonymen Hasser. (Symbolbild)

Aargauer Zeitung

Irgendwo dort draussen lebt einer, der mich abgrundtief hasst. Ich weiss nicht, wer es ist, weiss nicht, wie er aussieht, weiss nicht, wo sein Hass herkommt, weiss nicht, was ihn antreibt, weiss nicht, wo er wohnt. Es ist sehr gut möglich, dass wir uns persönlich noch nie begegnet sind und nie begegnen werden. Aber er schreibt mir regelmässig kurze, anonyme Botschaften voller Hass und Wut und Bösartigkeit.

Das ist zuweilen ein bisschen beunruhigend, weil ich nicht wissen kann, ob er gefährlich ist oder nur feige. Man liest ja hin und wieder in der Zeitung über Amokläufer, dass sie vor dem definitiven Durchdrehen vergeblich versucht haben, durch auffälliges Verhalten oder mysteriöse Botschaften auf sich aufmerksam zu machen.

«Gib doch diesem Irren nicht so viel Raum!», sagen meine Freunde, wenn ich ihnen die anonymen Briefe zeige. Zwar sind sie auch ein bisschen schockiert über Inhalt und Tonfall, aber sie plädieren einstimmig dafür, den Hasser zu ignorieren: «Schmeiss einfach alles weg, was er dir schickt, und denk nicht mehr daran.»

Mir fällt es schwer, diesen Ratschlag zu befolgen, wie es mir überhaupt oft schwerfällt, andere Menschen nicht ernst zu nehmen. Vielleicht sind die Briefe des Hassers ja bloss verzweifelte Schreie nach Anerkennung. Vielleicht hat er niemanden, mit dem er sich normal austauschen kann. Und vielleicht hat er sogar zu Hause ein richtig grosses Waffenlager, wie der Typ aus Las Vegas, der eben noch die Welt geschockt hat und jetzt schon aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden ist.

Ich würde mir für meinen Hasser wünschen, dass er ein lebenswertes Leben führt, dass er weiss, wie er seine Zeit sinnvoll gestalten kann, dass es ihm finanziell und gesundheitlich gut geht, dass er ein paar Menschen kennt, die ihn lieben und die er lieben kann.

Es wäre beruhigend zu wissen, dass er genügend freie Zeit hat, dass er in dieser freien Zeit zum Beispiel viele schöne Briefe schreibt, und dass nur die Briefe, die er mir sendet, so destruktiv und aggressiv sind. Beruhigend zu wissen wäre es ausserdem, wenn der anonyme Hasser gar kein Hasser ist, sondern nur ein kleiner Spassvogel, der einen ziemlich bizarren Sinn für Humor hat und diesen ein bisschen ausleben will.

Gerne würde ich meinen Hasser auf einen Kaffee oder einen kleinen Spaziergang treffen und mich mit ihm über das Schreiben im Allgemeinen und das Verfassen anonymer Hasstiraden im Besonderen unterhalten. Nur ist es leider unmöglich, mit ihm Kontakt aufzunehmen, solange ich nur seine Handschrift kenne. Wer weiss, vielleicht liest ja der Hasser diese Zeitung und stösst auf diese Zeilen. Falls es so wäre, würde ich ihn gerne bitten, auch einmal einen seiner Briefe mit Unterschrift und Absender zu versehen, sodass unser Briefwechsel nicht gar so einseitig bleiben muss.

Es wäre mir eine Freude, ihm auch ein paar Zeilen zu schreiben, nichts Böses, nichts, das ihn beunruhigen müsste, nur ein paar freundliche und ermutigende Worte in einer nicht immer einfachen Zeit.

*Pedro Lenz ist Schriftsteller in Olten und Kulturredaktor dieser Zeitung.

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