Auf einen Kaffee mit...
Der AEK-Chef war vor allem von Brasiliens Vielfalt beeindruckt

AEK-Chef Walter Wirth war einer der Solothurner Elf an der WM in Brasilien. «Es war grossartig, einfach grossartig», schaut er zurück.

Sven Altermatt
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Büro statt Stadion: Walter Wirth in der Solothurner AEK-Zentrale.

Büro statt Stadion: Walter Wirth in der Solothurner AEK-Zentrale.

Hanspeter Bärtschi

Auch Walter Wirth (55) sitzt wieder in seinem Büro. Braun gebrannt ist er, und frühmorgens schon gut gelaunt. Er scheint entspannt, bisweilen euphorisch, Hemd und Anzughosen sind wieder Pflicht. Noch zehrt der Mann von den Erlebnissen der vergangenen Wochen. «1:0, 2:0, 3:0, 4:0, 5:0», zählt Wirt auf, «innert einer Halbenstunde – stellen Sie sich das einmal vor!» Der CEO des Stromversorgers AEK war im Estádio Mineirão von Belo Horizonte, als das deutsche Team den Brasilianern die schmerzlichste aller Niederlagen zufügte. 7:1. Eine fussballerische Sternstunde, ein Trauma für Brasilien. Nach dieser sportlichen Katastrophe sei das Land gelähmt gewesen, erinnert sich Wirth. «Zum Spielende haben die brasilianischen Fans den Deutschen applaudiert. Aus Wut auf ihre Mannschaft, aber auch aus Respekt vor der deutschen Leistung.» Die Hoffnung, dass ein WM-Triumph den Alltagskummer lindern könnte, blieb unerfüllt. Dabei hätte er es den Brasilianern doch so gegönnt.

Walter Wirth hat Brasilien lieb gewonnen. «Die Lebensfreude! Die geografischen Dimensionen!» Mit zehn anderen prominenten Köpfen aus der Region war Wirth in Brasilien unterwegs. Unter anderem dabei: FDP-Kantonsrat Beat Käch und Sportzentrum-Chef Marcel Siegenthaler. Die Schnappschüsse der Solothurner Elf, ihre «S’11ies», waren regelmässig in dieser Zeitung zu sehen.

Vier Spiele im Stadion und ein halbes Dutzend Flüge später sind die Männer zurück von ihrer Grand Tour. In der Solothurner AEK-Zentrale treffen wir Wirth zum Reiserapport. Seine Schilderungen erinnern ein wenig an jene eines Bildungsreisenden. Vor der Abreise haben Wirth und seine Kollegen portugiesisch gebüffelt, sich über Land und Leute informiert. In Brasilien habe er dann das Gespräch mit den Menschen gesucht, erzählt Wirth. Was seine Gesprächspartner einte, war die Kritik an der Politik von Präsidentin Dilma Rousseff. Viele Brasilianer, wissen wir, haben in den vergangenen Jahren den Aufstieg zu etwas Wohlstand geschafft. «Die Mittelschicht wächst und wächst. Und das führt mitunter zu Spannungen.»

Die konstant auf 18 Grad heruntergekühlten Zimmer, die ständig surrenden Klimaanlagen hatWirth als Statussymbol der aufstrebenden Mitte identifiziert. Zwar sei der Pro-Kopf-Stromverbruch in Brasilien noch immer viel tiefer als in der Schweiz, erklärt er. «Aber betrachtet man den Verbrauch der Wohlhabenden alleine, gibt das eine grosse Zahl.» Nun spricht der Energiemanager Wirth. Begriffe wie Effizienz und Wertschöpfung fallen. Er lässt seine gefalteten Hände auf den Tisch fallen. Probleme ortet der AEK-Chef vor allem im «mangelhaften Anlagenunterhalt». Sanitäre, Elektriker oder Servicetechniker hat er in den brasilianischen Grossstädten keine gesehen. Ein Fall für Wirth? Nach einer kurzen Denkpause meint er: «Wäre ich 30 Jahre jünger, würde ich nach Brasilien gehen und dort ein Geschäft aufbauen.»

Die Organisation der Fussball-WM, lesen wir, klappte entgegen allen Befürchtungen reibungslos. Es gab kaum Demonstrationen, die Touristen waren glücklich, und selbst der Fussball war attraktiv. Walter Wirth würde unter dieses Fazit sofort seine Unterschrift setzen. Seine Reisekollegen, versichert er, würden es ihm gleichtun.

Nun aber Hand aufs Herz, Herr Wirth. Warum reisen elf Männer für Tausende Franken nach Brasilien und lassen sich nach Strich und Faden verwöhnen? Wegen des Fussballs? Fussballverrückt, gesteht der Elektroingenieur, sei er nicht. «Aber andere aus unserer Truppe, die haben ein immenses Fussballwissen.» Und so hat er es genossen, mit zehn Kollegen – «spannende Köpfe, vom Kantilehrer bis zum Unternehmer» – durchs Land zu reisen. Besonders beeindruckt hat Wirth die Vielfalt der Gastgeberstädte. Da ist Brasília, die Hauptstadt vom Reissbrett. «Gepflegt, aber ohne Atmosphäre.» Salvador, einst die erste Stadt unter portugiesischer Kolonialherrschaft. «Bunt und herzlich. Man wähnt sich mitten in Afrika.» Belo Horizonte, Ort der brasilianischen Tragödie. «Eine lebenswerte Stadt.» Und natürlich Rio de Janeiro. Hier hat sich die Solothurner Elf im Public Viewing das Schweizer Achtelfinale gegen Argentinien angeschaut. Copacabana, Körperkult, Slums? Wirth schüttelt den Kopf. «Diese Formel greift zu kurz.» Damit werde man der Vielfalt dieser Stadt niemals gerecht.

Wahrscheinlich ist es die Pflicht eines gewissenhaften WM-Touristen, auch negative Begleiterscheinungen anzusprechen. Horrende Staatsausgaben für Stadien. Umgesiedelte Familien. Die Kommerzialisierung, orchestriert vom Weltverband Fifa. Dass Brasilien die Fussball-WM über die Bühne gebracht hat, ist für viele Einheimische ein Ausdruck von Grösse. Wirth findet: Man dürfe nicht vergessen, dass sich das Land während der WM wohl unter einer Blase eingenistet hat. Er habe sich in Brasilien stets sicher gefühlt – «sicherer als in der Schweiz». Um an der Copacabana in ihre Appartements zu gelangen, mussten die Männer ihre Fingerabdrücke abgeben.

Mit dem Rad ist Walter Wirth, ein begeisterter Sportler, über brasilianische Hügel gebraust. Zum Biken will er nach Brasilien zurückkehren, «ein Geheimtipp». Und auch die Solothurner Elf könnte bald wieder im Flugzeug sitzen, lässt er durchblicken. «Abends ein Glas Wein, fachsimpeln, über Gott und die Welt reden. Das war schön.»