Selzach
«Der Anbau von Zuckerrüben ist etwas für Profis»

Die Zuckerrübenernte ist momentan in vollem Gange. Doch dieses Jahr gibt es – wie im vergangenen Jahr – wieder massiv weniger Ertrag als im Durchschnittsjahr. Wir besuchten Frank Amiet und sein Team in Selzach.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Gleich sechs Rüben-Reihen auf einmal schafft Frank Amiets Rübenroder.
11 Bilder
Von aussen betrachtet, sehen diese Rüben doch gut aus.
Das Rübenkraut wird vom Rübenroder geschnitten und gleich gehäckselt.
Bei der Zuckerrüben-Ernte in Selzach dabei
Eine Rübenreinigungslademaschine – genannt «Maus» – ist ebenfalls im Einsatz.
Finn Amiet ist schon heute ein begeisterter Zuckerrübenbauer.
Storch zu Besuch
So sieht eine Rübe von innen aus

Gleich sechs Rüben-Reihen auf einmal schafft Frank Amiets Rübenroder.

Michel Lüthi

Zuckerrübenernte ist Teamarbeit. Ein Traktor fährt mit einem angehängten Rübenroder, mit dem gleichzeitig sechs Reihen Rüben aus der Erde geholt werden können, voraus. Frank Amiet, Zuckerrübenproduzent aus Selzach, sitzt im Traktor – der Traktor fährt rückwärts übers Feld. Nach dem Ausgraben transportiert der Roder die Rüben schön in die Mitte der Traktorfahrspur.

Jetzt kommt Stefan Zuber mit seinem Einsammler zum Einsatz. Die Rüben werden per Schaufelrad aufgeladen und landen in einem Kasten. Ist dieser voll, werden die Rüben am Rand des Feldes auf einem grossen Haufen zusammengeschüttet. In welcher Art und Weise die beiden Männer übers Feld fahren, machen sie vorher ab – oder sprechen per Handy gleich aus ihren Fahrzeugen miteinander.

Mit Leib und Seele

In einem Tag erntet Amiet dieses Feld vor den Toren Selzachs von rund 3,8 ha. Amiet ist Zuckerrüben-Bauer mit Leib und Seele. «Schon etwa 75 Jahre pflanzen wir in unserer Familie diese Pflanze an», erzählt er. Insgesamt bewirtschaftet er 12 ha mit Zuckerrüben. Das ist eine ganze Menge, denn ein durchschnittlicher Bauernbetrieb produziert Zuckerrüben auf etwa 3 ha. «Zuckerrüben-Anbau ist etwas für Profis», sagt Amiet, denn einfach nur säen und dann ernten ist nicht.

«Die Rüben müssen im März gesät werden. Dann werden sie gut beobachtet und dreimal mit wenig Unkrautvertilger gepflegt. Zum Schluss gibt es noch ein Fungizid, um die Blätter gesund zu halten.» Ein Feld mit Zuckerrüben muss in den darauffolgenden vier Jahren eine andere Bepflanzung durchmachen, bevor wieder Zuckerrüben angepflanzt werden können. «Rüben – Winterweizen – Raps/Mais – Getreide – und wieder Zuckerrüben», zählt Amiet auf.

Fallende Zuckerpreise

Früher war der Zuckerrübenanbau für die Landwirte ein gutes Geschäft. Jeder Rübenpflanzer hatte eine Zuckerquote, die vertraglich mit der Zuckerfabrik bestimmt wurde. Heute hat sich das geändert – und es wird im nächsten Jahr noch schwieriger. «Der Zuckerpreis fällt weltweit seit Jahren», sagt Amiet. Zudem wird 2017 der Zuckermarkt in der EU freigegeben. «Da können wir Schweizer Produzenten dann kaum mehr mithalten, denn die Anbauflächen bei uns sind im Verhältnis zu den europäischen Produzenten klein.»

Dabei sei der Zucker aus der Schweiz begehrt, insbesondere bei der Nahrungsmittelindustrie, weil er eine hervorragende Qualität aufweist. «Red Bull verwendet beispielsweise nur Schweizer Zucker», weiss Amiet. Im Übrigen sei das Klima in der Schweiz für den Anbau von Zuckerrüben sehr geeignet. «In der EU erntet man 60 Tonnen pro ha, in der Schweiz 90 Tonnen, wenns gut läuft», berichtet Amiet. «Viele, vor allem kleinere Zuckerrüben-Bauern haben die Pflanzung aufgegeben», erzählt Amiet noch. «In diesem Jahr ist der Ernteertrag schlicht und einfach katastrophal.»

Man rechne mit Ertragseinbussen von 40 bis 70 Prozent, über alle Produzenten der Schweiz gemessen. «Schuld daran ist das schlechte Wetter vor allem im Mai. Der viele Regen führte dazu, dass die Rüben nur schwer Wurzeln bilden konnten. Die Böden wurden zu fest. Dann kam im Sommer eine grosse Hitze, was die Rüben auch nicht so gern haben», so Amiet.

Diese jetzt sonnigen Herbsttage sind nun aber die letzte Chance, den Rüben doch noch einiges mehr an Zuckergehalt angedeihen zu lassen als zunächst befürchtet. «Jeden Tag mehr im Boden steigert den Zuckergehalt um 1/10 Prozent», sagt eine Pflanzer-Regel. Normalerweise ergibt eine ha Land 17 bis 20 Tonnen Rüben; dieses Jahr sind es bloss 12 Tonnen oder weniger.

Dabei war auch das vergangene Jahr schon ein schlechtes Rübenjahr. «Damals machte uns die grosse Trockenheit übers ganze Jahr hindurch zu schaffen.» Diese Woche muss ein Teil der Rübenfelder in der Region abgeerntet werden, sagt Amiet. «Die Zuckerfabrik Aarberg sagt uns, wann wir liefern müssen.» Normalerweise geschehe dies um den 20. September. Doch in diesem Jahr ist es anders.

Die Mäuse helfen auch mit

Amiet ist Vizepräsident des Rübenrings Seeland, der in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert. 1700 Mitglieder umfasst diese Organisation, die sich vorwiegend um den Transport der Rüben kümmert. Fünf sogenannte «Mäuse» gehören dem Rübenring.

Das sind Rübenreinigungslademaschinen, welche die Haufen der Rüben reinigen und gleichzeitig auf grosse Transporter verladen. Dann gehts ab nach Aarberg, wo fast sämtliche Westschweizer Produzenten ihre Ware hinliefern.